War’s das?

Diese Frage muss ich mir jedes Mal erneut stellen, wenn ich aus Mali zurückkehre. Werde ich im Herbst wieder dorthin reisen können oder wird sich die Sicherheitslage so verschlechtern, dass es nicht mehr möglich sein wird? Wird Mali wieder zu einer stabilen Nation werden oder spitzt sich die Lage weiter zu? Keiner kann mir auf diese Frage antworten und in Mali finde ich die Optimisten, die mir versichern, dass alles auf einem guten Weg sei, wie auch die „Vraiment, ça ne va pas !“-sagenden („Ganz ehrlich, es läuft nicht!“). Und so verlasse ich Mali einmal mehr mit der Frage, ob ich jemals wieder dorthin fliegen kann – zwischen Zuversicht und Resignation, Gott fragend, welche Weichen gestellt werden sollen, hoffend, dass Er denen entgegentritt, die das Land zerstören, denen, die tatsächlich glauben, es würde Ihm gefallen, wenn der Islamismus mit Morden, Gewalt und Schikanen durchgesetzt würde.

Und so gönnte mir die Fluggesellschaft noch 4 zusätzliche Stunden in Mali, weil der Flieger statt um 1:20 erst um 5:30 startete. Als nach 2 Stunden Wartens ohne jegliche Information eine Dame uns mitteilte, dass das Treibstoffproblem (von dem wir bis dahin noch gar nichts wussten) gelöst sei, jedoch noch ein technisches Problem bestünde, der Techniker ihr aber versichert habe, dass es zu lösen sei und wir noch fliegen würden (wohl nach dem Motto: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht!“), war die Stimmung unter den Passagieren nicht unbedingt entspannt. Aber immerhin, als die Sonne fast wieder aufging, starteten wir dann doch noch und kamen gesund am Zielort an. Genauso warte ich gerne weiter, dass auch im übertragenen Sinne in Mali die Sonne wieder aufgeht.

Hinweise Gottes

Manchmal dreht sich mein ärztlicher Magen um, wenn ich manche Rezepte sehe, die mir der eine oder andere Mitarbeiter oder Freund zeigt und mich um Rat fragt: da scheint die Schrotschusstechnik mancher Kollegen vor einer guten Diagnostik zu gehen. Egal welche Symptome, zunächst muss man auf jeden Fall etwas gegen Malaria geben, das kann ja hier immer sein. Und ein Antibiotikum darf auch nicht fehlen, schließlich sind bakterielle Infekte häufig. Die Dame mit unklaren Bauchschmerzen bekam dann noch zusätzlich etwas gegen Krämpfe sowie etwas gegen Blähungen und Tabletten gegen Magenübersäuerung.

Zu guter Letzt noch ein Mittel gegen Rheuma (was auch immer der Gedanke dahinter gewesen sein mag). Wer da noch keine Bauchschmerzen hatte, der bekommt sie dann ganz sicher. Ganz falsch ist das Vorgehen nicht, denn z.B. Malaria kann ganz unterschiedliche Symptome machen – besonders bei Menschen mit einer gewissen Immunität, aber das ganze Paket an medizinischer Rundumtherapie, da kann ich dann doch nicht mit.

Pastor A. war vor ein paar Monaten schwer krank. So krank, dass mir Mitarbeiter am Telefon sagten, dass sie damit gerechnet haben, dass er sterben würde. Was er aber wirklich hatte, das konnte ich nicht herausfinden – in den Erzählungen eben von allem etwas. Warum ich aber diese Geschichte erzähle, hat einen anderen Grund und darum fange ich jetzt mal besser vorne an:

Pastor A. hatte einen Traum: Aus einer großen Menschenmenge trat ein großer muskulöser Mann heraus. In seiner Hand hielt er eine Maschinenpistole und schoss auf A.  Die Kugeln trafen seine Brust, perlten dort ab und liefen dann wie Wasser an seinem Körper hinunter. Nun ist Pastor A. kein großer Traumdeuter und so dachte er sich nicht groß etwas dabei. Als er allerdings 4 Tage später fast denselben Traum noch einmal hatte, wurde er nachdenklich. Diesmal sagte der bewaffnete Mann: „Beim letzten Mal bis du ja noch davongekommen, aber diesmal entwischt du mir nicht!“ Wieder schoss er auf A., wieder perlten die Kugeln wie Wasser von ihm ab. A. erzählte seiner Frau davon und gemeinsam beteten sie um Schutz.

2 Tage später wurde Pastor A. so krank, dass er es nicht schaffte, von seinem Bett die 20 Meter bis zur Kirche zu gehen. Die Krankheit hielt an, wurde schlimmer. Die Gemeindemitglieder besuchten ihn, beteten für ihn und, so schwach wie er war, nahmen manche schon innerlich Abschied. Aber nach einiger Zeit ging es dann doch wieder aufwärts, Pastor A. erholte sich langsam, kam zu Kräften und gewann seine Gesundheit zurück.

Wenig später hielt er mit seinem Auto am Straßenrand und wollte aussteigen. Kaum hatte er die Türe geöffnet, raste ein motorisiertes Dreirad, wie sie hier viel herumfahren, an ihm vorbei.

Es hatte einen Balken quer geladen und der knallte ungebremst in Kopfhöhe vor die Fahrertür. Wäre A. eine halbe Sekunde eher ausgestiegen, wäre sein Kopf zertrümmert worden…

Für Pastor A. ist klar, dass Gott ihn mit dem Traum gewarnt und zum Beten um Schutz animiert hat. Mir rationalem Westler kommt da sofort die Frage, was denn gewesen wäre, wenn sie nicht gebetet hätten, aber das Geheimnis des Redens und Handelns Gottes werden wir nicht erklären können. Und ich möchte von Pastor A. lernen auf die Hinweise Gottes achtzugeben.  

Fitte Jugend!

Heute zu Besuch bei Abdias, dem Leiter des Kirchendistrikts Bamako. Er und sein Komitee erklären mir ihre Bauvorhaben. Da das Kirchengrundstück mitsamt Pastorenwohnung in der Regenzeit regelmäßig unter Wasser steht, wollen sie Abdias und Familie in die 2. Etage umsiedeln über dem Raum für den Kindergottesdient – diese muss aber erst noch gebaut werden.

Das kostet zwar viel Geld, aber es sei nicht mehr verantwortbar, dass der Pastor nach nächtlichen Regenfällen morgens beim Aufstehen knietief im Wasser steht… Die Wasserflecken an den Häuserwänden zeigen mir, dass sie nicht übertrieben haben. Die Gemeinde weiß, dass sie nur einen kleinen Zuschuss von der Allianz-Mission erwarten kann. Das hindert sie aber nicht daran, mit eigenen Mitteln mutig dieses Projekt anzugehen.

Das alte Pastorenhaus

Nachdem sie mir alles erklärt und gezeigt haben, tummeln sich plötzlich im Hof lauter junge Leute mit Masken und leuchtenden Baustellenüberwürfen.

Abdias erklärt mir, dass die Gemeindejugend heute Putzeinsatz hat: zuerst waren sie in der Polizeistation und haben dort sauber gemacht, dann im Gesundheitszentrum und jetzt ist die Kirche dran: Die Bänke werden verschoben, gefegt, geputzt, aufgeräumt. Das Lager, in dem sich mittlerweile aller möglicher Kram angesammelt hat, wird komplett nach draußen verfrachtet, sortiert und verpackt, was noch brauchbar ist, weggeschmissen, was nichts mehr taugt.

Ich bin beeindruckt: so verbringen die jungen Leute ihren Samstagmorgen: mit Putzen! Nicht nur die eigene Kirche, sondern auch öffentliche Gebäude. Eine Jugend, die eine Rolle spielt im Stadtviertel! Die Stimmung ist außerdem super. Gemeinsam scheint der Putzdienst sogar Spaß gemacht zu haben.

Am Schluss der Aufräumarbeiten bedankt sich Abdias für ihren Einsatz und betet für die Jugendlichen: für ihre Ausbildung, für die, die auf Arbeitssuche sind und für vieles andere. Zwischendurch kommt immer mal ein bestätigendes „Amen“ aus dem Munde der jungen Leute. Bilde ich mir das ein, oder war das „Amen“ deutlich lauter, als Pastor Abdias dafür betet, dass sie auch einen guten Ehepartner finden??

Ramadan

Heute ist Schluss mit der Fastenzeit der Muslime in Mali. Heute ist das Zuckerfest. Nicht mehr den Tag über hungern und dürsten und am Abend kräftig trinken und essen. Die ersten Wochen war das Klima noch o.k., aber die letzte Woche wurde es dann doch ziemlich heiß, sodass gerade das Verzichten auf Flüssigkeit sehr herausfordernd war. Noch gestern Abend schien nicht klar, ob auch heute noch gefastet werden muss – schließlich muss ja erst der Neumond gesehen werden. Tatsächlich aber habe ich noch nie erlebt, dass nicht irgendwer die Mondsichel entdeckt hat.

Vor wenigen Tagen war die „Nacht der Macht“ oder „Nacht der Bestimmung“. In dieser bleiben fromme Muslime wach und im Gebet bis zum Morgen. Bestimmte Suren werden rezitiert und so hören wir auch mitten in der Nacht immer wieder Gebete über Lautsprecher aus den Moscheen in der Nähe. „Muslime auf der ganzen Welt freuen sich jedes Jahr auf diese Nacht, denn sie ist mehr als 83 Jahre Gottesdienst wert“,

schreibt eine islamische Internetseite und „die in dieser Nacht durchgeführten Aktionen sind besser als die Aktionen, die in 1000 Monaten außer Ramadan durchgeführt wurden.“ Viele glauben, dass in dieser Nacht bestimmt wird, wie das kommende Jahr für sie aussehen wird. Kein Wunder, dass viele aufbleiben.

Und auch heute, allerdings tagsüber, werden viele Gebete gesprochen. Natürlich gibt es – wie in allen Religionen – auch Menschen, die aus Gewohnheit, gesellschaftlichem Druck, dem Zusammengehörigkeitsgefühl die verschiedenen Rituale mitmachen. Aber genauso gibt es viele, die Gott aufrichtig suchen und dies besonders an diesen Tagen. Und wie sehr wünsche ich mir, dass sie den kennenlernen, der zugesagt hat, dass er sich von den Suchenden finden lässt, den, der nicht zählt, wieviel ein Gebet wert ist, der vielmehr gesagt hat, dass unser himmlischer Vater schon weiß, was wir brauchen, den, der vergibt, wenn wir ihn darum bitten und nicht danach fragt, wieviel wir geleistet haben! Und wir beten dafür, dass auch unsere Arbeit dazu beträgt, dass die, die suchen, Jesus Christus finden.

Am Abend gehen Manuel und ich noch eine Runde joggen. Es ist ein wenig pietätlos, wie wir da mit unseren Sportsachen an wunderschön angezogenen jungen Damen und Herren vorbeilaufen und an Kindern, die ihre Haare kunstvoll geflochten haben. Aber als wir dann am Niger im Luxusviertel von Bamako ankommen, ist die Mehrzahl der Spaziergänger auch in kurzen Hosen: Hier ist Chinatown, in der die hier arbeitenden Chinesen wohnen und Malier deutlich in der Unterzahl sind. Da ist vom Ramadan kaum mehr etwas zu merken.

Über 35 Jahre staubige Missionsarbeit

Wer sich vorstellt, ich würde hier in Albert Schweizer-Manier das Skalpell schwingen, den muss ich enttäuschen. Die Arbeit, die ich heute zu erledigen hatte, sah nun so ganz anders aus, als man sich das wünscht: Nach Niangalys Ausscheiden in die Rente war ein guter Zeitpunkt gekommen, um auszumisten und sein Büro für unseren Buchhalter einzurichten.

Also machte ich mich daran, die Schränke zu durchstöbern und einen Aktenordner nach dem anderen zu durchforsten: was wird noch gebraucht und was kann weg? Manuel lieh mir ein Gebläse, damit ich erst einmal die Staubschicht entfernen konnte. Als der Nebel sich gelegt hatte, begann ich mir alles anzuschauen und die Nostalgie überfiel mich: alte Protokolle von Sitzungen, in denen wir darum gerungen haben, wie wir, Malier und Deutsche, miteinander zu Gottes Ehre zusammenarbeiten können.

Ein handgeschriebener A6-Schmierzettel, auf dem ein Grundstück in der Stadt Sofara für umgerechnet 230 Euro an einen Missionar verkauft wurde, 30 Jahre alte Projektlisten von Dingen, an die sich wohl kaum mehr jemand erinnert, Fernschulmaterial unserer Kinder, Briefe, die wir an die Missionsleitung in Deutschland geschrieben haben, Folien mit Bildern für Overheadprojektoren (wer weiß noch, was das ist?),

Verträge von malischen Mitarbeitern, die schon lange nicht mehr mit uns arbeiten, Ausarbeitungen von Grundsatzüberlegungen zu unserer Arbeit: was bedeutet Entwicklungsarbeit? Wie sieht unsere Zusammenarbeit mit malischen Christen aus? Besonders hübsch auch der wieder zusammengeklebte Grundstückskaufvertag auf den Missionarskinder Ostereier gemalt und diese dann ausgeschnitten haben. Selbst das Abschlusszeugnis (im Original!) der theologischen Ausbildung unseres jetzigen Präses konnte ich entdecken.

Mehrere Stunden hockte ich in dem Büro, schaute durch, schmiss weg, heftete ab, was vielleicht nochmal hilfreich sein kann und erinnerte mich an die 10 Jahre, die wir hier dauerhaft gelebt haben. Der Berg von Akten, der nun vor mir liegt, macht mich nicht wehmütig, sondern viel mehr dankbar, für die vielen Menschen, die an Gottes Geschichte in Mali beteiligt waren, mit viel Schweiß, mit viel Staub, mit Schmerz, mit Freude, mit Frust, mit wertvollen Erfahrungen, mit Segen.

Verspäteter Frauentag

Ganz durchschaut haben wir das „warum“ nicht, aber in zahlreichen Gemeinden hier wird der Frauentag eine Woche nach dem internationalen gefeiert und das heißt konkret: alles ist wie immer, nur, dass die Frauen durch den Gottesdienst führen und die meisten von ihnen Kleider aus einem speziell für den Frauentag gefertigten Stoff tragen. Außerdem bleiben die Frauen danach noch zusammen, essen gemeinsam, hören noch einmal auf einen Vortrag, singen und tanzen.

Um zur Gemeinde zu gelangen, verlassen wir uns heute auf Google maps, weil wir entdeckt haben, dass es tatsächlich einen Eintrag dort gibt: UEPEM (so heißt der einheimische Kirchenbund) Fombabougou (so heißt das Stadtviertel). Zu dumm nur, dass Google nicht mitbekommen hat, dass hier und da einfach ein Haus gebaut wurde, wo laut digitaler Karte doch der Weg hergehen sollte. So schlängeln wir uns durch die Häuser und kommen mit einigen Umwegen tatsächlich an. „Sie haben ihr Ziel erreicht“, findet Google – aber unsere Kirche ist nicht zu sehen. Was jetzt?

Wir rufen Pastor Jean an und erklären ihm, wo wir sind und dass zwischen Kirche und Google offensichtlich eine gewisse Uneinigkeit besteht. Und er kann uns auch schnell erklären, woran das liegt: Uneinigkeit bestand nämlich vor einiger Zeit auch zwischen den Gemeindemitgliedern, was dazu führte, dass sich einige abgeseilt und eine neue Gemeinde aufgemacht haben – Namen und Google-Eintrag haben sie einfach mal mitgenommen… Also holt uns Jean mit seinem Auto ab und leitet uns zur richtigen Gemeinde, sodass wir noch pünktlich ankommen.

Gelb-blau leuchten uns die Gewänder der Frauen schon im Hof entgegen und dann geht auch schon der Gottesdienst los. Während draußen einige Frauen schon das Essen für nach dem Gottesdienst vorbereiten, wird drinnen fröhlich gesungen.

Der – ich schätze mal – 11-jährige Schlagzeuger hat, während er ganz gechillt auf seinem Hocker sitzt, einen Drive, dass ich nur mit den Ohren schlackere – im doppelten Sinne, denn er ist auch extrem laut.

Nach viel Singen, Informationen und Beten dann die Predigt: Im Vorfeld hatte ich zwar schon versucht zu klären, dass ich den Frauen gerne das Predigtfeld an diesem Sonntag überlassen würde, aber das ging natürlich nicht, ich solle aber bitte ein passendes Thema zum Frauentag wählen. Somit war zumindest das Problem mit der Straußengeschichte geklärt – ich musste mir keine Alternative überlegen. Stattdessen predige ich über Abigail: 2 aufgeblasenen Männer und eine vernunftbegabte Frau – eine wunderbare Geschichte für den Frauentag. Ich weiß allerdings nicht, ob die Männer das auch fanden, denn wir kamen deutlich schlechter weg.

Im Rückspiegel

Was in der Kirche schon in den letzten Jahren immer wieder Thema war, kommt jetzt auch bei der Hilfsorganisation mehr und mehr zum Tragen: langjährige Mitarbeiter gehen in Rente (hier schon mit ca. 60 Jahren). Seit Januar ist das nun für Daniel und Niangaly der Fall. Daniel war viele Jahre der Leiter unserer Partner-NGO (nicht-Regierungsorganisation) und Niangaly begann bei der AM als Wächter und Bote, dann kamen verschiedene administrative Tätigkeiten hinzu und zuletzt hat er das Gästehaus verwaltet. Beide haben praktisch ihr ganzes Berufsleben (ca. 35 Jahre) mit der AM verbracht. Nun hieß es Abschied nehmen – zumindest beruflich – was wir eigentlich schon bei unserem Besuch im November machen wollten:

Freunde, Verantwortungsträger und Weggefährten wurden eingeladen. Seit dem Morgen kümmerten sich mehrere Frauen darum, Gemüse zu schneiden, 2 Schafe und ein Schwein wurden geschlachtet und gegrillt, im Hof unserer Zentrale wurden Stühle gestellt und ein wenig dekoriert.

Wie üblich trafen die Gäste einer nach dem anderen nicht unbedingt zum angekündigten Zeitpunkt ein – das ist in Bamako auch ausgesprochen schwierig, da die Staus so unterschiedlich ausgeprägt sind, dass man die Fahrzeit kaum abschätzen kann. Da kann eine halbstündige Fahrt schon mal locker 90 Minuten dauern. So begann die Zeremonie mit reichlich Verspätung.

Miteinander haben wir die vielen Jahre revuepassieren lassen, uns an schöne wie schwierige Zeiten erinnert – beruflich wie privat. Besonders schön war es, dass viele ehemalige Mitstreiter aus Deutschland, Missionare wie Missionsleiter, Grüße geschickt hatten, die den Beiden offensichtlich gutgetan haben.

Auch uns hat es bewegt, der gemeinsamen Zeit noch einmal nachzudenken: Daniel war fast über unsere gesamte Zeit in Mali Mitarbeiter, Ratgeber, Freund, Nachbar, Übersetzer… Niangaly hat so viele Missionare kommen und gehen sehen wie wohl kein anderer Malier. In unserer schnelllebigen Zeit ist es ein Geschenk, wenn man über so viele Jahre miteinander für das Reich Gottes arbeiten darf!

Am Abend gingen wir dann zusammen mit Moussa und Daniel essen und unterhielten uns über… Beerdigungen in Mali und Deutschland. Im Alter ändern sich die Themen!

Aus der Not eine Tugend?

Mittlerweile ist es 4 Monate her, dass wir unsere Malireise aufgrund der Treibstoffkrise absagen mussten. Und nun? Alles wieder normal?

Die Treibstoffkonvois sind jetzt mit starker militärischer Präsenz unterwegs und so gelingt es den Terroristen kaum noch sie aufzuhalten. Daher hat sich vieles entspannt – vieles, aber längst nicht alles. In Bamako gibt es immer mal Engpässe, aber sie dauern nicht mehr länger an. Vorgestern, als wir zu einem Besuch fuhren, standen zahlreiche LKWs am Straßenrand, weil es gerade kein Diesel zu kaufen gab. Benzin ist gerade kein Problem – das kann sich aber morgen schon wieder ändern. Auch die Überlandbusse fahren wieder, obwohl die Regelmäßigkeit noch nicht so ist wie früher.

In den Städten landeinwärts sieht es allerdings anders aus: Mal gibt es Benzin aber keinen Diesel – mal ist es umgekehrt. Die Regierung hat dafür gesorgt, dass mit der Spritkrise keine Geschäfte gemacht werden und somit bleiben die Tankstellenpreise stabil: 1,15 € kostet der Liter Benzin (nein, wir bringen nichts mit!) und an vielen Stellen wird streng kontrolliert, dass die Preisbindung nicht umgangen wird. In anderen Gebieten allerdings funktionieren die Kontrollen nicht. Der erworbene Sprit wird in Flaschen umgefüllt und, ohne dass man Schlange stehen muss, für deutlich mehr Geld verkauft. In der Zeit, als es an den Tankstellen gar nichts zu kaufen gab, so erzählte mir ein Freund, mussten sie bis zu 7,50 € für den Liter auf dem Schwarzmarkt zahlen. Wenn nicht kontrolliert wird, finden sich immer wieder Menschen, die mit der Not anderer Geschäfte machen. Also doch nicht alles normal? Ja und nein, denn irgendwie sind das Schlangestehen und die Unsicherheit, wann es wieder Sprit gibt, zur Normalität geworden.

Eine andere Einkommensquelle, die durch die Treibstoffknappheit entstanden ist, lässt mich dann doch schmunzeln: Zwischenzeitlich gab es einzelne Tankstellen, an denen extra Schlangen für Frauen eingerichtet wurden, damit die armen Damen nicht so lange in der Sonne stehen mussten (und vielleicht auch, damit sie nicht von der Hausarbeit abgehalten wurden…). Das wurde dann für manche zum Geschäftsmodell: Die Motorradtaxifahrer überließen am Ende der Frauenschlange ihr Fahrzeug einer Dame, die sich bereitwillig anstellte, das Motorrad befüllen ließ, sich ein paar Francs dafür geben ließ und wieder zum Ende der Schlange ging, um ein neues Motorradtaxi entgegenzunehmen…

Es gibt in Mali wohl kaum etwas, mit dem man nicht irgendwie auch Geld verdienen kann.  

Früher Tod

35 Jahre ist er alt geworden, der erstgeborene Sohn eines befreundeten Pastors. Am Abend bekam er Bauchschmerzen, wurde ins Gesundheitszentrum gebracht und dort mehr oder weniger sofort operiert. Schon nach der OP äußerte sich der Chirurg skeptisch. Am nächsten Morgen fand man ihn tot in seinem Bett. Zurück lässt er seine Frau und seinen kleinen Sohn. Wir bekamen die Nachricht vor ein paar Wochen in Deutschland, schickten sofort unsere Beileidsbekundungen per WhatsApp. Heute besuchten wir ihn und seine Frau. Wir werden in ihr Wohnzimmer gebeten und zunächst begrüßen wir einander ausführlich, weil wir uns seit einem Jahr nicht gesehen haben. Seine Frau macht sich im Hof zu schaffen, sitzt nicht bei uns. Nach ein paar Worten hin und her sagen wir, warum wir gekommen sind, dass wir betroffen sind von dem Tod ihres Sohnes und ihnen nun unser Beileid persönlich ausdrücken wollen. Der Schmerz sei besonders in den ersten Tagen groß gewesen, antwortet er. Wir könnten Gottes Plan nicht verstehen, aber dieser sei trotzdem gut, auch wenn er nicht nachvollziehbar wäre. Seine Frau kommt rein, bringt uns etwas zu essen, geht wieder in den Hof. Wir essen zusammen, reden weiter auch über andere Dinge. Nach einiger Zeit wollen wir aufbrechen, bitten ihn unser Beileid seiner Frau weiterzugeben. Aber er ruft sie zu uns, sie setzt sich kurz, er sagt, warum wir gekommen sind, und wir wiederholen unser Beileid. Auch wenn wir ihren Schmerz nicht wieder entfachen wollen, möchten wir ihr doch sagen, dass wir in unseren Gebeten bei ihnen sind. Sie bedankt sich, gefasst, aber die Trauer ist offensichtlich. Dann beten sie für uns und unseren Aufenthalt in Mali. Beim Verabschieden nimmt Gerlind sie in den Arm und die Tränen brechen durch. Ein kurzer Moment der emotionalen Begegnung. Sie geht schnell wieder ins Haus. Er begleitet uns noch ein paar Meter unseres Weges.

Und bei aller Traurigkeit ist da doch ihr starker Glaube, dass Gott es richtig macht, dass bei all unserem Unverständnis und Fragen nach dem Warum doch über allem steht: Gott ist gut.

Kultursensibel predigen

Heute Morgen waren wir in Noumoubougou – schöner Name, oder? Ein Vorort von Bamako direkt an der Hauptstraße mit einer kleinen Kirche. Vor Jahren war ich schon einmal dort, damals war das Gebäude noch aus Lehm, mittlerweile dient ein unverputzter Zementbau als Gottesdienstraum. Auch vier Ventilatoren gibt es schon – leider nur für die Zuhörer, nicht für Pastor, Gottesdienstleiter und Ehrengäste, daher muss ich eifrig meinen Fächer bedienen.

Für meine Predigt fehlte mir noch eine griffige Einleitung, aber die kam mir heute vor dem Frühstück: Der Vogel-Strauß und seine angebliche Kopf-in-den-Sand-Strategie. Strauße fanden sich lange Zeit freilebend im Sahel und nur wenige Kilometer von Bamako entfernt gibt es eine Straußenfarm. Auch gibt es Namen für diese Tiere in den einheimischen Sprachen – also wohl der optimale Einstieg, um die Leute in ihrer Lebensrealität abzuholen. Vorher hatte ich mich noch kundig gemacht, woher denn dieser Irrglaube des Kopf-in-den-Sand-steckens überhaupt kommt.

Und so beginne ich meine Predigt fröhlich mit dem Satz: „Ihr kennt ja den Vogel-Strauß!“ und blicke auch nach der Übersetzung in ratlose Gesichter. „Na, dieser große Vogel mit dem langen Hals“, weiter ratloses Schweigen. Der Übersetzer (wenigstens er wusste Bescheid!) versuchte zu erklären. Da, der ein oder andere ließ ein zögerliches „Aha“ auf seinem Gesicht erkennen. Das reichte mir, um fortzufahren. „Dann wisst Ihr sicher auch, dass man sagt, der Strauß würde seinen Kopf in den Sand stecken, wenn eine Gefahr auftaucht.“ Erneut dieses höfliche ratlose Schweigen. Offensichtlich noch nie davon gehört. Also muss ich, um die Verwirrung komplett zu machen, erst erklären, was man dem Strauß nachsagt, um dann zu erläutern, dass er das ja gar nicht tut. Wie kriege ich jetzt den Bogen zu dem, was ich eigentlich damit sagen wollte? Die Verwirrung ist mittlerweile komplett und ich entschließe mich, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, den Strauß einfach Strauß sein zu lassen und mit meinem Thema weiterzumachen. Wie schön, dass die Gemeinde so wohlwollend ist und dem Weißen verzeiht, dass er, statt einen Bibeltext am Beginn der Predigt zu lesen, irgendwelche unverständlichen Dinge aus der Zoologie erzählt. Sie hören einfach freundlich weiter zu.

Und ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren in Uganda zum Palmsonntag in einer Kirche war und die Pastorin den Städtern in Kampala erst einmal ausführlich erklärte, was denn ein Esel sei. Vielleicht hätte ich mir doch ein Beispiel an ihr nehmen sollen – oder, und das werde ich wohl nächsten Sonntag tun, den Strauß einfach weglassen und mir eine andere Einleitung überlegen.

Als wir nach dem Gottesdienst und vor dem Mittagessen noch zusammensaßen, holte der Pastor sein Handy raus und suchte ein Foto von einem Strauß, das er dann den Anwesenden zeigt. So wurde wenigstens die Allgemeinbildung noch etwas aufgefrischt – immerhin!