Ende einer Männer-WG

Drei Tage schweißtriefend Sitzungen in der Kirche in Missabougou. Jochen weiß gar nicht, woher er das ganze Wasser nehmen soll, das er das ausschwitzt. Am ersten Tag dann noch Stromausfall für mehrere Stunden – ohne Ventilator hört der Spaß nun wirklich auf… Aber dann gestern Abend: Regen! Richtiger Regen – nicht nur ein paar Tropfen. Wir stehen auf der überdachten Veranda unserer Zentrale und genießen den Wind und die Frische. Was für ein Geschenk doch Regen sein kann!

Und heute dann die Wahl des Kirchenleitungskomitees. Wir sind sehr gespannt, wer die Kirche in den nächsten 5 Jahren führen wird und beten gemeinsam mit unseren malischen Geschwistern um Leitung des Heiligen Geistes in diesen Entscheidungen. Bei manchem Posten gibt es ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen und am Schluss wurden fast alle bisherigen Leitungsmitglieder wiedergewählt – nur einen Wechsel hat es gegeben. Das steht für Konstanz aber auch für Vertrauen der Delegierten in die bisherige Leitung. Enoc, der bisherige Präses, wird nun auch weiter unser erster Ansprechpartner sein und wir freuen uns, dass er – zusammen mit 4 anderen Maliern – uns im Mai in Deutschland besuchen wird.

Zum Abschluss konnten wir dann noch mit ca. 70 Maliern Abendmahl feiern. Wir sind in Christus verbunden – bei allen Unterschieden in Sprache, Kultur, Geschichte, Hautfarbe, Lebensweise, sind wir vereint, weil Gott unser gemeinsamer Vater und Christus unser gemeinsamer Herr ist.

Und so sitzen Jochen und ich nach eine vollen Woche auf dem Flughafen und warten aufs Einchecken. Ich bin sicher, Jochen wird die abenteuerlichen Taxifahrten durch Bamakos Straßen vermissen und vielleicht noch so manches mehr… Es war für uns beide eine richtig gute Zeit mit unserer Männer-WG und den zahlreichen Besuchen und Gesprächen und wir stellen fest, wie ganz anders es ist, wenn man mal vor Ort gewesen ist und Infos nicht nur über Mails und Bilder bekommt…

Tod eines Perlhuhns

Auf der Fahrt nach Niamana kommen wir mit Etienne an einem Hühnerverkaufsstand vorbei. Da steht es und lächelt mich an: ein Perlhuhn! Wie lange habe ich kein Perlhuhn mehr gegessen! Die letzten Jahre habe ich mir immer mal wieder vorgenommen ein Perlhuhn in Mali zu verzehren und es dann doch nicht geschafft – aber diesmal kommt es mir nicht davon! Auf der Rückfahrt von unserem Schulbesuch ist es immer noch da und wartet auf mich. Etienne bittet mich nicht so dicht am Stand zu parken, denn es würde den Preis in die Höhe treiben, wenn die Weißen dabei sind. So steigt er aus und kauft mein Perlhuhn, das nach abgeschlossenen Preisverhandlungen mit zusammengebundenen Beinen in unserem Auto landet. Ich weiß, ich sollte mich schämen, aber ich mache mir gar keine Gedanken über artgerechten Perlhuhntransport – immerhin, das Auto ist klimatisiert! Zuhause angekommen hüpft es erst mal trotz Laufhandicap aus dem Auto und versucht zu verschwinden, wird aber mit geschickter Hand und Mithilfe unseres Hundes wieder eingefangen und an eine Leine gelegt. Kurze Zeit später kümmert sich Sidiki, unser Wächter, um sein weiteres Ergehen und schneidet ihm die Kehle durch, rupft es und brennt die restlichen Federn über dem offenen Feuer ab – Männerarbeit. Christine, die uns hier im Haus hilft, ist für das Ausnehmen zuständig – Frauenarbeit. So bekomme ich nun mein Perlhuhn splitterfasernackt in einer Plastiktüte in die Hand gedrückt.

Im Kühlschrank darf es dann noch einen Tag die angenehme Frische genießen, bevor ich heute Abend mit der Tüte in der Hand ein paar Straßen weiter durch Bamako laufe – ein Straßengrill mein Ziel. Herr Tolo hat haufenweise Hühner auf die Spieße gesteckt, die sich nun schmackhaft tropfend auf seinem Grill drehen. Als er mich sieht, bekomme ich erst mal Vorwürfe gemacht, weil ich so lange nicht bei ihm war. Jetzt hofft er darauf ein paar Hähnchen bei mir loswerden zu können. Aber ich hole die Tüte hervor und zeige ihm mein Perlhuhn. Zwar wirkt er nicht gerade glücklich, aber dann zieht er ein Hähnchen vom Spieß, schiebt stattdessen mein Perlhuhn darauf, steckt das Ganze wieder auf den Grill und sagt mir, ich solle in einer Stunde wiederkommen – alles kein Problem.

Das tue ich dann auch gerne – Jochen und ich haben schon den Tisch gedeckt und freuen uns auf ein gutes Mahl. Jedoch als ich ankomme, erklärt mit Herr Tolo, dass es leider einen Stromausfall gegeben hat; somit konnte sich der Spieß nicht drehen und er keine Hähnchen und erst recht nicht mein Perlhuhn grillen – ich möge doch bitte in 20 Minuten wiederkommen. Na, da bleib ich doch lieber direkt eine halbe Stunde. Und dann, tatsächlich, ist mein Perlhuhn gar! Noch schnell gewürzt, ein paar Zwiebeln und ein paar Pommes dazu und ab nach Hause. Dort lassen wir es uns schmecken, stellen aber fest, dass wir uns doch besser nach dem Alter meines Perlhuhns hätten erkundigen sollen.

… wie wunderschön anders das Leben ist ohne Tiefkühlkost!

Ogossagou

160 Menschen tot in einem kleinen unbedeutenden Dorf. Kinder, Alte, Männer, Frauen und Tiere gleichermaßen abgeschlachtet und die Häuser in Brand gesetzt. Ihr, die Ihr auf Euren Motorrädern mit Euren automatischen Waffen über sie hergefallen seid – warum? Was habt Ihr erreicht? Was außer Hass und Rachegelüsten und tiefer Traurigkeit? Wer oder was hat Euch getrieben? Gehört Ihr, wie man jetzt allgemein annimmt, zur Jägervereinigung der Dogon, zu dieser selbsternannten Selbstverteidigungsgruppe? Wen habt Ihr verteidigt gegen diese Frauen und Kinder und Alten? Natürlich, Eure Opfer, die Peulh, haben auch viele von Euch getötet, so wie Ihr immer wieder die Peulh umgebracht habt. Aber nie so barbarisch, nie so viele, so viele Unbeteiligte, so erbarmungslos alle, die Euch vor Eure Waffen kamen. Ihr, die Ihr seid Jahrhunderten als Nachbarn nebeneinander lebt, miteinander lebt, voneinander und füreinander lebt. Wer oder was hat Euch bewegt, aufeinander loszugehen, als wäret Ihr schon seit allen Ewigkeiten erbitterte Feinde? Natürlich, schon seit man denken kann, streitet Ihr Euch über die Viehherden der Einen und die Ackerflächen der Anderen. Natürlich habt Ihr schon immer Konflikte gehabt. Aber die habt Ihr lösen können. Eure Alten haben Frieden geschlossen, immer wieder und das Leben miteinander ging weiter. Sagt uns, was sich geändert hat, warum alle Friedensbemühungen zu nichts führen, warum trotz aller unserer Gebete das Abschlachten immer schlimmer wird statt besser. Und wenn Ihr es uns nicht erklären könnt, dann erklärt es wenigstens Euren Landsleuten, Euren Dogon- und Peulh-Brüdern, die sich nicht hassen wollen, die Euch nicht verstehen und verzweifelt nach Erklärungen dafür suchen, dass Ihr eigenes Land, ihre eigene Ethnie, ihre eigenen Brüder sich verhalten wie sich eigentlich kein Malier je verhalten würde. Weil Malier Vielfalt schon immer kennen und akzeptieren. Weil Mali schon so viele Wechsel von Herrschaft und Königreichen mitgemacht hat, dass es sich nicht so einfach von einer Ideologie einfangen lässt. Weil in Mali jeder mit jedem irgendwie verwandt oder doch durch irgendeine Verbindung oder „Cousinage“ verbunden ist. Welcher Geist, welcher teuflisch, dämonische Geist treibt Euch? Welche Menschen, welche Interessen, welche in- oder ausländischen Einflussnahmen manipulieren Euch?

Ein Dorf im Osten Malis, knapp vor der Grenze zu Burkina Faso, vor 3 Tagen eben noch ein Dorf wie so viele andere in Mali. Heute nur noch ein Zeichen für Hass, Brutalität und Verzweiflung.

 

Willkommen Finanzminister!

Nach 2 Wochen, die ich hier allein in Mali war, ist gestern Jochen Schmidt, der Geschäftsführer der Allianz-Mission hier in Bamako angekommen und vor uns liegt eine gemeinsame Woche. Jochen ist hier, um sich die verschiedenen Verwaltungs- und Kassendinge in Mali anzuschauen, aber auch um Mali, die Arbeit und einige der Leute hier kennenzulernen. So haben wir unsere Männer-WG aufgemacht und voller Freude (…) blicke ich auf ein paar Tage, in denen es um Zahlen, Buchhaltung, Kosten, Quittungen, Verwaltung, Abrechnungen, Zahlungsweisen, Kassenberichte und all so etwas gehen wird. Aber auch wenn das nicht meine Lieblingsthemen in Mali sind, ist das natürlich notwendig und für Malier und Deutsche wichtig zu sehen, dass wir das ernst nehmen und zeigen, dass wir eine ordentliche Finanzverwaltung wertschätzen.

Aber damit fangen wir erst am Montag an. Heute Morgen trafen wir uns mit Enoc und Jochen durfte alle seine Fragen loswerden. Und währende die UNO fast nebenan über die Sicherheit Malis berät, besuchen wir am Nachmittag den malischen Zoo und genießen es, zwischen Löwen, Affen, Elefant und Krokodil reichlich malische Kinder zu sehen, die fröhlich von Gehege zu Gehege laufen und den Spielplatz bevölkern. Wie dankbar ist Jochen (und ich auch), dass es gestern und heute bewölkt und damit von den Temperaturen annehmbar war. Na, das wird sich in den nächsten Tagen dann wohl noch ändern… Natürlich fahren wir zum Zoo mit einem klapprigen gelben Taxi – wir wollen den Herrn Direktor ja nicht verwöhnen…

Morgen predigt Jochen im Gottesdienst in der Gemeinde Quinzambougou – er auf Deutsch, ich übersetze auf Französisch und dann das Ganze nochmal ins Bambara. Zu gerne säße ich dann später mal bei dem Einen oder Anderen beim Mittagessen dabei, um zu hören, was letztlich bei Ihnen von der Predigt angekommen ist.

Besuch einer Madrasa

Wenn man in Mali auf die Schule gehen will, dann stellt sich nicht nur die Frage auf welche Schule man gehen möchte, ob es eine öffentliche oder eine privat geleitete Schule ist, sondern man darf oder muss sich auch für ein Schulsystem entscheiden. Neben der klassisch französischen und der muttersprachlichen Alternative gibt es nämlich noch die franko-arabischen Schulen und die Madrasa. Und die Möglichkeit eine solche zu besuchen hatten wir vor 2 Tagen. Zunächst sieht fast alles so aus wie überall: Viele Klassenräume mitten in Bamako mit einem großen Schulhof, ein paar Lehrer- und Direktorenbüros. Nur fällt auf, dass die Mädchen durch die Bank verschleiert sind, was ja auch nicht verwundert und Jungen und Mädchen auf getrennten Seiten sitzen. Auch die Sprache, in der hier die Lehrer untereinander oder die Lehrer mit den Schülern kommunizieren, ist nicht Bambara oder Französisch, sondern Arabisch. Etienne und ich erklären, dass wir selbst mit dem Betrieb einer Schule begonnen haben und gerne besser verstehen möchten, wie andere Schulen arbeiten. Die Verantwortlichen geben uns bereitwillig Auskunft und so erfahren wir, dass es hier 2 Schulformen gibt: die franko-arabische Schule ist eigentlich nicht viel anders als wir es vom klassischen Schulsystem kennen, nur dass Arabisch die erste Fremdsprache ist. Die Fächer werden ansonsten fast alle in Französisch unterrichtet. Auf der anderen Seite des Schulhofs gibt es dann die Arabisch-französische Schule oder auch Madrasa. Hier sieht das Ganze schon etwas anders aus: Arabisch ist die Hauptsprache und Französisch die erste Fremdsprache. Neben den klassischen Fächern (Mathe, Bio und was nicht alles) werden auch der Koran, der Hadith, islamische Theologie und islamische Verhaltenskunde unterrichtet. Lehrbücher werden aus dem Französischen ins Arabische übersetzt und trotz dieser völlig anderen Schwerpunktsetzung wird auch in diesem Zweig das Abitur gemacht. Und danach können die Abiturienten für einige Fächer auf eine arabischsprachige Universität hier in Bamako gehen. Die Schulgebühren für die Madrasa sind sehr niedrig im Vergleich zu anderen öffentlichen Schulen, die des franko-arabischen Zweigs mehr als doppelt so hoch und der Direktor macht kein Geheimnis daraus, dass dies ein häufiger Grund ist, warum Eltern sich für die Madrasa entscheiden…

Fotoshooting mit Pastor Enoc

Im Mai kommt eine Delegation von 5 Maliern zu uns nach Deutschland und wir planen schon lange das Programm und freuen uns auf die gemeinsame

eine von Enocs Töchtern

Zeit – wenn sich die Gegebenheiten mal umdrehen und wir die Gastgeber und die Malier die Gäste sind. Pastor Enoc wird auf dem AM-Freundestag die Predigt halten und da er davor mit einem kurzen Clip vorgestellt werden soll, war gestern ein Foto- oder vielmehr Filmshooting angesagt. Und so hatte ich Gelegenheit an einem Nachmittag durch die wichtigen Lebensräume dieses vielseitigen Pastors geführt zu werden. Zwar waren mir seine Aktivitäten an sich bekannt, aber wenn man sie dann mal so alle hintereinander besucht, kommt man aus dem Staunen nicht heraus:

Wir begannen in seiner Familie. Enoc und Madeleine haben 5 Mädchen und

REMAR

3 Jungs, einige davon schon erwachsen, aber immer noch viel zu tun und auch für die Ausbildung zu bezahlen. Dann machten wir uns auf den Weg zu einem Projekt „REMAR“, wo sich ein Team von Leuten aus verschiedenen afrikanischen Ländern um Straßenkinder kümmert. Enoc ist da – wie soll man sagen – so eine Art Vorstandsmitglied und nicht selten auch mal gefordert, wenn man ganz praktisch den Kids helfen muss.

Später besuchten wir seine Schule, die er vor Jahren gegründet hat und in der

als Bauherr der Schule

jetzt hunderte von Kindern lernen und die immer noch weiter aufgestockt wird. Enoc stellt die Lehrer ein, kümmert sich mit Hilfe anderer um die Finanzen, hat die Bauaufsicht und fragt mich dann noch, ob ich mir mal ein Kind anschauen könne, das an Asthma leide und um das er sich Sorgen mache – selbst dafür hat er noch einen Blick.

als Viehzüchter

Und weiter geht die Reise, vorbei an seinem Reisfeld, wo er dieses Jahr 42 Sack Reis ernten konnte, zu dem, was mich am meisten beeindruckt: Enocs Schweinefarm! Ein Pastor der bei den Schweinen gelandet ist??? Ca. 45 Minuten von der Hauptstadt entfernt liegt sein Viehzuchtprojekt – die 35 Rinder sind mit den Hirten unterwegs, aber die Schweine sind alle in ihrem Gehege. Da stapft er mit seinem blauen Anzug zwischen den Schweinen herum, gibt mal hier, mal da einer Sau einen Klaps auf den

und nochmal als Viehzüchter
Imam

Hintern und erklärt mir, was er hier tut: Schweinefleisch ist sehr gefragt – sowohl von Restaurants als auch von Privatleuten. Und so fing Enoc vor Jahren mit 2 Schweinen sein Projekt an auf einem Grundstück, das für die Leute im Dorf wertlos schien. Mittlerweile holt jemand jeden Tag fässerweise Essensreste kostenlos aus den Restaurants in Bamako ab und bringt sie zur Schweinefarm. Dort arbeiten eine Reihe von Leuten, füttern und tränken die Schweine, bewachen das Grundstück vor Schweinedieben und bringen den Schweinkot zusammen, damit er sowohl für Enocs Reisfeld als auch für so Manchen im Dorf als Dünger dient. „Das Projekt“, so erklärt er mir, „bringt nicht nur mir ein gutes Auskommen. Ich habe damit auch die Möglichkeit einer Reihe von Leuten Arbeit zu geben. Außerdem ist das auch für meine Arbeit als Pastor wichtig: die Leute sehen, dass ich nicht nur im Büro sitze oder auf der Kanzel stehe, sondern dass ich mit meinen Händen arbeite wie sie auch – das bringt so manchen Kontakt auf eine persönliche Ebene.“ „Kontakte zur Dorfbevölkerung durch Schweinezucht im islamischen Umfeld??“, denke ich und rümpfe innerlich eine bisschen die Nase, aber dann werde ich eines Besseren belehrt: vor der Schweinefarm sitzt der Imam des Dorfes und hat ein offensichtlich sehr herzliches Verhältnis zu Enoc – die zwei begrüßen sich freundschaftlich und sind sofort miteinander im Gespräch – Schweine hin Schweine her…

Ins Gefängnis fahren wir heute nicht mehr, da waren wir schon beim letzten Besuch, aber auch da arbeitet Enoc mit als Gefängnispastor. Dass er außerdem noch Pastor der Zentralgemeinde und Präses unseres Gemeindebundes ist, sei nur am Rande erwähnt.

Wie macht er das? Hat bei ihm der Tag 72 Stunden? Enoc hat ein Händchen dafür, Arbeit an andere zu delegieren. Er muss nicht alles selbst machen und er fängt klein an, lernt aus Rückschlägen und ist immer neugierig. Ich freue mich drauf, wenn Enoc im Mai zu uns kommt. Ich glaube, wir können in Deutschland viel von ihm lernen – z.B., dass ein Pastor bei den Schweinen nicht unbedingt der verlorene Sohn ist, sondern vielleicht der, der den verlorenen Söhnen und Töchtern in ihrem Mist begegnet.

Zwischen Tradition und Moderne

Irgendwie wird es mir nicht langweilig immer wieder zu erzählen von den Gottesdiensten – euch? Diesmal in San, 450 km nordöstlich der Hauptstadt. Bis dahin kann ich noch vordringen, danach fängt die „rote Zone“ an. San ist noch eine der wenigen Kirchen, die kein eigenes Gebäude haben und sich deshalb die Gottesdienstbesucher unter einem Strohdach treffen. Daher fangen die Gottesdienstvorbereitungen schon früh an, denn alle Stühle müssen aus dem Lager geholt und aufgebaut werden, ebenso wie die Verstärkeranlage, denn es sind immerhin über 100 Leute, die sich da versammeln. Das Ambiente hat schon etwas Rühriges: Mitten im Hof des Pastorenhauses sitzen wir dicht beieinander unter einem vielleicht 1,90 Meter hohen Strohdach – wer größer ist, lernt da Demut, denn immer wieder stehen wir zum Singen oder Beten auf. Die Kinder sitzen wie immer auf dem Boden auf einer Matte. Neben uns wühlen ein paar kleine Ferkel im Dreck, der Hahn kräht ab und zu mal seine Bestätigung – nur der Esel gibt glücklicherweise heute keinen Laut von sich. Der Aufbau der Musikanlage geht noch den halben Gottesdienst weiter. Auf abenteuerliche Art und Weise werden mit den Zähnen Kabel abisoliert, verbunden und der Verstärker mit der Autobatterie im Pastorenhaus verbunden. Und dann das Kontrastprogramm. Ich habe mein Liederbuch in der Sprache der Bambara vergessen und da holt Pastor Ezechiel seit Smartphone aus der Tasche und öffnet seine Liederbuch-App. Uff, damit hatte ich nicht gerechnet! Zwischendurch kommt immer mal sein Enkel zu im gelaufen. Die beiden hängen aneinander, das ist zu schön zu sehen. Auch bei den Instrumenten mischt sich Tradition und Moderne: Balaphon und Djembe sind genauso dabei wie E-Gitarre und Digitalschlagzeug. Als die Bambaralieder zu Ende sind, kommen die der Bobos: eigenwilliger Rhythmus und pentatonische Melodieführung (wem das was sagt…) und man merkt sofort den Unterschied: fast alle hier gehören der Ethnie der Bobos an und das ist ihre Sprache, das ist ihre Musik. Die jungen Leute hält es nicht auf ihren Stühlen. Sie gehen neben das Strohdach und fangen an zu tanzen – echt beeindruckend die Schrittfolge und Bewegungsmuster und alles im Einklang. Das ist wirklich mal ein ganzheitlicher Lobpreis! Und außerdem kommt man vor der Predigt noch mal richtig außer Atem, so dass man sich dann besser konzentrieren kann. Netterweise darf ich hier predigen und es macht immer wieder Freude wie uns Gottes Wort über die kulturellen und sprachlichen Grenzen hinweg zusammenbringt.

Gottesdienst in San, nach 2,5 Stunden werden die Stühle wieder abgeräumt, die Anlage abgebaut aber die Jugend macht noch weiter Musik. In Kürze müssen sie nicht mehr unter dem Strohdach sitzen, denn bald ist ein Gebäude fertig, das zumindest vorübergehend als Gottesdienstraum genutzt werden kann. Da freuen sich alle drauf. Nur, wo tanzt dann die Jugend???

 

Ein Tag mit meinem Ex-Team

An diesem Tag bin ich von vorne bis hinten mit den Mitarbeitern unserer Partner NGO (nicht-Regierungsorganisation) zusammen. Am Morgen eine lange Sitzung, wo sie mich Stück für Stück einführen in das, was sie an Aktivitäten im letzten Jahr hatten: über 200 AIDS-Kranke wurden betreut, ein neues Gartenprojekt gegründet, viele Landwirte mit verbessertem Saatgut versorgt und angeleitet, ein paar Brunnen gegraben, die Buchhaltung überarbeitet… Und dann sprechen wir über Sicherheit: dort, wo sie in die Dörfer fahren, gehen immer wieder Mienen hoch, die dort versteckt werden, oder sie kommen in ein Dorf und bekommen einen Anruf, sie sollen so schnell wie möglich wieder wegfahren – irgendjemand warnt sie, weil wieder Motoradattentäter mit ihren Kalaschnikows unterwegs sind. Und wir reden über Geld: weil nur noch so wenig Organisationen in diesem Gebiet arbeiten, ist es schwer Partner zur Projektfinanzierung zu finden und damit sind ihre Gehälter sehr bescheiden. Ich erzähle von Deutschland, berichte über die Neuigkeiten aus der Allianz-Misssion. Gemeinsam füreinander betend beschließen wir die Sitzung.

Am Nachmittag nehme ich die gesamte Mannschaft mit in den gepflegten Stadtpark von Bamako – sie waren, wenn überhaupt, schon ewig nicht mehr da und wir schlendern gemütlich durch das satte Grün und die hohen Bäume. Spazieren gehen ist für viele Malier eine fast unbekannte Tätigkeit, aber da müssen sie heute durch – dem Besuch aus Deutschland zuliebe. Und ich hoffe, es hat ihnen auch ein bisschen Freude bereitet.

Am Abend holen wir dann noch ein paar Hähnchen vom Grill und Fritten dazu, setzen uns unters Strohdach, vertreiben die Mücken mit Insektenspiralen (keine Ahnung, wie man das auf Deutsch nennt) und plaudern bis tief in den Abend. Menschen, die ich zum Teil seit 25 Jahren kenne, die mir ans Herz gewachsen sind, die mir manchmal ganz nah und dann auch wieder ganz fremd sind.

Strömungsverhältnisse

Nach einem langen Sitzungsvormittag mit Daniel, dem Leiter unserer Hilfsorganisation, kommen am Nachmittag auch die anderen Mitglieder des Leitungskomitees an: fünf Herren und eine Frau. Es ist schön, ihnen hier so miteinander zu begegnen, denn seitdem wir nicht mehr in den Norden fahren können, sehen wir uns nur noch selten und so sitzen wir unter einem Strohdach zusammen und plaudern. Das Gespräch kommt auf die staatliche Stromerzeugergesellschaft zu sprechen. Alle leiden unter den ständigen Stromausfällen – besonders in der heißen Zeit, wo man ihn am dringendsten braucht. Man weiß aus sicherer Quelle zu berichten, wo der ganze Strom und das viele Geld abbleiben. Viele Politiker beziehen reichlich Strom (und versorgen damit die gesamte Großfamilie), bezahlen aber keine Rechnungen und niemand traut sich, ihnen den Strom abzustellen. Und dann gibt es die Leute von der Stromgesellschaft selbst, die Deals mit Großabnehmern machen nach dem Motto: die Rechnung wird nur auf 1/3 des Verbrauchs ausgestellt und die anderen 2/3 teilen wir uns. Weiterhin gibt es da die Elektriker, die sich darauf spezialisiert haben, Zähler entweder zu manipulieren oder die Zugangsleitung so anzuzapfen, dass der Zähler umgangen wird. Aber auch der Kleinverbraucher hat so seine Mittel und Wege: der Zähler wird zwar ordnungsgemäß draußen gut zugänglich angebracht, aber dann der Hund unmittelbar darunter festgebunden, sodass der Stromableser freiwillig unverrichteter Dinge weitergeht. Oder der Nachbar bekommt großzügig einen Unterzähler angeboten. Das spart eine Menge Geld, weil die Installationskosten des Stromunternehmens wegfallen – aber dann werden die Kabel so geschickt verlegt, dass auch der Verbrauch des Stromgebers über den Nebenzähler läuft und der Nachbar so alles zahlt. Die Tricks sind reichhaltig und alle kennen sie. Kürzlich wurde jemand Chef des Stromanbieters, der vorher bei einer Großbank gearbeitet hatte und seinen Job begann er damit, dass er sagte, er habe eigentlich alles, was er brauche und benötige kein Schmiergeld. Und dann fing er an aufzuräumen: Brachte Regelungen auf den Weg, durch die auch die hohen Tiere plötzlich ihre Stromrechnung zahlen mussten, deckte die heimlichen Absprachen auf usw. Aber es dauerte nicht lange, da war er im wahrsten Sinne des Wortes in den Ruhestand befördert worden, sprich: nun sitzt er irgendwo im Ministerium, wo er niemandem etwas tun kann, liest Zeitung und wartet auf Dienstschluss. Es ist überall dasselbe auf dieser Welt: wenn du zu vielen oder zu wichtigen Menschen gleichzeitig auf die Füße trittst, zieht dir das bald selbst die Beine weg…

Es ist überall dasselbe, nur scheinen sich die Malier daran so gewöhnt zu haben, dass sie diese Geschichten lachend erzählen. So sei das halt in Mali. Wut kommt da keine mehr auf, obwohl sie die Leittragenden sind. Und einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss gibt es hier dann für solche „Kleinigkeiten“ auch nicht.

Der Streik wider den Streik

Es kann einen schon manchmal zur Verzweiflung bringen: Mali hat so viele Probleme und dazu noch eine Schulbildung, die allen im Lande Sorge macht. Wie würde man sich da wünschen, dass alle an einem Strick ziehen: Schüler, Eltern, Lehrer, Politiker… Stattdessen wird gestreikt, was das Zeug hält. Die Lehrer haben alle möglichen Forderungen: mehr Gehalt, bessere Arbeitsbedingungen, ausgewogenen Vertretung in was-weiß-ich-für Gremien… Ich kann nicht beurteilen, was davon berechtigt ist und was nicht. Die Folge ist aber, dass der Schulunterricht an den öffentlichen Schulen alle Nas lang ausfällt: schon am ersten Schultag im Herbst begann der erste Streik und die Eröffnung musste verschoben werden und seitdem wechseln Streik und Schulzeit sich ab – jedoch hat es seitdem mehr Zeiten ohne als mit Schule gegeben und langsam mehren sich die Stimmen, die davon ausgehen, dass das „une année blanche“ wird: ein Jahr, wo keine Prüfungen stattfinden können, weil nicht genug Schulzeit war – also: alle müssen wiederholen.

Jetzt reicht es den Schülern und die Schülervereinigung hat einen Streik wider den Streik organisiert. Regierung und Lehren sollen sich endlich einigen und die Streiks beenden, sonst kommen die Schüler nicht zum Unterricht. Was sich zunächst völlig paradox anhört, hat doch seine Berechtigung. Denn diesmal bestreiken die Schüler auch die Schulen privater Träger. Vor Jahren hatte der damalige Premierminister und jetzige Präsident den Schülern gesagt, sie würden sich mit Streiks ja nur ins eigene Fleisch schneiden, denn die Kinder der Reichen und Politiker würden auf private Schulen gehen und somit der Unterschied zwischen ihnen nur noch größer. Also schicken jetzt die Schüler Streikposten auch an private, ausländische und konfessionelle Schulen und fordern die Schüler auf, den Unterricht zu verlassen. Schulen, die trotzdem weiter Unterricht geben, laufen Gefahr Opfer von Vandalismus zu werden. Ob das hilft? Leidtragend sind immer die Kinder und was das beste Mittel ist, die Verantwortlichen zur Verständigung zu bringen, ist schwer zu sagen. Aber verstehen kann ich die Schüler allemal. Was bleibt an Zukunft, wenn man dir die Schulbildung nimmt oder auf ein Minimum reduziert?

Und deshalb hätte ich heute eigentlich gar nicht „unsere“ Schule in Niamana besuchen können, denn der Unterricht sollte aus Vorsichtsgründen auch dort ausfallen. Aber da die Ferien vor der Tür stehen, haben sie doch ein bisschen Unterricht gemacht, damit ich nicht nur leere Gebäude sehe. Und wie immer war es eine Freude, dem Unterricht beizuwohnen: Spielerisch in kleinen Theaterstückchen lernten die Erstklässler in Alltagssituationen Französisch zu sprechen: Ein Einkauf auf dem Markt, wo kleine Stöckchen die Tomaten und Bananen darstellten. Und dann ein Gespräch über Kopfschmerzen und wo man am Besten Hilfe finden kann. Manche Kinder brüllten ihren Text geradezu hinaus, andere flüsterten kaum hörbar vor sich hin – aber allen schien es Spaß zu machen. Und dann die Pause: die neu angeschafften Spielgeräte waren der Renner: unter einem kleinen Wellblechdach tummelten sich alle 40 Schüler und bevölkerten die soliden Schaukeln, Wippen, Rutschen… Deutliches Zeichen ihrer Begeisterung: als ich zum Auto ging und die obligatorischen Gummibärchen rausholte, wären normalerweise alle Kids im Eiltempo bei mir gewesen – heute war keiner vom Spielplatz wegzukriegen und ich konnte die Tüten in aller Ruhe an Lehrer Bamadio und Dolo geben.

Herr Dolo und Herr Bamadio haben Pause
Karussell fahren