… solange es Tag ist…

Geweckt werde ich vom Geschrei eines Esels. Der Geruch von Karitébutter steigt mir in die Nase. Ein paar Vögel zwitschern, Tauben gurren und der nie endende Verkehrslärm in Bamako bildet die übliche Geräuschkulisse. Halb sieben und es wird hell, wegen der Äquatornähe viel schneller als in Deutschland. Mein Handy surrt kurz: die Ergebnisse unserer Coronatests sind da. Unserer Rückreise steht somit wohl nichts mehr im Wege.

Mali, die menschlichen Prognosen sind nicht rosig. Zwar stellt man in Gesprächen fest, dass die Malier ihrem neuen Präsidenten zutrauen, dass er das Land vorwärts bringt, aber zu sehen ist davon noch nicht viel. Und werden die ausländischen Machthaber ihm eine reelle Chance geben oder nur versuchen ihren eigenen Einfluss zu vergrößern? Besonders im Punkto Sicherheit sind die Aussichten weiterhin eher düster. Unsere Möglichkeiten zu arbeiten sind stark eingeschränkt, die Tagestouren, die wir außerhalb Bamakos gemacht haben, sind schon das höchste der Gefühle. Mehr geht im Moment nicht. Was haben wir es früher genossen, im Dorf oder in kleineren Städten unter freiem Himmel und nur mit Moskitonetz zu übernachten. Jetzt heißt es jede Nacht im Staub und Lärm Bamakos zu verbringen und da ist der Esel von heute Morgen schon fast eine Wohltat.

Viele Missionare und auch Mitarbeiter von Hilfsorganisationen fragen sich, ob sie unter diesen Bedingungen wirklich noch einen sinnvollen Beitrag leisten können. So mancher ist in sein Heimatland zurückgekehrt. Nahezu alle anderen tummeln sich in der Hauptstadt. Macht das noch Sinn?

Jesus hat einmal über sich selbst gesagt: “Ich muss die Aufgaben, die Gott mir gegeben hat, erfüllen, solange es Tag ist. Bald kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann.” In Mali ist Dämmerung und wir wissen nicht, in welche Richtung es weiter geht. Wird es bald wieder Tag oder greift die Dunkelheit mehr und mehr um sich? Öffnet sich Mali wieder oder haben wir bald gar keine Möglichkeit mehr dort zu arbeiten? Egal wie es weiter geht, wir möchten versuchen dem Beispiel Jesu zu folgen und das Handtuch nicht werfen, wenn der Kampf noch nicht entschieden ist. Wir wollen, wo immer es geht, unsere malischen Brüder und Schwestern unterstützen und wenn unsere Präsenz ihnen Hilfe ist, dann lohnt es sich. Und wir wollen hoffnungsvoll weiter beten, dass sich die zurzeit verschlossenen Türen wieder öffnen, denn der große Kampf ist längst entschieden!

Beileid

Pastor S. und ich machen uns auf den Weg nach Ségou. Da – wie schon erwähnt – der Vater eines langjährigen Mitarbeiters verstorben ist, wollen wir unser Beileid bekunden. Noch vor Sonnenaufgang fahren wir los, die einzige Zeit, in der man sicher und ohne Stau aus Bamako rausfahren kann. 90 Minuten später dann meine geliebte Frühstückspause an einer Omelettbude in Fana. Nach dreistündiger Fahrt lesen wir den Pastor aus Ségou auf, der uns durch die Stadt zum Wohnort der Familie des Verstorbenen bringt. Vor der Tür sitzen ein paar Männer: Verwandte und Freunde und unterhalten sich. Wir grüßen, setzen uns dazu und plaudern. Die Stimmung ist entspannt, locker, es wird gescherzt und geplaudert – alles andere als gedämpfte Beerdigungsatmosphäre – das Leben geht weiter. M., unser Mitarbeiter und ältester Sohn des Verstorbenen ist gerade bei einer Familienzusammenkunft, aber er wird natürlich sofort benachrichtigt, dass Besucher gekommen sind. Wenig später gesellt er sich zu uns und ist sichtlich erfreut über unseren Besuch. Wir erklären kurz, dass wir zur Beerdigung nicht kommen konnten, ihm nun aber gerne unser Beileid ausdrücken möchten. Der Austausch ist weitestgehend ritualisiert, die Sätze vorgegeben, das macht es beiden Seiten leichter, eine Anteilnahme zu zeigen, ohne hilflos nach Worten zu suchen oder Dinge zu sagen, die dem anderen möglicherweise den Schmerz vergrößern, statt zu lindern. M. sagt uns mehrfach, wie sehr er es schätzt, dass wir persönlich noch gekommen sind, obwohl wir doch schon per Telefon unser Beileid ausgedrückt hätten. Wir drücken ihm noch etwas Geld in die Hand, denn die Kosten für eine Beerdigung sind enorm und wer kann, beteiligt sich daran. Nach vielleicht 15 Minuten „entlassen“ wir ihn wieder, da er ja mit der Familie wichtige Dinge zu besprechen habe. Als er gegangen ist, gehen wir noch in den Hof und setzen uns kurz zu den Frauen, die beschäftigt sind mit Kochen: die vielen Gäste, die immer wieder kommen, müssen bewirtet werden. Auch hier ein kurzer Gruß, ein paar Worte des Beileids und schon verabschieden wir uns wieder.

M.s Vater ist 76 Jahre alt geworden – zumindest auf dem Papier, kann sein, dass er auch älter ist, damals spielten Geburtsdaten keine große Rolle. Und er hat 36 Jahre lang als Pastor gearbeitet und war darin sehr geschätzt. Auch darum kommen so viele Gäste. Wir haben ihn zuletzt vor 20 Jahren gesehen, als wir zu dritt durch Mali geradelt sind, um Gelder für die theologische Ausbildungsstätte „FATMES“ zu sammeln. Damals haben wir auf dem Grundstück der Kirche übernachtet und Pastor D. hat uns freundlich aufgenommen… eine der vielen Erinnerungen…

 

beim Pastor in Ségou
Frühstückspause – was waren wir jung…
unterwegs

 

 

 

 

 

 

Wieder so eine Geschichte, die in Deutschland seltsam erscheint, in Mali aber völlig selbstverständlich ist: 250 km fahren wir, damit wir ein paar Minuten dasselbe sagen, was wir schon am Telefon mitgeteilt hatten. Die dadurch ausgedrückte Wertschätzung lässt sich durch nichts anderes ersetzen. Vielleicht haben uns die Lockdowns der letzten 1,5 Jahre aber ein bisschen sensibler dafür gemacht, dass persönliche Präsenz etwas völlig anderes ist, als sich digital, fernmündlich, schriftlich zu begegnen.

 

 

Nachhaltigkeit – ein Kontrapunkt

In Deutschland ist ja alles – oder vielmehr sollte alles – nachhaltig sein. Der Energieverbrauch, die langwirtschaftliche Produktion, die Wirtschaft, ja mittlerweile retten wir den Planeten, wenn wir wiederverwendbare Ohrenstächen verwenden, und manchmal stellt man sich die Frage, ob aus einem wichtigen Konzept nicht mittlerweile eher ein Werbeslogan geworden ist: wie sinnlos auch immer ein Produkt sein kann: Hauptsache es steht „nachhaltig“ drauf.

Und auch oder gerade in der Entwicklungszusammenarbeit wie auch in der Missionsarbeit wollen wir nachhaltig sein. Geld einfach so geben, weil gerade der Bedarf da ist, ohne an die Wurzeln zu gehen, ohne zu fragen, wie die Notlage entstanden ist und wie man sie in Zukunft vermeiden kann, ist das nicht rausgeschmissenes Geld? Unsere Hilfe, sei sie technisch, personell oder finanziell in Mali, wollen wir so gestalten, dass keine Abhängigkeiten entstehen, dass Menschen in die Lage versetzt werden, unabhängig von unseren Ressourcen und im Bewusstsein ihrer eigenen Fähig- und Möglichkeiten ihr Leben zu gestalten – nachhaltig eben. Darüber sind etliche Bücher geschrieben worden und vieles, was wir als Menschen aus dem reichen Norden in der Vergangenheit getan haben, mussten wir – berechtigterweise – in Frage stellen. Und, um es gleich deutlich zu sagen: Ich bejahe dieses Konzept von Herzen und setze mich dafür seit Jahren in unserer Arbeit ein. Und doch, immer wieder komme ich auch an den Punkt, wo ich mich frage, ob das wirklich der Weisheit letzter Schluss ist.

Wenn ich mit den Menschen hier spreche, dann begegnet mir eine ganz andere Auffassung: viele Leute leben hier von einem Tag auf den anderen. Ob sie dabei nachhaltig leben oder nicht, die Frage stellen sie sich gar nicht. Zumindest das traditionelle Finanzsystem ist auf eine völlig andere Weise, als wir uns das vorstellen, nachhaltig: Wer heute viel hat, der hilft dem, der Pleite ist in dem Bewusstsein, dass ihm, wenn er selbst in diese Situation kommt, ebenfalls geholfen wird. Auch dieses System funktioniert seit Jahrhunderten und ist auf seine Weise ebenfalls nachhaltig – aber eben anders. Und ich denke, so mancher malische Christ sieht dies auch heute im Austausch mit Christen aus dem ökonomisch reicheren Norden ähnlich. „Zum jetzigen Zeitpunkt hilft euer Überfluss ihrem Mangel ab, damit dann ein anderes Mal ihr Überfluss eurem Mangel abhilft, und auf diese Weise kommt es zu einem Ausgleich.“, schreibt Paulus an die Korinther. … nicht so einfach von der Hand zu weisen…

Um es praktisch zu machen: Vor einigen Jahren haben wir einigen Gemeinden in Mali einen Traktor finanziert, damit sie ihre Felder besser bestellen können und außerdem durch den Verleih an andere, Geld in die Kirchenkasse kommt. Natürlich wurde eine Kasse angelegt, damit Geld für spätere Reparaturen zur Verfügung steht und der Traktor nicht irgendwann nur wegen ein paar fehlender Ersatzteile abgestellt werden muss. Aber was passiert, wenn eine Notlage in der Kirche entsteht, für die kein Geld an anderer Stelle gefunden werden kann? Wir können kopfschüttelnd dutzende Projekte aufzählen, die so unserer Einschätzung nach gescheitert sind, weil das Geld aus dieser Kasse irgendwann für andere Zwecke verwendet wurde. Aber ist das fehlende Nachhaltigkeit, wenn finanzielle Mittel, die für eine noch nicht eingetretene, fiktive Notlage zurückgelegt wurden, benutzt werden, um eine reale, aktuelle Notlage zu beseitigen? Wer von uns würde seinen Eltern die Behandlung im Krankenhaus verweigern, weil das dafür nötige Geld vorgesehen ist für eine noch gar nicht notwendige Reparatur? Steht hier möglicherweise materielle Nachhaltigkeit im Gegensatz zur Nachhaltigkeit eines Gesellschaftssystems? Und ist die Einstellung vieler Malier nicht vielleicht sogar näher an Jesu Worten dran: „Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen!“?

Ist es denkbar, dass unser Konzept von Nachhaltigkeit eines ist, das wir vom reichen Norden auf den finanziell ärmeren Süden übertragen wollen, das aber von vielen Maliern gar nicht mitgetragen wird? Ist nicht ein wesentliches Prinzip von Nachhaltigkeit, dass die Sicht der Menschen, die es betrifft, wesentlicher Ausgangspunkt aller angestrebter Veränderung ist? Kann es daher sein, dass unsere Weise, Nachhaltigkeit zu fordern für Länder wie z.B. Mali alles andere als nachhaltig ist?

Manchmal frage ich mich, ob ich nicht auf einem hohen Ross der entwicklungspolitischen Überheblichkeit sitze. Dann hoffe ich, dass es irgendwann gelingt auf dem Traktor des malischen Alltags gemeinsam zu überlegen, wie man nachhaltig ein Nachhaltigkeitskonzept entwickeln kann.

Mal wieder im Knast

Nicht zum ersten Mal fahren wir zusammen mit Pastor E. in ein Gefängnis in der Region Bamako. Diesmal müssen wir aber ein Stück weiter als sonst: 75 km entfernt von unserem Gästehaus befindet sich ein Gefängnis, das aufgrund der Entfernung von den Mitarbeitern hier nur selten besucht werden kann. Der Pastor vor Ort ist Teil des Teams, aber auch er findet nicht oft die Zeit, um dort regelmäßig Gottesdienste zu feiern. Also nutzt E. die Möglichkeit mit uns dorthin zu fahren – es spart natürlich Spritgeld, wenn wir das Auto stellen. Außerdem nähern wir uns Weihnachten und an diesem Fest sollen die Insassen auch etwas mehr zu essen bekommen als sonst. Denn das ist wirklich knapp. Gerade hier in der Peripherie sind nicht oft Verwandte da, die Essen vorbei bringen können: wer fährt schon 2×75 km, um eine Schüssel mit gekochtem Reis und Sause an der Gefängnispforte abzugeben? Und vom Staat gibt es nur einmal am Tag eine Mahlzeit: 15:00 wird gegessen, mehr gibt es nicht! Von daher bringen wir einen Sack Reis mit, in der Hoffnung, dass er tatsächlich für die Gefangenen genutzt wird und nicht irgendwo verschwindet… außerdem ein paar kleine Kuchen, die wir am Straßenrand gekauft haben: immerhin genug, dass die vielleicht 70 Gefangenen je 2 essen können. Als die ersten Küchlein im Mund verschwinden, sagt einer: „Na, das sind aber malische Kuchen, die kommen bestimmt nicht aus Deutschland.“ Er erntet fröhliches Lachen seiner Kumpel und E. sagt, da hätte er aber wirklich recht, beim nächsten Mal würde er sich darum kümmern, dass seine Frau die backt – o.k. das ist jetzt auch nicht Kuchen aus Deutschland (ob er an Schwarzwälder Kirsch gedacht hat???), aber auf jeden Fall frischer als das, was man auf dem Markt kauft.

Zusätzlich bekommt jeder ein Stück Seife – auch das ist rar im Knast.

Viele sitzen hier in Untersuchungshaft, wobei dieses Wort eigentlich nicht zutrifft, weil oft nichts untersucht wird. Vielmehr geht es darum, dass die Unterlagen bzgl. der vermeintlichen Straftat über die entsprechenden Schreibtische wandern, bevor es zu einer Verhandlung kommt. Das kann dauern. „Wenn du keine Verwandten hast, die sich darum kümmern, dass die Unterlagen bearbeitet werden, dann hast du schlechte Karten und kannst lange in Gewahrsam bleiben, bevor es überhaupt zu einer Verhandlung kommt.“

Und so feiern wir Gottesdienst in dieser verrückten Atmosphäre: Etliche Gefangene werden aus einem Raum gelassen, der kaum Fenster zu haben scheint und sitzen in unserer Nähe. Andere, die schwere Straftaten begangen haben sollen, bleiben hinter Gittern und können von dort aus zusehen und zuhören. Wir stimmen ein Lied mit einfachem Refrain an und nach dem zweiten oder dritten Mal singen die Gefangenen mit – wohl die wenigsten, weil sie mit dem christlichen Text etwas anfangen können, sondern weil es guttut fröhliche Lieder miteinander zu singen. Dann erklärt ihnen E. was Weihnachten bedeutet und wie sich die Liebe Gottes in Jesu Geburt zeigt. Ob sie viel davon verstehen, lässt sich nicht sagen. Wir beten, dass Gott zu ihnen spricht. Und bei allem eigentlich bedrückendem: die Freundlichkeit der Insassen (und des Personals!) in dieser unfreundlichen Umgebung sind bewegend.

Drogenkids

Heute besuchen wir ein Straßen-„kinder“-Projekt. Schon öfter hatten wir Kontakt zu REMAR-Mali, aber am heutigen Tag erleben wir einen anderen Schwerpunkt ihrer Arbeit. 40 km außerhalb von Bamako arbeiten wir uns mühsam über staubige und löchrige Pisten, bis wir nach 2 Stunden endlich angekommen sind. Das Aufnahmegrundstück des Projektes befindet sich am Rand von 2 Dörfern mitten in der Pampa und nach den Erklärungen verstehen wir auch warum: die „Kinder“ die tatsächlich 18 Jahre und aufwärts sind, sind meist drogenabhängige junge Männer von der Straße aus Bamako. Jeden Freitag gehen Karim und sein Team an die entsprechenden Orte der Hauptstadt und sprechen mit den Heranwachsenden. Da sie selbst von der Straße kommen, wissen sie, worauf es ankommt, und sie erzählen den Jungs, wie sie selbst frei geworden sind vom Alkohol, von Drogen, von Kleinkriminalität und wie Jesus ihr Leben verändert hat. Mancher, der sein Leben auf der Straße leid ist und sich nach etwas anderem sehnt, lässt sich ansprechen und ist bereit, sich auf eine herausfordernde Änderung einzustellen: statt freies Leben auf der Straße – strenge Disziplin, statt herumdösen im Drogenrausch – arbeiten auf einer kleinen Farm, statt im Straßenkampf den Kopf über Wasser zu halten – die Liebe Jesu erfahren. Das ist der Grund, warum wir uns durch so unwegsames Gelände schlagen mussten: für einen solchen Schritt braucht man Distanz zu seinem alten Leben und das nicht nur innerlich. An Drogen kann man in Mali mittlerweile alles bekommen: von irgendwelchen high-machenden Pflanzen über Marihuana und synthetischen Drogen bis zum Heroin – das ganze Spektrum ist erhältlich. Auf der Farm machen die Männer einen kalten Entzug und dann heißt es, ein anderes Leben beginnen: Halb 7 aufstehen, morgendliche Andacht, Geschirr spülen, Hühner und Schweine versorgen, Gartenbau, verschiedene praktische Arbeiten durchführen. Mancher bricht ab und geht wieder auf die Straße. Mancher kommt zurück und versucht es erneut. Da es ein großes Netzwerk in anderen Ländern von REMAR gibt, werden die, denen der Abstand von alten Freunden noch nicht ausreichend groß ist, auch mal in ein Nachbarland geschickt, damit sie dort neu anfangen können. 60-70% der jungen Männer würden es packen, sagt uns Karim. Das ist für ein Projekt für Leute von der Straße eine erstaunlich hohe Zahl. Vielleicht hat es damit zu tun, dass alle Mitarbeiter selbst eine ähnliche Geschichte haben, und es imponiert uns, wie es gelingt, eine verkorkste Kindheit und Jugendzeit zu etwas werden zu lassen, was Jesus gebraucht, um wieder anderen zu helfen.

Ein malischer Sonntag

6 Uhr aufstehen ist angesagt – zwar habe ich die Predigt weitestgehend gestern vorbereitet, aber ein paar Sachen muss ich noch korrigieren bzw. umformulieren. Gerlind bringt mir netterweise zwischendurch einen Kaffee und um 8 frühstücken wir dann gemeinsam mit Manuel und Simon. Dies wird Simons erster malischer Gottesdienst und gemeinsam bereiten wir ihn vor: da jeder „Neuling“ sich vorstellt, üben wir ein paar französische Sätze, die er dann souverän vortragen soll. Er ist also bestens vorbereitet! Im Gottesdienst geht wie immer die Post ab – bei den Liedern in Bambara (der Hauptsprache hier) deutlich mehr als bei den französischen Gesängen. Dann kommt die Vorstellungsrunde, aber anstatt dass Simon sich unter Beweis stellen kann, übernimmt der Pastor die Vorstellung seiner ausländischen Gäste. Zu Simon sagt er mit einem Lächeln im Gesicht, dass er noch nicht verheiratet ist. Die Gemeinde reagiert mit einer Mischung aus Lachen, Tuscheln und Raunen. Aber kaum hat er der Damenwelt seiner Gemeinde Hoffnungen gemacht, da pfeift er sie auch schon wieder zurück: nein, nein, da wäre durchaus schon jemand in Deutschland. Wieder geht ein Lachen durch die Gemeinde – diesmal, vermute ich, eher bei den jungen Männern: ein Konkurrent weniger!

Nach dem Gottesdienst werden wir, wie sollte es anders sein, noch zum Essen eingeladen und einmal mehr nehmen wir wahr, wie lecker malisches Essen sein kann. Ich bin gespannt auf die Kilos, die ich zugelegt haben werde, wenn wir zurück in Deutschland sind.

Am Nachmittag kommen dann 2 junge europäische Damen zu Besuch und gemeinsam mit Manuel und Simon feiern wir Advent: mit Kerzen, Stollen und Musik von Händel. Da Advent nahezu keine Bedeutung in Mali hat, vermissen wir das schon und freuen uns an dem gemütlichen, gemeinsamen Zusammensein. J. erzählt uns von ihrem Gottesdienst heute Morgen: ein wirklich alter Mann hat der Gemeinde eine Leiter gespendet, damit man die Vorhänge besser abnehmen kann. Er ist selbst so glücklich über sein Geschenk, dass er sie vor der versammelten Gemeinde aufstellt und dann auch noch darauf steigt. Sofort springen etliche junge Leute auf, um ihn ggf. aufzufangen, wenn er stürzen sollte – schließlich soll der Aufstieg auf die Leiter ja nicht direkt weiter in den Himmel führen…

Abends ist dann noch Telefonzeit und ich kontaktiere ein paar Bekannte, die wir leider aufgrund der Sicherheitssituation nicht mehr besuchen können: Ein alter Freund und häufiger Ratgeber erzählt mir, dass seine Frau an Corona erkrankt und die Familie in Quarantäne ist – da beide schon sehr alt sind, macht uns das natürlich Sorgen. Mein ehemaliger Nachbar freut sich riesig über unseren Anruf – wir wohnten nur ein Jahr nebeneinander, aber es hat sich eine so herzliche Beziehung entwickelt, als hätten wir viele Jahre miteinander verbracht. Dann telefoniere ich mit E., der lange mit uns zusammen im Hof gewohnt hat. Er ist kaum zu verstehen – einmal, weil wir kaum eine gemeinsame Sprache sprechen und zum anderen, weil er so aufgeregt ist. Mit Hilfe verstehen wir uns dann doch noch: vor Jahren hatte ich ihm wohl einmal Geld gegeben, um Strom zu kaufen (das funktioniert hier im Prepaid-System). Er habe damals finanzielle Schwierigkeiten gehabt und deshalb umgerechnet 2,30 € unterschlagen, das lastet auf seiner Seele. Ich bin bewegt von seiner Ehrlichkeit und versichere ihm nur zu gerne, dass nichts zwischen uns steht! Kurz darauf ruft mich M. an und teilt mir mit, dass sein Vater, lange Jahre Pastor in Ségou, am heutigen Tag gestorben ist. Vor Monaten hatte er einen Schlaganfall, aber nun war er schon wieder auf dem Wege der Besserung und er bittet für die Familie zu beten, denn sie werden in den nächsten Tagen von überallher zur Beerdigung kommen.

Ein bunter Sonntag mit vielen kleinen schönen und traurigen Momenten. Bunt wie das Leben in Mali eben.

Gottes Hand in alten Zeiten

Wir sitzen zusammen mit Marie, Daniel und Issac beim Abendessen. Langsam aber sicher wendet sich unser Gespräch den „alten Zeiten“ zu, als Gerlind und ich noch in Mali lebten und die Kinder noch klein waren. 20 Jahre ist das jetzt her und wir tauschen uns aus, erzählen uns Geschichten, lachen über manches, was damals war und auch über uns selbst. Vieles kann man sich heute kaum noch vorstellen, so haben sich die Zeiten auch in Mali verändert. Gerade die Fahrten mit unseren Kindern zum Internat an der Elfenbeinküste hatten es in sich: 1.200 km hin und wieder zurück über Löcherpisten, Grenzkontrollen und zwischendurch mehrere Putschversuche – mal mehr mal weniger erfolgreich – in der Elfenbeinküste. Isaac, der uns des Öfteren als Fahrer begleitet hat, hat plötzlich ein sanftes Grinsen auf dem Gesicht, will aber nicht mit der Sprache rausrücken. Als ich ihn dann später alleine treffe, verrät er mir, was in seinem Kopf rumging:

Isaac in “seinem” LKW

Einmal fuhr er mit Gerlind zu den Kids. Eigentlich wollten sie in Bouaké Halt machen, aber da es noch früh war schlug Isaac vor doch noch weiterzufahren, die Kinder seien doch sicher froh, wenn die Mama schon eher bei ihnen wäre. Unterwegs setzte dann allerdings so ein starker Regen ein, dass eine Weiterfahrt nicht mehr möglich war: die Straße verwandelte sich in eine Seenplatte. So fuhren die beiden ungeplant in ein Dorf, wo eine bekannte Missionarin war und verbrachten dort die Nacht. Am nächsten Morgen stellten sie fest, dass auf dem Weg zum Dorf riesige Löcher waren, die durch den Regen nicht sichtbar waren. Wären sie dort hinein geraten, wäre die Fahrt und Auto zu bzw. am Ende gewesen.

Bei einer anderen Rückfahrt aus der Elfenbeinküste war ich, Karsten, allein im Auto, es war Nacht und auch hier setzte ein heftiger Regen ein. Es war nahezu nichts mehr zu erkennen. Anhalten mitten auf der Straße ging nicht, an die Seite fahren auch nicht, weil man nicht sehen konnte, was neben der Straße war und so blieb nur, sich weiter im Kriechtempo vorarbeiten. Als ich endlich in Sikasso angekommen war, gelang es mir nur noch auf eine Tankstelle zu fahren, den Motor abzuschalten und sofort war ich eingeschlafen.

Als Gerlind zum letzten Mal die Kinder abholte, kam sie kurz vor Bamako in einer Kurve von der Fahrbahn ab und raste in die Natur. Als ich mir ein paar Stunden später die Strecke anguckte wurde mir erst richtig klar, wie gefährlich die Situation war: das Auto war vielleicht 50 Meter im „Busch“ weiter gefahren, bevor es zum Stehen kam. Rechts und links der Strecke waren Felsbrocken und Bäume, aber mehrere Engel mussten das Auto genau dort hindurch geleitet haben, sodass niemand verletzt wurde (auch wenn das Auto nachher Schrott war).

Tatsächlich ist es in Mali viel wahrscheinlicher an einem Verkehrsunfall zu versterben als an Malaria oder sonstigen Tropenkrankheiten. Und als wir uns die verschiedenen Situationen der Vergangenheit ins Gedächtnis riefen, wurde uns neu bewusst, wie sehr wir Gottes Schutz brauchen und wie oft wir seine schützende Hand in den Jahren schon erlebt haben.

Sackhüpfen und -vermeintlich- pädagogisch wertvolles Spielzeug…

Gestern ging der Vormittag für Simon und mich früh los: Wir hatten uns in der “I-in-sini” (übersetzt: Du und die Zukunft) – Schule, die vor einigen Jahren hier in Bamako gegründet wurde, angekündigt, um mit einem Teil der Klassen die erste Stunde „Körperliche Übungen“ zu gestalten.

Gleich beim Betreten des Schulhofes werden wir Zeugen des allmorgendlichen „Fahnenappells”: die Schüler singen die Nationalhymne, während einer von ihnen die malische Fahne hisst. Wir sind beindruckt von der herrschenden Disziplin, während kein Lehrer in der Nähe zu sehen ist.

Da wir eher Spiele wie Sackhüpfen, Eierlaufen (wir haben uns für Zwiebeln entschieden) und Dreibein-Laufen geplant haben, lässt einer der Lehrer die Kids erstmal ein paar Aufwärmübungen absolvieren. (Video 1 – hier klicken)

Dann geht es los! Bei aller Disziplin in gewohnten Abläufen wird es jetzt spannend, denn solche Spiele sind die Kids nicht gewohnt, was bedeutet, dass viel erklärt und gezeigt werden muss. Zum Glück haben wir die engagierte Unterstützung der beiden noch recht jungen Lehrer und des Wächters des Schulgrundstücks! Denn Simons Französisch reicht nicht für ausführliche Erklärungen und ich möchte  als Frau im fortgeschrittenen Alter und malischen Kleid nicht mit einem Sack durch die Gegend hüpfen.☺️

Die Stimmung steigt! Wir bedauern die beiden ersten Jahrgänge, die drinnen in ihren Klassen sitzen und arbeiten müssen, während es draußen so laut und fröhlich zugeht.

Einerseits freuen wir uns über die Begeisterung und drüber, wie einfach es ist, die Kids zu motivieren. Andererseits macht es uns traurig, weil es zeigt, wie wenig Kindern hier diesbezüglich angeboten wird. Nichts von dem, was wir benutzen, haben wir aus Deutschland mitgebracht. Alle „Utensilien“ kann man hier im Haushalt oder auf dem Markt für wenig Geld finden. Das hatten wir bewusst so gemacht in der Hoffnung auf Nachahmung.

Als die Kinder wieder in ihre Klassen zum weiteren (vermutlich weniger lustigen🙂) Unterricht müssen, gehen wir in die Vorschul-/ Kindergartengruppe.

Wir haben einige Tischspiele (diese jetzt doch aus Deutschland importiert☺️, pädagogisch durchdacht, mit verschiedenen Spiel- und Lernmöglichkeiten) mitgebracht. Wir wollen sie sowohl den Erzieherinnen als auch den Kids nahebringen. Letzteres scheitert erstmal kläglich – nicht leicht zu verdauen für eine 8fache Oma und einen Sozialarbeiter! Die Kinder sind total schüchtern, gucken zwar interessiert, aber auch ratlos auf die Spiele. Dass sie (noch) kein Französisch und wir kein Bambara sprechen ist auch nicht zielführend…

Aber Simon legt fleißig die Tierpuzzle immer wieder zusammen und lässt nach einiger Zeit den Puzzle-Löwen knurren. Damit können einige der inzwischen „aufgetauten“ Kinder umgehen und schon entwickelt sich ein fröhlicher Kampf zwischen Löwe, Elefant, Nashorn und Giraffe. (Ich stelle schnell fest, dass die Puzzleteile in diesem Rahmen für mich nicht mehr sooo robust aussehen, wie sie es in Deutschland taten…)

Bei den anderen Spielen überlege ich angestrengt an der allereinfachsten Variante, die diese hergeben und so sind wir schnell weg von Formen und Größen, sondern fangen mit dem Farbenwürfel an (selbst der Gebrauch eines Spielewürfels ist den 4-5jährigen Kindern unbekannt), dem Vergleich mit den dazugehörenden Holzteilen und den Namen für diese Farben.

Ich freue mich zu sehen, wie gut die beiden Erzieherinnen die Kinder kennen und auf sie eingehen! Sie haben die Spiele schnell verstanden (obwohl so etwas vermutlich in ihrer Ausbildung nicht vorkommt) und ich bin zuversichtlich, dass sie miteinander die verschiedenen Möglichkeiten entdecken, vor allem, wenn die fremden Weißen nicht mehr dabei sind! (Video 2 – hier klicken)

Simon und ich hatten viel Spaß! Gleichzeitig hat es uns wieder einmal die großen Unterschiede gezeigt, von denen viele nicht einfach als gut oder schlecht eingeordnet werden sollten. Für viele malische Kinder bedeutet Spielen mit anderen Kindern zusammen zu sein und da fällt irgendwem immer etwas ein. Da wird aus wenig viel gemacht. Einsamkeit kennen viele Kinder hier nicht. Aber während viele Kids in Deutschland zu viele Möglichkeiten haben und damit nicht nur über-fördert und über- fordert werden, gibt es hier nur wenig kreative Angebote und Förderung.

Jedes Extrem hat seine Herausforderungen.

Weitermachen – weiterbeten

4 MitarbeiterInnen der Hilfsorganisation aus Sévaré sind nach Bamako gekommen, damit wir uns treffen können. Dass wir zu ihnen fahren und die Projekte nicht nur besprechen, sondern auch anschauen, ist schon seit ein paar Jahren aus Sicherheitsgründen nicht mehr möglich. Um so mehr freuen wir uns, dass wir ein paar von unseren langjährigen Mitstreitern wieder sehen können. Wir tauschen uns aus und informieren uns gegenseitig nicht nur über die Arbeit, sondern auch, was in Mali und Deutschland, was in unseren jeweiligen Kirchgemeinden und ebenso in unseren Familien vor sich geht. Spätestens als uns ein Mitarbeiter erzählt, dass er sich am grauen Star operieren lassen muss, stellen wir fest, dass alle älter geworden sind.

Der Radius für die Arbeiten in Norden Malis ist stark eingeschränkt: einer unserer Arbeitsschwerpunkte westlich des Nigerflusses ist absolutes Tabugebiet, weil Islamistenhochburg. Auch im Norden Sévarés ist das Arbeiten zu gefährlich: Minen, Überfälle, Autodiebstähle. Selbst weiter südlich in Richtung Burkina Faso, wo unsere Krankenstation „Mankoina“ liegt, ist es auch für Malier zu unsicher hinzufahren, weil sich auch diese Gegend außerhalb aller staatlichen Kontrolle befindet. Auch das tägliche Leben hat sich verändert: als einer unserer Freunde mit der Ernte seines Reisfeldes nach Hause fährt, wird er von Jihadisten angehalten. Sie verlangen „den Zehnten“ und er muss ihnen einen Teil seiner Ernte überlassen, bevor sie ihn weiter fahren lassen. Was tun?

Wir arbeiten weiter, da wo es noch geht, nutzen die Chancen, solange noch Zeit ist. Die Arbeit unter den AIDS-kranken Menschen in Sévaré läuft weiter und auch südlich davon können Gartenbauprojekte, Aufforstung und Alphabetisierungsprojekte weiter durchgeführt werden.

Und wir beten weiter für Mali und für Frieden und Versöhnung in diesem Land. Letzte Tage sagte uns ein langjähriger Freund: „Wir haben so viel gebetet, wir haben gefastet und Gebetsnächte organisiert, aber bisher hat sich die Situation eher verschlechtert als gebessert.“ Und doch: Sie beten weiter und wir wollen sie darin unterstützen, darauf vertrauen, dass Gott handelt. Letztens lasen wir in einem Buch „Die höchste Form der Anbetung ist es, Gott zu vertrauen, auch wenn alles dagegen spricht und man nichts von seinem Eingreifen sieht!“  Aber wir wollen auch dafür beten, dass unsere malischen Geschwister die Gelegenheiten nutzen, die sich durch die Krise im Land bieten und Muslimen zeigen, wie Versöhnung gelebt werden kann und dass wir einem Gott der Liebe dienen.

Aber freuen können wir uns auch miteinander: „Wir können Euch ja leider in Moment nicht mehr bei uns im Norden willkommen heißen, daher haben wir ein Schwein gekauft und im Ofen gegrillt, das wir heute miteinander essen wollen.“ Also nicht nur weitermachen und weiterbeten – auch weiterfeiern gehört dazu!

Ob sich das wirklich lohnt?

Gestern konnten wir endlich mal nach Tousséguéla fahren. Ihr erinnert Euch an Tousséguéla? Das Dorf oder vielmehr die Kleinstadt in der Region Sikasso, wo unsere malische Partnerkirche vor Kurzem eine Arbeit begonnen hat und in dem seit dem Sommer Pastor Esai die kleine Gruppe von Christen betreut. Diesmal planten wir sie zu besuchen. Irgendwie hatte ich 3 Stunden Fahrt im Kopf, aber als es an die Planungen ging, stellten wir fest, dass es eher 5 Stunden sind. Aber jetzt war unser Besuch angekündigt und so stellte sich die Frage nicht mehr, ob wir das Programm noch ändern sollten. Also aufstehen um 4 Uhr morgens und Abfahrt um 5. Die Sonne ging langsam auf, als wir uns durch das zu früher Stunde noch relativ autofreie Bamako gewühlt hatten und danach durch die malische Steppe fuhren. Die letzten 22 Kilometer waren dann eine kleine Zumutung: Die Pistenverhältnisse waren so schlecht, dass wir für die Strecke 90 Minuten brauchten – das nächste Mal nehme ich mein Fahrrad mit! Auch waren die Mägen nicht aller Mitfahrer für diese Strecke geeignet und so mussten wir dann auch schon mal Pause machen – wenn Ihr versteht, was ich meine…

Nach 5,5 Stunden hatten wir es dann geschafft und kamen in Tousséguéla an. Pastor Esai und eine Handvoll Christen, sowie einige Kinder erwarteten uns und wir feierten – wenn auch mit reichlich Verspätung – gemeinsam Gottesdienst. Ernüchternd war das schon, waren da nicht mal um die 30 Menschen, die ihr Leben mit Jesus begonnen hatten? Ja, der eine oder andere konnte heute nicht kommen, z.B. weil das Motorrad unterwegs kaputt gegangen war, aber eine ganze Reihe der jungen Christen hatte sich im Laufe der letzten Zeit zurückgezogen: aus Angst vor Repressalien der Familie und der islamischen Nachbarn, vielleicht auch weil sie falsche Erwartungen an die junge Gemeinde hatten, andere waren wohl erstmal in Wartestellung, um zu sehen, wie das mit dem kürzlich gekommenen Pastor wohl werden würde. Irgendwie erinnert die Situation in Tousséguéla an das Gleichnis, das Jesus über das Fruchtbringen der Saat auf dem Acker erzählt hat (Markus 4). Und doch ist nicht alles wie vor der Ankunft der Christen war. Ein junger Mann, der neu zu Jesus gefunden hat, ist mit vollem Herzen dabei. Und er unterstützt Pastor Esai und die anderen Christen, wo er kann. Er lässt sich nicht abschrecken davon, dass er, seitdem er Christ geworden ist, einige Nachteile in Kauf nehmen muss und ihm z.B. Geld vorenthalten wurde, was ihm eigentlich zugestanden hätte.

3 Stunden blieben wir in Tousséguéla. Nach dem Gottesdienst aßen wir zusammen, tranken Tee und plauderten – keine tiefgreifenden Gespräche aber eine fröhliche malische Art Gemeinschaft zu haben. Dann machten wir uns auf den Rückweg, der dank der abendlichen Staus in Bamako nun über 6 Stunden dauerte. Todmüde fielen wir in unsere Betten. War das die Mühe wert? Mit 5 Leuten 11 Stunden Fahrt z.T. über abenteuerliche Pisten, Sprit für über 500 km verfahren und überhaupt: längere Fahrten in Mali sind zurzeit nie ohne Riskio – alles, um ein paar Stunden mit einer Handvoll Christen in einem abgelegenen Gebiet Gottesdienst zu feiern. Ist das wirklich angemessen? Das ist uns eine ernste Frage. Und doch hören wir, wie wichtig dieser kleinen Schar ein solcher Besuch ist, auch wenn wir das vielleicht gar nicht wahrnehmen. In einer Gesellschaft, wo sie sich als Christen ausgegrenzt sehen und manchem das Leben schwer gemacht wird; weit weg von den anderen Gemeinden und Pastorenkollegen; geworfen in eine neue Arbeit, die auch mit machen Rückschlägen fertig werden muss: Ein Zeichen der Verbundenheit, da scheuen 5 Leute nicht die Mühe, das Geld, das Risiko, um uns zu zeigen, dass wir nicht alleine sind, zeigen, dass Menschen an uns denken, denen wir noch nie begegnet sind. Und so berichteten wir auch davon, dass immer wieder Christen aus Deutschland für sie beten, auch wenn sie vermutlich nie die Möglichkeit haben werden, einmal nach Tousséguéla zu kommen.

Ob sich das wirklich lohnt? Eine Antwort darauf haben wir nicht – müssen wir vielleicht auch nicht und auch die Malier haben hier durchaus nicht alle dieselbe Vorstellung. Aber jetzt hoffen und beten wir, dass der Besuch eine Ermutigung war für die Christen und ein Zeichen für die Bevölkerung in Tousséguéla: wir sind in Christus verbunden. Und vielleicht ist es auch eine Motivation für den einen oder anderen in Deutschland weiter für diesen Ort zu beten.