Erwachsenensport – in Afrika???

Als ich vor über 20 Jahren in Mali für meinen ersten und bislang auch einzigen Marathon trainiert habe, konnte ich mir das nur deshalb leisten, weil ich eine weiße Haut hatte. Da lässt man manches durchgehen – die Weißen haben ja viele komische Ideen. Jeden Tag, wenn andere nach der Arbeit gemütlich beieinander sitzen und Tee schlürfen durch die Gegend rennen ohne Ziel und Zweck, das war schon ein bisschen sehr seltsam. Erwachsene Menschen rennen nicht einfach so. Kinder tun das – vielleicht auch noch Jugendliche aber kein erwachsener Mann, der was auf sich hält.

Aber das hat sich geändert. Kultur wandelt sich! Immer mehr Menschen in Mali leiden unter den sogenannten Zivilisationskrankheiten: Bluthochdruck, Diabetes, Adipositas und mehr und mehr setzt sich durch, dass das mit Ernährung aber auch mit fehlender Bewegung zu tun hat. Es freut mich sehr, dass wir jetzt immer öfter von gestandenen Männern (und manchmal auch Frauen) hören, die Sport treiben: mancher beginnt damit, dass er sein Motorrad stehen lässt und auch mal zu Fuß zur Arbeit geht. Das ist gar nicht so einfach, denn sobald ein Bekannter vorbei kommt, wird sofort angehalten: „Ist Dein Motorrad kaputt? Alles in Ordnung bei Dir? Komm ich nehme Dich gerne mit!“ Trotzdem fangen immer mehr Leute auch an zu laufen – Jogging, um den Bauch abzutrainieren, den Blutdruck zu verbessern. Der Arzt in mir ist beglückt: tatsächlich eine Bewusstseinsveränderung von wesentlichen Teilen der Gesellschaft hier!

Daniel erinnert mich an Amadou, der vor Jahren als Krankenpfleger in einem entlegenen Dorf arbeitete und der schon damals trainierte. Als Daniel im Dorf fragte, wie sie denn so mit ihm zufrieden wären, sagten die Dorfbewohner: „Der ist wirklich klasse, der macht eine super Arbeit! Aber etwas ist komisch, das kapieren wir nicht: Morgens rennt der immer, obwohl er gar nichts jagt und auch niemand hinter ihm her ist!?!“

Die alte Garde und die jungen Wilden

Am Freitag hatten wir – wie bei jedem Besuch – eine lange Sitzung des nationalen Kirchenleitungsgremiums. Die Länge der Zusammenkunft von ca. 8 Stunden war nicht neu aber die Zusammensetzung: Im Mai gab es Neuwahlen und eine Bedingung für die oberste Kirchenleitung war, dass niemand gewählt werden durfte, der während seines Mandats in Rente geht (eine solch sinnvolle Regelung würde man sich in manchen Staaten dieser Erde auch wünschen…) und so war, auch wenn noch das ein oder andere bekannte Gesicht da war, ein wahrer Generationswechsel zu sehen. An manchen Stellen wurde deutlich, dass da auch noch einiges ruckeln wird, bis die Equipe sich eingespielt hat, aber trotzdem weht auch ein angenehm frischer Wind. Gerade der Umgang mit den technischen Mitteln ist für die jüngere Generation völlig normal. So wurde vom neuen Sekretär sofort eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet und das Sitzungsprotokoll am nächsten Tag versandt mit der Bitte um Korrektur (- bisher wurde dies meist erst zu Beginn der nächsten Sitzung Monate später verteilt).

Wenige Tage später waren wir in San bei Pastor Ezechiel und seiner Familie. Ezechiel ist Anfang 60, hatte vor ein paar Jahren einen Schlaganfall und hat seitdem einige Gänge zurückschalten müssen. Seine Frau Josephine hat offensichtlich Kniegelenkarthrose und es ist ein Jammer ihr zuzusehen. Nur mühsam quält sie sich aus einem Stuhl, läuft ein paar Schritte und lässt sich auf die nächste Sitzgelegenheit fallen. Aus dem Hof ist sie schon lange nicht mehr gekommen. Ich frage einen Mitarbeiter im Gesundheitswesen, ob es hier überhaupt möglich ist Kniegelenkprothesen einzusetzen, aber das scheint nicht der Fall zu sein – da bleibt nicht viel an Therapiemöglichkeiten übrig.  Pastor Abdias ist noch sehr mobil und aktiv, aber auch er hat deutliche gesundheitliche Einschränkungen: der Diabetes muss mit mehreren Medikamenten behandelt werden, hat aber wohl schon Schäden an den Augen hinterlassen.

So merken wir mehr und mehr, wie die erste Generation die Konsequenzen des Alters spürt und die Möglichkeiten immer eingeschränkter werden. Zwar hat die Kirchenleitung das Rentenalter ein paar Jahre heraufgesetzt, damit der Pastorenmangel nicht ganz so schwer zu verkraften ist, aber jünger ist dadurch auch niemand geworden. Und so tut es gut zu sehen, dass da junge engagierte Christen sind, die Verantwortung übernehmen, manche Dinge anders anpacken und so der Kirche helfen in dieser sich so schnell entwickelnden Zeit am Ball zu bleiben. Gleichzeitig aber begegnen sie den Älteren mit Respekt und Bescheidenheit, was den Übergang sehr erleichtert. Trotzdem: von mir aus dürften die Jungen ruhig noch ein bisschen wilder werden.

 

Eiergeschichten

Zwei Reisetage: gestern Aufbruch nach San – mal wieder – wenigstens bis dorthin dürfen wir noch, ohne zu viel zu riskieren. Aufbruch um 6:00 mit Fahrt in den Sonnenaufgang. Raus aus Bamako, der Smog lichtet sich, die Temperatur fällt auf erstaunliche 16°C. Nach 1,5 Stunde obligatorisches Frühstück in Fana: Nescafé, Brot, Omelette – warum liebe ich das eigentlich so? Weil es schon seit Jahren eine Tradition ist, wir die Leute dort kennen und sie uns, weil es das natürliche unkomplizierte Leben symbolisiert, dass es in Mali immer noch gibt und das uns vor 25 Jahren schon so gefallen hat.

Aber nanu – die schlichte Bretterbude hat sich verändert: jetzt ein abgeschlossenes Mini-Blechrestaurant mit gemauertem und mit Fliesen belegtem sauberen Tisch. Und statt unserer „Omelettefrau“ ist dort ein älterer Herr. Auf meine Frage, ob wir hier frühstücken können, zögert er leicht, stimmt dann aber freudig zu: 4 Gäste auf einmal – das lohnt sich! Wir nehmen Platz und er läuft raus, ruft uns kurz zu, er müsse nebenan nur ein paar Eier holen (aha, daher das Zögern) und rennt los, dreht nach ein paar Metern wieder um und ruft einem jungen Mann zu, dass er sich kurz sein Fahrrad ausleihen würde. Oh, denke ich, das kann dauern, aber schon nach wenigen Minuten kommt er zurück geradelt: auf einer Hand balanciert er eine Palette Eier, während er das Fahrrad durch die stark befahrene Straße steuert. Glücklich und unfallfrei angekommen, putzt er noch einmal den Tisch ab, schmeißt die Eier in die Pfanne, sucht verzweifelt nach einem zweiten Löffel, holt Chlorlösung fürs Händewaschwasser, ruft uns zwischendurch immer mal etwas zu, rührt den Nescafé an, schlägt den Zucker darin schaumig und serviert uns alles Stück für Stück mit atemberaubender Energie. Wir fragen ihn nach der Frau, die sonst immer da war und erfahren, dass er ihr Ehemann ist, länger auf Reisen war, aber jetzt wohl wieder das Geschäft führt. Sofort zückt er sein Handy, ruft seine Frau an und reicht „sie“ uns rüber, damit wir auch mit ihr ein paar Worte wechseln können. Dann bittet er Etienne, den er für unseren Chauffeur hält, doch seine Nummer aufzuschreiben und beim nächsten Mal vorher anzurufen, damit er schon alles vorbereiten kann. Dann würden wir sehen: alles noch viel schöner, auch der Boden gefliest und die Küche besser ausgestattet.

Ganze 3 Euro hat unser Frühstück für 4 Personen gekostet – das ist ja nun wirklich sehr sehr günstig, aber diese Fröhlichkeit, dieses Engagement, um uns freundlich, sauber und angemessen zu bewirten, dieses serviceorientierte Geschäftsmodell, diese Atmosphäre am Straßenrand von Fana, das ist einfach unbezahlbar!

 

Junge Konkurrenz

Großeltern – das ist ein Thema, über das wir früher kaum gesprochen haben, da wir und unsere Kollegen nicht in dieser Altersklasse zu finden waren. Jetzt allerdings ist die Frage nach den Enkeln eine ganz natürliche geworden. Interessanterweise liegen wir mit unseren 4 Kindern deutlich unter dem malischen Durchschnitt, aber mit unseren 11 Enkeln dafür ziemlich weit vorne im Vergleich mit unseren Freunden hier.

Eine Eigenheit der hiesigen Kultur haben wir letzte Tage ausführlich mit M. besprochen: Spaßeshalber werden hier die jeweils gleichgeschlechtlichen Enkel als Konkurrenz für den Ehepartner gesehen, sprich: Bekommt eine junge Frau einen Sohn, so wird gelästert, die Oma habe einen neuen Ehemann bekommen und ihr Gatte wird damit mächtig aufgezogen. Fährt nun die Oma zu Besuch zu ihrem Enkelsohn, muss sich der Opa ständig anhören, dass seine Frau ihn verlassen habe wegen des jungen Mannes – und der Opa selbst bezeichnet seinen Enkel als Rivalen (nicht, dass ich nicht verstehen könnte, dass die Enkel manches Mal die Aufmerksamkeit meiner Gattin stehlen können…). Genauso sind Oma und Enkelin Konkurrentinnen – aber interessanterweise nicht die gegengeschlechtlichen Enkel. Wenn die Enkel dann größer werden, bedeutet das auch, dass sie sich gegenüber Oma und Opa einiges rausnehmen können. Der junge Mann darf seinem Opa gegenüber freche Bemerkungen machen, sich über ihn lustig machen, ihn aufziehen so viel er möchte und der Opa darf nicht böse sein; genauso die Enkelin mit der Oma. Und doch – oder vielleicht gerade deshalb – haben die Beiden ein enges Verhältnis.

M. mit seinen 2 frischen Rivalen!

Ganz interessant in unseren Augen wird es dann, wenn eine(r) von den Großeltern verstorben ist: Jetzt holen sich z.B. die männlichen Enkel Kleidungsstücke des Opas, ziehen sie an, besorgen sich noch andere typische Gegenstände aus seinem Alltag und ahmen ihn vor der versammelten Trauergemeinde nach. M., dessen Vater Pastor war, erzählt, wie die Enkel nach der Beerdigung ihres Opas in dessen alten Klamotten mit Bibel unter dem Arm seinen charakteristischen Gang imitiert haben. Und das wird in keiner Weise als anstößig oder pietätlos betrachtet. Zunächst sind wir befremdet, dann aber merken wir, dass das letztlich nur eine andere Art der bei uns üblichen „Grußworte“ ist – wir erinnern uns verbal an Begebenheiten und Geschichten aus dem Leben des Verstorbenen, die Enkel hier tun dies in einer kleinen Theatervorstellung und bringen so ein Schmunzeln auf so manches Gesicht in der Trauergemeinschaft.

P.S. an meine Enkel: Glaubt mal ja nicht, das würde bei uns jetzt auch so gehen! 😉

 

Pastorengebet

Jeden Donnerstagvormittag treffen sich die Pastoren aus dem Raum Bamako, um miteinander zu beten. Und wo ich gerade da bin, darf ich gerne dabei sein. Auf meine Frage, wann es denn anfängt, geht ein Grinsen über Pastor D. Gesicht: „Na ja, eigentlich um 9:00, aber die Leute kommen da nicht so pünktlich. Wenn Du um 10:00 da bist, reicht das auf jeden Fall.“ Versteht sich – manche müssen um die 40 km fahren, um sich zu treffen.

Pünktlich um 10 bin ich da und finde erst einmal 3 Pastoren vor. Wir begrüßen alle im Hof und plaudern dann miteinander. Plaudern? Eigentlich nicht, denn schnell sind wir in einer heißen Diskussion über politische Ereignisse: Trump hat die Wahl gewonnen – wie es denn kommt, dass wir in Europa uns scheinbar gar nicht darüber freuen? Und so reden wir über dieselben Dinge, die auch in Amerika heiß diskutiert wurden. Hatten die Amerikaner letztlich nur die Wahl zwischen zwei Übeln? Können die Christen jemanden, der so ziemlich jeden biblischen Maßstab von gottesfürchtigem Leben in den Wind schlägt, nur deshalb als von Gott gesandt sehen, weil er Abtreibung nicht befürwortet? Und weiter geht es mit dem Ukrainekrieg: meine Gesprächspartner können nicht verstehen, warum wir die Ukraine unterstützen, und wir reden über Desinformation und Manipulation. Wieder einmal wird mir bewusst, wie unterschiedlich unsere Wahrnehmung derselben Situationen sein kann und es ist lehrreich zu versuchen, die andere Seite zu verstehen.

Nach und nach trudeln dann die anderen ein, sodass wir letztlich zu zehnt sind. Um mehr Ruhe zu haben, ziehen wir vom Hof ins Kirchengebäude um. Gemeinsam reden wir über einen Bibeltext, beten dann für Mali, seine Regierung, den sozialen Frieden und anschließend für die verschiedenen Anliegen aus den Ortsgemeinden.

Und dann ist es schon nach 12. Die Frauen im Hof sind schon länger dabei ein Mittagessen vorzubereiten und so sitzen wir noch zusammen und diesmal plaudern wir wirklich: darüber, wie sie von Polizisten angehalten wurden, weil sie nicht angeschnallt waren und nochmal davon gekommen sind – oder wie sie mit irgendwelchen Tüchern oder Gürteln improvisiert haben, damit nicht auffiel, dass das Auto gar keine Gurte hat. Zwischendurch kommt Pastor A. mit einer großen blauen Plastiktüte an und holt diverse Dinge heraus, die er an seine Kollegen verkaufen möchte: ein paar Teegläser, Gürtel, ein Handyladegerät, ein paar Schuhe, Zahnbürsten, eine Powerbank… Ich fühle mich an die Hausierer von vor 50 Jahren erinnert. „Das mache ich schon seit meiner Kindheit – so verdiene ich ein paar Francs hier, ein paar Francs da“ und mit charmantem Humor wird er so einiges an seine Kollegen los.

… ein vielfältiges Treffen und für mich die Gelegenheit die meisten der Bamako-Pastoren einmal zu treffen.

 

 

Dogonland

Früher war es das Touristengebiet Malis – interessante, felsige Landschaft, bewegende Geschichte, spannende Kultur. Wer nach Mali reiste besuchte Timbuktu, die Moschee in Djenne und das Dogonland. Heute ist es der vermutlich gefährlichste Bereich in Mali und „Weiße“ trauen sich schon seit Jahren nicht mehr dorthin.

Der islamistische Terror scheint die Gegend komplett im Griff zu haben. Schwer bewaffnete Truppen verstecken sich in den Wäldern und greifen immer wieder Reisende oder auch ganze Dörfer an. Menschen werden verschleppt, getötet oder Geld erpresst. Felder, die kurz vor der Ernte stehen, werden einfach abgebrannt. Den Terroristen gegenüber steht vor allem die Kaste der Jäger, die versuchen die Bevölkerung zu schützen aber meist ihren Feinden weit unterlegen sind.

Ein Teil der Dörfer wurde mehr oder weniger gezwungen ein Abkommen zu unterzeichnen, das sie verpflichtet Abgaben – die Zakat – an die Terroristen zu entrichten. Dabei sind diese nicht zimperlich und nehmen auch schon mal 20% dessen, was die Menschen geerntet haben. Dazu kommt die Verpflichtung keinerlei Informationen an das Militär weiterzugeben und allein schon der Verdacht, dass man sich daran nicht gehalten hat, kann einem ganzen Dorf das Leben kosten. Die Zakat, die islamische Steuer, gilt ja eigentlich nur den Muslimen. Nun aber werden mehr und mehr die Christen gezwungen, Gelder an die Islamisten abzugeben: mal sind es 15.000 Francs, mal 25.000, mal 50.000 pro Person. Aber wie sollen Menschen, die sich fast nur von ihrem selbst Angebauten ernähren, so viel Geld aufbringen? Bezahlen, damit sie auf ihrem eigenen Land bleiben dürfen? Doch was gibt es für Alternativen? „Entweder ihr zahlt, ihr geht oder ihr werdet Muslime.“ Manchmal springen dann Verwandte aus Bamako ein, manchmal hilft nur noch die Flucht. Das Dogonland ist eines der Gebiete, wo in Mali die meisten Christen wohnen – jetzt werden sie mehr und mehr wie Fremde behandelt, geduldet und das nur, wenn sie zahlen.

Wo führt das hin? Die Christen im ganzen Land beten viel für Ihre Brüder und Schwestern, damit Gott, dessen Name von den Terroristen für ihre Zwecke missbraucht wird, diesem Terror ein Ende setzt.

 

Wäret ihr hier…

…was wäre Euch wohl aufgefallen im Gottesdienst gestern in Tanima, 50 km vom Zentrum Bamakos entfernt?

…vielleicht der einfache grob verputzte Zementbau mit Blechdach als Kirche.

… oder die FBI-Mütze des Gemeindeleiters.

… vielleicht auch die Länge des Gottesdienstes von 2,5 Stunden.

… oder der laute engagierte Gesang (Als wir den Weg zur Kirche nicht direkt finden, sagt Abdias: „Macht mal die Fenster am Auto runter, dann hören wir, wo die Kirche ist!“)

… oder der Nikolaus, der von der Kirchendecke herunter baumelt. (Wer den da wohl hingehängt hat und warum???)

…möglicherweise auch die braven Kinder, die den ganzen Gottesdienst über auf einer Matte sitzen.

…vermutlich auch die Ausdauer, mit der der Gitarrist in der falschen Tonart das Gemeindelied begleitet (oder eher die Ausdauer der Gemeinde, die nicht bereit ist, ihre Tonart zu ändern – oder merken sie es vielleicht gar nicht?)

…ganz sicher die Schuhmode – von hochhackigen Glitzerschuhen bis zu Badeschlappen.

… sehr wahrscheinlich auch der Tanz beim Singen der Lieder, (aber das erwarten ja die meisten in Afrika.)

… kann sein, dass es euch auch wundert, dass der Pastor seine WhatsApp-Nachrichten durchschaut, während der Chor singt. (Er hat nicht gemerkt, dass ich ihn erwischt habe!!)

… erstaunlich auch das Holzkohleöfchen vor der Trommel in der Gesangspause, damit das Fell durch die Hitze den richtigen Sound bekommt. (Welcher deutsche Schlagzeuger hat das schon mal ausprobiert?)

Vielleicht wären Euch aber auch ganz andere Dinge aufgefallen – unser Blick ist ja schon geprägt. Und ich frage mich, was wohl den Maliern aus Tanima auffallen würde, wenn sie zu uns in den Gottesdienst kämen!? Ihr könnt Euch ja mal im Perspektivwechsel versuchen…

 

 

 

Zu viel des Guten?

Heute berichtete uns Pastor Abdias folgende Begebenheit: In ein sehr islamisch geprägtes Dorf kamen malische Christen, erzählten von ihrem Glauben an Jesus und luden die Leute dort ein, dass sie mit ihren Sorgen und Problemen zu ihnen kommen könnten, damit sie für sie beteten. So kam eine Frau zu ihnen, die keine Kinder bekommen konnte und bat die Christen, dass sie für Nachwuchs beteten. Ein paar Monate später wurde sie schwanger und bekam Zwillinge. Einige Zeit später die nächste Schwangerschaft: wieder Zwillinge. Dann die dritte Schwangerschaft und auch diesmal kamen wieder 2 Kinder zur Welt. Erschöpft machte sich die nun 6-fache Mutter auf den Weg und suchte die Christen. Als sie sie gefunden hatte, bat sie: „Könnt Ihr bitte Eurem Jesus sagen, dass er ein bisschen langsamer machen soll?“

Bamako, da sind wir wieder

Nachdem wir mitten in der Nacht gut in Mali angekommen sind – heute der erste Tag auf dem anderen Kontinent. Alles geht ein bisschen langsamer bei uns. Der Klimawechsel, die kurze Nacht – das steckt uns noch in den Knochen. Gerlind kämpft seit längerem mit einer Erkältung – der hat die lange Flugreise auch nicht gerade entgegen gewirkt. Auspacken, einkaufen, ein paar Anrufe, schon mal den ein oder anderen begrüßen und den fehlenden Schlaf etwas nachholen. Am Nachmittag versuche ich Pastor Enoc zu besuchen und laufe die 2 Kilometer bis zu seiner Wohnung. Der Frühstücksverkäufer hat seine Holzbude stolz in eine leuchtend blaue Blechbüchse verwandelt. Die open-air-Autoreparaturwerkstatt hat immer noch alte Schrottkarren und schicke Unfallfahrzeuge überall am Abwasserkanal entlang geparkt und die Mechaniker basteln hier und da wieder eine zusammen. Männer sitzen am Samstagnachmittag vor ihren Grundstücken, trinken Tee und spielen Karten. Die Überquerung der Hauptstraße benötigt, wie immer, mindestens ein Gebet, Mut, zielsicheres Fortschreiten, weil man sonst keine Chance hat rüber zu kommen. Der mobile Schneider läuft an mir vorbei, die Nähmaschine auf der Schulter und in der Hand eine große Schere, mit der er immer klappert, um auf sich aufmerksam zu machen und auch die reisenden Handytaschenverkäufer wandern in der Hoffnung auf Kundschaft durch die staubigen Straßen. In der Kirche übt der Kinderchor für den Gottesdienst morgen mit einer Energie, dass die Mauern von Jericho vermutlich schon beim ersten Rundgang eingestürzt wären, zumal – für mich zum ersten Mal – der Gesang mit einer Trompete unterstützt wurde.

Enoc ist nicht da, was am Samstagnachmittag zu erwarten war – eigentlich brauchte ich auch nur irgendein Ziel, um nicht einfach nur durch die Straßen zu laufen, Bamakoluft zu schnuppern, auch innerlich wieder anzukommen.

 

Same procedure as every year!

Hat ja schon Tradition: wir sitzen am Flughafen und warten, dass wir den Weg nach Mali antreten können und schicken die erste Mail – zum Vorglühen sozusagen. Nebel über Berlin. Sonne über Bamako! Der Zug hatte Verspätung, aber trotzdem sind wir rechtzeitig da gewesen. Check-in: ob wir Laptops im Gepäck hätten, die müssen nämlich raus wegen der Lithium-Akkus. Mist, das war bisher nicht üblich. Und gerade diesmal haben wir 4 Laptops für die Arbeit von Manuel Müller dabei – abgesehen von den eigenen. Also: das gemacht, was man sonst immer mit einem gewissen inneren Kopfschütteln bei anderen betrachtet („Kennen die die Gepäckregeln nicht???“): alle 4 Koffer irgendwo auf dem Gang aufmachen (in welchen hatten wir noch gleich die Laptops?) und zwischen Unterwäsche und Spekulatius (wir kommen ja in die Vorweihnachtszeit!) nach den Computern fischen. Die Dame am Schalter ist sehr freundlich und sagt, das sei doch gar kein Problem. Somit haben wir jetzt 6 Laptops im Handgepäck… Eine Dame mit genervtem Gesichtsausdruck geht an uns vorbei und sagt nur „Scheiß Flughafen“ – keine Ahnung, was ihr quer gelaufen ist, aber das können wir so nicht bestätigen.

Aber genug der Reisegeschichten. Was erwartet uns in Mali? Im Mai hat die Kirchenleitung gewechselt und der Präses, mit dem wir seit vielen Jahren zusammen gearbeitet haben, ist jetzt „normaler“ Gemeindepastor. Den Neuen, David, kennen wir auch schon sehr lange, weil er anfangs Pastor der Gemeinde in Sévaré war, als wir noch in Mali gelebt haben. Trotzdem ist eine solche Veränderung natürlich spannend und birgt neue Chancen.

Und neben den üblichen Treffen will ich natürlich mein Aquaponik-Projekt zu Ende bringen, das  die letzten Monate auf mich gewartet hat. Also habe ich wieder ein paar Abwasserrohre im Gepäck und freue mich aufs Basteln.

Nicht zuletzt wartet auf mich eine Kora, die ich beim letzten Besuch bestellt hatte und die leider erst nach meiner Abreise fertig geworden ist – also ein bisschen malische Musik darf es auch wieder sein.

Und wie schön, dass wir diesmal wieder gemeinsam reisen, Gerlind und ich. So können wir viele Erlebnisse und Begegnungen miteinander verarbeiten.

Also denn, bis bald aus Bamako