Gottesdienst unplugged?

So stellt man sich das doch in Mali vor, oder? Echter Gesang, Trommeln, Tanz – das wars. Nix elektrisches oder sowas. Aber der Mix im wirklichen Leben ist völlig anders. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich vor wenigen Jahren in Dougourakoro begeistert war, mit was für einem zusammengeschusterten Schlagzeug Musik gemacht wurde, ohne dass sich die Musiker von der geringen Qualität des Instrumentes frustrieren ließen. Heute im Gottesdienst nur wenige Kilometer davon entfernt im Dorf Bougouda haut mich die Mischung von traditionell und modern von den Socken: na klar, getrommelt wird auf einer Djembe und einem viereckigen mit Fell überspannten Holzkasten. Aber auch eine E-Gitarre darf nicht fehlen und die Solisten nutzen Mikro und Verstärker mit Autobatterie, um gegen die Gemeinde anzukommen. So weit so gut, aber dann sitzt neben mir auf der Bank ein junger Mann und tippt immer auf sein Smartphone. Was macht der denn da mitten im Gottesdienst? Ich schiele rüber auf sein Display und entdecke dann auch das Kabel, was sich – in abenteuerlicher Weise zusammen gelötet – zum Verstärker schlängelt. Und der tippt keine Nachrichten an seine Kumpels, der hat eine Schlagzeug-App und haut mit 2 Fingern auf Becken und Snare-Drum rum. Ne, oder? Draußen kochen die Frauen das Essen in einem riesigen Topf auf dem offenen Feuer, das Dach wird von der abenteuerlichen Konstruktion eines Gerbergelenkes mit Motorradketten gehalten (da schlägt doch das Herz eines Zimmermanns höher – oder rutscht es ihm eher in die Hose??) und daneben wird Schlagzeug per App gespielt.

Für mich scheinen das 2 Welten zu sein, die nicht zusammen passen – für die Menschen hier ist das völlig selbstverständlich. Digitalisierung in Mali – in manchen Dingen sind die jungen Leute hier viel weiter als so mancher Altersgenosse in Deutschland (und als ich schon allemal…). Denn die Möglichkeiten, die das eröffnet, werden hier vielleicht noch deutlicher: ein Schlagzeug zu kaufen kostet viel Geld in der Anschaffung und dann auch in der Pflege – eine App kostet ein paar Euro oder auch gar nichts. Und Smartphones haben hier fast alle.

Irgendwie bin ich begeistert von der Selbstverständlichkeit, mit der hier alles zusammen zu gehen scheint, irgendwie sehne ich mich auch zurück nach „unplugged“. Und ich frage mich, was das für unsere Arbeit für Auswirkungen hat oder haben könnte – wo wir in unserem Denken und Handeln moderner werden sollten und die Chancen der digitalen vernetzenden Technik besser nutzen können.

Jacques und Naomi

Gut angekommen in Mali – entgegen der Nachricht der Fluggesellschaft flog das Flugzeug ungehindert von Paris nach Bamako – konnte ich trotz 30°C Temperaturunterschied gut schlafen und in den ersten Malitag einsteigen. Der begann mit ein paar Gesprächen mit Mitarbeitern unserer Zentrale und dem Leiter unserer Partnerkirche. Dabei ist es besonders interessant, die unterschiedlichen Einschätzungen der politischen Veränderungen in Mali zu hören: von „jetzt wird alles gut“ bis zu „an der Oberfläche scheinen die Konflikte besser zu werden, aber darunter ist es schlimmer als vorher“ ist hier alles zu hören. Die Spannung zwischen der malischen Regierung und Frankreich steigt: Gestern wurden zwei Sender von französischem Radio und Fernsehen in Mali verboten, weil die Berichterstattung über ein Massaker nicht den Tatsachen entsprochen haben soll. Heute ist der Vorsitzende der ECOWAS (westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft) in Bamako angekommen, um weiter mit der Übergangsregierung über Neuwahlen zu verhandeln. Und das Leben wird deutlich teuer, denn Mali bekommt nicht nur die Sanktionen der ECOWAS zu spüren, sondern gleichzeitig machen sich die wirtschaftlichen Folgen des Ukrainekrieges bemerkbar.

Und bei all diesen Veränderungen geht das ganz normale Leben weiter. Heute treffen wir Jacques und Naomi, ein Pastorenehepaar, das vor ein paar Jahren in Rente gegangen ist und immer wieder mithilft, wenn ein Pastor gebraucht wird. Vor ein paar Wochen sind sie nach Bamako gezogen, um ein Bibel-Verteilprojekt zu betreuen. Ein zuverlässiger Mann wurde gesucht, der letztlich nicht viel mehr tun muss als die Bibeln an die entsprechenden Kirchen und Organisationen rauszugeben und darüber Buch zu führen. Dafür freies Wohnen in Bamako und einen stattlichen Zuschuss zur Rente: kein schlechter Deal. Jacques und Naomi sind 1991 mit als erste Pastoren zur Arbeit der Allianz-Mission gestoßen und sie haben die meiste Zeit im Norden gearbeitet: zunächst in Sofara, einer sehr islamisch geprägten Stadt, dann in Kouna, wo das Kirchengrundstück und Pastorenhaus auf einem alten Friedhofsgelände standen („Wenn ich die Erde zum Pflanzen umgegraben habe, habe ich immer mal Knochen gefunden“) und sie mühsam versuchten zu den Menschen aus dem Dorf Vertrauen aufzubauen. Und zuletzt haben sie in Soufouroulaye gearbeitet: auch da haben sie über viele Jahre eine kleine Gemeinde betreut, gearbeitet und gebetet, dass Menschen dort den Mut finden, sich für Jesus zu öffnen. Treue Arbeiter, treue Beter, die nie viel Aufhebens um sich gemacht haben. Jacques und Naomi haben 11 Kinder. „Wieviel Enkel hast Du jetzt eigentlich, Jacques?“, frage ich, um mit meinen 8 Enkeln angeben zu können. Aber da bin ich an den Falschen geraten: „10“, antwortet er, ohne groß zu überlegen. Dann fängt er an seine Kinder durchzugehen. Die erste Tochter hat 8 Kinder, dann noch eine 8, ein Sohn 2… und so geht es weiter und weiter. Bei Enkel Nr. 28 komme ich nicht mehr mit. Fängt er jetzt wieder von vorne an oder geht das wirklich noch weiter? Enoc lacht und sagt: „Wenn Du in Afrika jemanden zum Beispiel fragst, wieviel Kühe er hat und er antwortet ‚wenigsten 2‘, dann kannst Du davon ausgehen, dass Du mindestens mit dem Faktor 10 multiplizieren musst, um die wirkliche Anzahl zu kennen.“ Na gut, aber Enkel sind ja keine Kühe – denn 100 haben Jacques und Naomi nun wirklich (noch) nicht!

Immer wieder spannend

Auf geht es nach Mali! Zwischenstopp am Flughafen Charle de Gaule und jedes Mal neu Unsicherheit bis zum Schluss:

Vor 2,5 Wochen war plötzlich mein routinemäßig durchgeführter Corona-Schnelltest positiv und da sich das Ergebnis bestätigte, hatte ich unerwartete 10 Tage Quarantäne zusammen mit Gerlind vor mir. Ein paar Tage waren wir ziemlich müde und antriebslos, ein bisschen erkältet, aber ansonsten ging es uns weitestgehend gut. Große Spannung dann aber am Dienstag, denn mein PCR-Test musste für den Flug und die Einreise nach Mali natürlich negativ sein. Und auch wenn keine Ansteckungsgefahr mehr gegeben ist, solange auf dem Zertifikat nicht „negativ“ steht, hilft es wenig mit „CT-Werten“ und „Ende der Quarantäne“ zu argumentieren. Somit war die Spannung groß, jedes Mal, wenn das Faxgerät in der Praxis klingelte – und genauso groß die Erleichterung, als dann wirklich alles o.k. war. Also: dem Flug nach Mali stand nichts mehr im Wege – dachte ich.

Jedoch das Online-check-in ging nicht „bitte wenden Sie sich an unser Servicepersonal“ – was auf gut Deutsch bedeutet: eine Stunde in der Warteschleife bevor dann ohne weiteren Kommentar aufgelegt wird. Also: Warten auf die Dame am Flughafenschalter. Dort ging dann alles problemlos über die Bühne, Koffer, eingecheckt, Ticket vergeben, Sicherheitskontrollen und aufs Einchecken warten. Gerade hatte ich mich hingesetzt, als ich eine SMS meiner hier nicht genannten französischen Fluggesellschaft bekam, dass mein Flug nach Bamako, für den ich gerade das Ticket bekommen hatte, leider ausfallen müsse. Was hatte das jetzt zu bedeuten? Nach anfänglichem Adrenalinstoß schaute ich mir die Nachricht dann nochmal in Ruhe an und stellte fest, dass mir die Fluggesellschaft schrieb, dass sie meinen ausgefallenen Flug Paris-Bamako vom 17.3. freundlicherweise auf einen Flug Bamako-Paris in 3 Wochen verschoben hätten. Was auch immer das zu bedeuten hatte (immerhin haben sie sich für die Unannehmlichkeiten entschuldigt), sitze ich in Paris und in einer Stunde soll mein Flug gehen – SMS hin SMS her…

Was erwartet mich diesmal in Mali? Neben den üblichen Treffen und Besprechungen werden Manuel, unsere malischen Partner und ich sicherlich viel darüber sprechen, wie seine Arbeit als Agronom starten kann. Dann bin ich gespannt zu hören, wie die ersten Schritte unseres neuen Projektes „Mikrokredite für einkommensschwache Kirchenmitglieder“ anlaufen und eine besondere Freude wird sein, dass ab Sonntag der Leiter unseres deutschen Gemeindebundes und früherer Leiter der Allianz-Mission zu einer Pastorenkonferenz nach Mali kommen wird und wir so ein paar Tage miteinander verbringen können.

Ich fliege in ein Mali, dessen politische und sicherheitsmäßige Situation kaum mehr zu durchschauen ist und verlasse ein Europa, dessen Lage mich genauso ratlos lässt. Wie gut, dass sich unser Schöpfer da besser auskennt!

… solange es Tag ist…

Geweckt werde ich vom Geschrei eines Esels. Der Geruch von Karitébutter steigt mir in die Nase. Ein paar Vögel zwitschern, Tauben gurren und der nie endende Verkehrslärm in Bamako bildet die übliche Geräuschkulisse. Halb sieben und es wird hell, wegen der Äquatornähe viel schneller als in Deutschland. Mein Handy surrt kurz: die Ergebnisse unserer Coronatests sind da. Unserer Rückreise steht somit wohl nichts mehr im Wege.

Mali, die menschlichen Prognosen sind nicht rosig. Zwar stellt man in Gesprächen fest, dass die Malier ihrem neuen Präsidenten zutrauen, dass er das Land vorwärts bringt, aber zu sehen ist davon noch nicht viel. Und werden die ausländischen Machthaber ihm eine reelle Chance geben oder nur versuchen ihren eigenen Einfluss zu vergrößern? Besonders im Punkto Sicherheit sind die Aussichten weiterhin eher düster. Unsere Möglichkeiten zu arbeiten sind stark eingeschränkt, die Tagestouren, die wir außerhalb Bamakos gemacht haben, sind schon das höchste der Gefühle. Mehr geht im Moment nicht. Was haben wir es früher genossen, im Dorf oder in kleineren Städten unter freiem Himmel und nur mit Moskitonetz zu übernachten. Jetzt heißt es jede Nacht im Staub und Lärm Bamakos zu verbringen und da ist der Esel von heute Morgen schon fast eine Wohltat.

Viele Missionare und auch Mitarbeiter von Hilfsorganisationen fragen sich, ob sie unter diesen Bedingungen wirklich noch einen sinnvollen Beitrag leisten können. So mancher ist in sein Heimatland zurückgekehrt. Nahezu alle anderen tummeln sich in der Hauptstadt. Macht das noch Sinn?

Jesus hat einmal über sich selbst gesagt: “Ich muss die Aufgaben, die Gott mir gegeben hat, erfüllen, solange es Tag ist. Bald kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann.” In Mali ist Dämmerung und wir wissen nicht, in welche Richtung es weiter geht. Wird es bald wieder Tag oder greift die Dunkelheit mehr und mehr um sich? Öffnet sich Mali wieder oder haben wir bald gar keine Möglichkeit mehr dort zu arbeiten? Egal wie es weiter geht, wir möchten versuchen dem Beispiel Jesu zu folgen und das Handtuch nicht werfen, wenn der Kampf noch nicht entschieden ist. Wir wollen, wo immer es geht, unsere malischen Brüder und Schwestern unterstützen und wenn unsere Präsenz ihnen Hilfe ist, dann lohnt es sich. Und wir wollen hoffnungsvoll weiter beten, dass sich die zurzeit verschlossenen Türen wieder öffnen, denn der große Kampf ist längst entschieden!

Beileid

Pastor S. und ich machen uns auf den Weg nach Ségou. Da – wie schon erwähnt – der Vater eines langjährigen Mitarbeiters verstorben ist, wollen wir unser Beileid bekunden. Noch vor Sonnenaufgang fahren wir los, die einzige Zeit, in der man sicher und ohne Stau aus Bamako rausfahren kann. 90 Minuten später dann meine geliebte Frühstückspause an einer Omelettbude in Fana. Nach dreistündiger Fahrt lesen wir den Pastor aus Ségou auf, der uns durch die Stadt zum Wohnort der Familie des Verstorbenen bringt. Vor der Tür sitzen ein paar Männer: Verwandte und Freunde und unterhalten sich. Wir grüßen, setzen uns dazu und plaudern. Die Stimmung ist entspannt, locker, es wird gescherzt und geplaudert – alles andere als gedämpfte Beerdigungsatmosphäre – das Leben geht weiter. M., unser Mitarbeiter und ältester Sohn des Verstorbenen ist gerade bei einer Familienzusammenkunft, aber er wird natürlich sofort benachrichtigt, dass Besucher gekommen sind. Wenig später gesellt er sich zu uns und ist sichtlich erfreut über unseren Besuch. Wir erklären kurz, dass wir zur Beerdigung nicht kommen konnten, ihm nun aber gerne unser Beileid ausdrücken möchten. Der Austausch ist weitestgehend ritualisiert, die Sätze vorgegeben, das macht es beiden Seiten leichter, eine Anteilnahme zu zeigen, ohne hilflos nach Worten zu suchen oder Dinge zu sagen, die dem anderen möglicherweise den Schmerz vergrößern, statt zu lindern. M. sagt uns mehrfach, wie sehr er es schätzt, dass wir persönlich noch gekommen sind, obwohl wir doch schon per Telefon unser Beileid ausgedrückt hätten. Wir drücken ihm noch etwas Geld in die Hand, denn die Kosten für eine Beerdigung sind enorm und wer kann, beteiligt sich daran. Nach vielleicht 15 Minuten „entlassen“ wir ihn wieder, da er ja mit der Familie wichtige Dinge zu besprechen habe. Als er gegangen ist, gehen wir noch in den Hof und setzen uns kurz zu den Frauen, die beschäftigt sind mit Kochen: die vielen Gäste, die immer wieder kommen, müssen bewirtet werden. Auch hier ein kurzer Gruß, ein paar Worte des Beileids und schon verabschieden wir uns wieder.

M.s Vater ist 76 Jahre alt geworden – zumindest auf dem Papier, kann sein, dass er auch älter ist, damals spielten Geburtsdaten keine große Rolle. Und er hat 36 Jahre lang als Pastor gearbeitet und war darin sehr geschätzt. Auch darum kommen so viele Gäste. Wir haben ihn zuletzt vor 20 Jahren gesehen, als wir zu dritt durch Mali geradelt sind, um Gelder für die theologische Ausbildungsstätte „FATMES“ zu sammeln. Damals haben wir auf dem Grundstück der Kirche übernachtet und Pastor D. hat uns freundlich aufgenommen… eine der vielen Erinnerungen…

 

beim Pastor in Ségou
Frühstückspause – was waren wir jung…
unterwegs

 

 

 

 

 

 

Wieder so eine Geschichte, die in Deutschland seltsam erscheint, in Mali aber völlig selbstverständlich ist: 250 km fahren wir, damit wir ein paar Minuten dasselbe sagen, was wir schon am Telefon mitgeteilt hatten. Die dadurch ausgedrückte Wertschätzung lässt sich durch nichts anderes ersetzen. Vielleicht haben uns die Lockdowns der letzten 1,5 Jahre aber ein bisschen sensibler dafür gemacht, dass persönliche Präsenz etwas völlig anderes ist, als sich digital, fernmündlich, schriftlich zu begegnen.

 

 

Nachhaltigkeit – ein Kontrapunkt

In Deutschland ist ja alles – oder vielmehr sollte alles – nachhaltig sein. Der Energieverbrauch, die langwirtschaftliche Produktion, die Wirtschaft, ja mittlerweile retten wir den Planeten, wenn wir wiederverwendbare Ohrenstächen verwenden, und manchmal stellt man sich die Frage, ob aus einem wichtigen Konzept nicht mittlerweile eher ein Werbeslogan geworden ist: wie sinnlos auch immer ein Produkt sein kann: Hauptsache es steht „nachhaltig“ drauf.

Und auch oder gerade in der Entwicklungszusammenarbeit wie auch in der Missionsarbeit wollen wir nachhaltig sein. Geld einfach so geben, weil gerade der Bedarf da ist, ohne an die Wurzeln zu gehen, ohne zu fragen, wie die Notlage entstanden ist und wie man sie in Zukunft vermeiden kann, ist das nicht rausgeschmissenes Geld? Unsere Hilfe, sei sie technisch, personell oder finanziell in Mali, wollen wir so gestalten, dass keine Abhängigkeiten entstehen, dass Menschen in die Lage versetzt werden, unabhängig von unseren Ressourcen und im Bewusstsein ihrer eigenen Fähig- und Möglichkeiten ihr Leben zu gestalten – nachhaltig eben. Darüber sind etliche Bücher geschrieben worden und vieles, was wir als Menschen aus dem reichen Norden in der Vergangenheit getan haben, mussten wir – berechtigterweise – in Frage stellen. Und, um es gleich deutlich zu sagen: Ich bejahe dieses Konzept von Herzen und setze mich dafür seit Jahren in unserer Arbeit ein. Und doch, immer wieder komme ich auch an den Punkt, wo ich mich frage, ob das wirklich der Weisheit letzter Schluss ist.

Wenn ich mit den Menschen hier spreche, dann begegnet mir eine ganz andere Auffassung: viele Leute leben hier von einem Tag auf den anderen. Ob sie dabei nachhaltig leben oder nicht, die Frage stellen sie sich gar nicht. Zumindest das traditionelle Finanzsystem ist auf eine völlig andere Weise, als wir uns das vorstellen, nachhaltig: Wer heute viel hat, der hilft dem, der Pleite ist in dem Bewusstsein, dass ihm, wenn er selbst in diese Situation kommt, ebenfalls geholfen wird. Auch dieses System funktioniert seit Jahrhunderten und ist auf seine Weise ebenfalls nachhaltig – aber eben anders. Und ich denke, so mancher malische Christ sieht dies auch heute im Austausch mit Christen aus dem ökonomisch reicheren Norden ähnlich. „Zum jetzigen Zeitpunkt hilft euer Überfluss ihrem Mangel ab, damit dann ein anderes Mal ihr Überfluss eurem Mangel abhilft, und auf diese Weise kommt es zu einem Ausgleich.“, schreibt Paulus an die Korinther. … nicht so einfach von der Hand zu weisen…

Um es praktisch zu machen: Vor einigen Jahren haben wir einigen Gemeinden in Mali einen Traktor finanziert, damit sie ihre Felder besser bestellen können und außerdem durch den Verleih an andere, Geld in die Kirchenkasse kommt. Natürlich wurde eine Kasse angelegt, damit Geld für spätere Reparaturen zur Verfügung steht und der Traktor nicht irgendwann nur wegen ein paar fehlender Ersatzteile abgestellt werden muss. Aber was passiert, wenn eine Notlage in der Kirche entsteht, für die kein Geld an anderer Stelle gefunden werden kann? Wir können kopfschüttelnd dutzende Projekte aufzählen, die so unserer Einschätzung nach gescheitert sind, weil das Geld aus dieser Kasse irgendwann für andere Zwecke verwendet wurde. Aber ist das fehlende Nachhaltigkeit, wenn finanzielle Mittel, die für eine noch nicht eingetretene, fiktive Notlage zurückgelegt wurden, benutzt werden, um eine reale, aktuelle Notlage zu beseitigen? Wer von uns würde seinen Eltern die Behandlung im Krankenhaus verweigern, weil das dafür nötige Geld vorgesehen ist für eine noch gar nicht notwendige Reparatur? Steht hier möglicherweise materielle Nachhaltigkeit im Gegensatz zur Nachhaltigkeit eines Gesellschaftssystems? Und ist die Einstellung vieler Malier nicht vielleicht sogar näher an Jesu Worten dran: „Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen!“?

Ist es denkbar, dass unser Konzept von Nachhaltigkeit eines ist, das wir vom reichen Norden auf den finanziell ärmeren Süden übertragen wollen, das aber von vielen Maliern gar nicht mitgetragen wird? Ist nicht ein wesentliches Prinzip von Nachhaltigkeit, dass die Sicht der Menschen, die es betrifft, wesentlicher Ausgangspunkt aller angestrebter Veränderung ist? Kann es daher sein, dass unsere Weise, Nachhaltigkeit zu fordern für Länder wie z.B. Mali alles andere als nachhaltig ist?

Manchmal frage ich mich, ob ich nicht auf einem hohen Ross der entwicklungspolitischen Überheblichkeit sitze. Dann hoffe ich, dass es irgendwann gelingt auf dem Traktor des malischen Alltags gemeinsam zu überlegen, wie man nachhaltig ein Nachhaltigkeitskonzept entwickeln kann.

Mal wieder im Knast

Nicht zum ersten Mal fahren wir zusammen mit Pastor E. in ein Gefängnis in der Region Bamako. Diesmal müssen wir aber ein Stück weiter als sonst: 75 km entfernt von unserem Gästehaus befindet sich ein Gefängnis, das aufgrund der Entfernung von den Mitarbeitern hier nur selten besucht werden kann. Der Pastor vor Ort ist Teil des Teams, aber auch er findet nicht oft die Zeit, um dort regelmäßig Gottesdienste zu feiern. Also nutzt E. die Möglichkeit mit uns dorthin zu fahren – es spart natürlich Spritgeld, wenn wir das Auto stellen. Außerdem nähern wir uns Weihnachten und an diesem Fest sollen die Insassen auch etwas mehr zu essen bekommen als sonst. Denn das ist wirklich knapp. Gerade hier in der Peripherie sind nicht oft Verwandte da, die Essen vorbei bringen können: wer fährt schon 2×75 km, um eine Schüssel mit gekochtem Reis und Sause an der Gefängnispforte abzugeben? Und vom Staat gibt es nur einmal am Tag eine Mahlzeit: 15:00 wird gegessen, mehr gibt es nicht! Von daher bringen wir einen Sack Reis mit, in der Hoffnung, dass er tatsächlich für die Gefangenen genutzt wird und nicht irgendwo verschwindet… außerdem ein paar kleine Kuchen, die wir am Straßenrand gekauft haben: immerhin genug, dass die vielleicht 70 Gefangenen je 2 essen können. Als die ersten Küchlein im Mund verschwinden, sagt einer: „Na, das sind aber malische Kuchen, die kommen bestimmt nicht aus Deutschland.“ Er erntet fröhliches Lachen seiner Kumpel und E. sagt, da hätte er aber wirklich recht, beim nächsten Mal würde er sich darum kümmern, dass seine Frau die backt – o.k. das ist jetzt auch nicht Kuchen aus Deutschland (ob er an Schwarzwälder Kirsch gedacht hat???), aber auf jeden Fall frischer als das, was man auf dem Markt kauft.

Zusätzlich bekommt jeder ein Stück Seife – auch das ist rar im Knast.

Viele sitzen hier in Untersuchungshaft, wobei dieses Wort eigentlich nicht zutrifft, weil oft nichts untersucht wird. Vielmehr geht es darum, dass die Unterlagen bzgl. der vermeintlichen Straftat über die entsprechenden Schreibtische wandern, bevor es zu einer Verhandlung kommt. Das kann dauern. „Wenn du keine Verwandten hast, die sich darum kümmern, dass die Unterlagen bearbeitet werden, dann hast du schlechte Karten und kannst lange in Gewahrsam bleiben, bevor es überhaupt zu einer Verhandlung kommt.“

Und so feiern wir Gottesdienst in dieser verrückten Atmosphäre: Etliche Gefangene werden aus einem Raum gelassen, der kaum Fenster zu haben scheint und sitzen in unserer Nähe. Andere, die schwere Straftaten begangen haben sollen, bleiben hinter Gittern und können von dort aus zusehen und zuhören. Wir stimmen ein Lied mit einfachem Refrain an und nach dem zweiten oder dritten Mal singen die Gefangenen mit – wohl die wenigsten, weil sie mit dem christlichen Text etwas anfangen können, sondern weil es guttut fröhliche Lieder miteinander zu singen. Dann erklärt ihnen E. was Weihnachten bedeutet und wie sich die Liebe Gottes in Jesu Geburt zeigt. Ob sie viel davon verstehen, lässt sich nicht sagen. Wir beten, dass Gott zu ihnen spricht. Und bei allem eigentlich bedrückendem: die Freundlichkeit der Insassen (und des Personals!) in dieser unfreundlichen Umgebung sind bewegend.

Drogenkids

Heute besuchen wir ein Straßen-„kinder“-Projekt. Schon öfter hatten wir Kontakt zu REMAR-Mali, aber am heutigen Tag erleben wir einen anderen Schwerpunkt ihrer Arbeit. 40 km außerhalb von Bamako arbeiten wir uns mühsam über staubige und löchrige Pisten, bis wir nach 2 Stunden endlich angekommen sind. Das Aufnahmegrundstück des Projektes befindet sich am Rand von 2 Dörfern mitten in der Pampa und nach den Erklärungen verstehen wir auch warum: die „Kinder“ die tatsächlich 18 Jahre und aufwärts sind, sind meist drogenabhängige junge Männer von der Straße aus Bamako. Jeden Freitag gehen Karim und sein Team an die entsprechenden Orte der Hauptstadt und sprechen mit den Heranwachsenden. Da sie selbst von der Straße kommen, wissen sie, worauf es ankommt, und sie erzählen den Jungs, wie sie selbst frei geworden sind vom Alkohol, von Drogen, von Kleinkriminalität und wie Jesus ihr Leben verändert hat. Mancher, der sein Leben auf der Straße leid ist und sich nach etwas anderem sehnt, lässt sich ansprechen und ist bereit, sich auf eine herausfordernde Änderung einzustellen: statt freies Leben auf der Straße – strenge Disziplin, statt herumdösen im Drogenrausch – arbeiten auf einer kleinen Farm, statt im Straßenkampf den Kopf über Wasser zu halten – die Liebe Jesu erfahren. Das ist der Grund, warum wir uns durch so unwegsames Gelände schlagen mussten: für einen solchen Schritt braucht man Distanz zu seinem alten Leben und das nicht nur innerlich. An Drogen kann man in Mali mittlerweile alles bekommen: von irgendwelchen high-machenden Pflanzen über Marihuana und synthetischen Drogen bis zum Heroin – das ganze Spektrum ist erhältlich. Auf der Farm machen die Männer einen kalten Entzug und dann heißt es, ein anderes Leben beginnen: Halb 7 aufstehen, morgendliche Andacht, Geschirr spülen, Hühner und Schweine versorgen, Gartenbau, verschiedene praktische Arbeiten durchführen. Mancher bricht ab und geht wieder auf die Straße. Mancher kommt zurück und versucht es erneut. Da es ein großes Netzwerk in anderen Ländern von REMAR gibt, werden die, denen der Abstand von alten Freunden noch nicht ausreichend groß ist, auch mal in ein Nachbarland geschickt, damit sie dort neu anfangen können. 60-70% der jungen Männer würden es packen, sagt uns Karim. Das ist für ein Projekt für Leute von der Straße eine erstaunlich hohe Zahl. Vielleicht hat es damit zu tun, dass alle Mitarbeiter selbst eine ähnliche Geschichte haben, und es imponiert uns, wie es gelingt, eine verkorkste Kindheit und Jugendzeit zu etwas werden zu lassen, was Jesus gebraucht, um wieder anderen zu helfen.

Ein malischer Sonntag

6 Uhr aufstehen ist angesagt – zwar habe ich die Predigt weitestgehend gestern vorbereitet, aber ein paar Sachen muss ich noch korrigieren bzw. umformulieren. Gerlind bringt mir netterweise zwischendurch einen Kaffee und um 8 frühstücken wir dann gemeinsam mit Manuel und Simon. Dies wird Simons erster malischer Gottesdienst und gemeinsam bereiten wir ihn vor: da jeder „Neuling“ sich vorstellt, üben wir ein paar französische Sätze, die er dann souverän vortragen soll. Er ist also bestens vorbereitet! Im Gottesdienst geht wie immer die Post ab – bei den Liedern in Bambara (der Hauptsprache hier) deutlich mehr als bei den französischen Gesängen. Dann kommt die Vorstellungsrunde, aber anstatt dass Simon sich unter Beweis stellen kann, übernimmt der Pastor die Vorstellung seiner ausländischen Gäste. Zu Simon sagt er mit einem Lächeln im Gesicht, dass er noch nicht verheiratet ist. Die Gemeinde reagiert mit einer Mischung aus Lachen, Tuscheln und Raunen. Aber kaum hat er der Damenwelt seiner Gemeinde Hoffnungen gemacht, da pfeift er sie auch schon wieder zurück: nein, nein, da wäre durchaus schon jemand in Deutschland. Wieder geht ein Lachen durch die Gemeinde – diesmal, vermute ich, eher bei den jungen Männern: ein Konkurrent weniger!

Nach dem Gottesdienst werden wir, wie sollte es anders sein, noch zum Essen eingeladen und einmal mehr nehmen wir wahr, wie lecker malisches Essen sein kann. Ich bin gespannt auf die Kilos, die ich zugelegt haben werde, wenn wir zurück in Deutschland sind.

Am Nachmittag kommen dann 2 junge europäische Damen zu Besuch und gemeinsam mit Manuel und Simon feiern wir Advent: mit Kerzen, Stollen und Musik von Händel. Da Advent nahezu keine Bedeutung in Mali hat, vermissen wir das schon und freuen uns an dem gemütlichen, gemeinsamen Zusammensein. J. erzählt uns von ihrem Gottesdienst heute Morgen: ein wirklich alter Mann hat der Gemeinde eine Leiter gespendet, damit man die Vorhänge besser abnehmen kann. Er ist selbst so glücklich über sein Geschenk, dass er sie vor der versammelten Gemeinde aufstellt und dann auch noch darauf steigt. Sofort springen etliche junge Leute auf, um ihn ggf. aufzufangen, wenn er stürzen sollte – schließlich soll der Aufstieg auf die Leiter ja nicht direkt weiter in den Himmel führen…

Abends ist dann noch Telefonzeit und ich kontaktiere ein paar Bekannte, die wir leider aufgrund der Sicherheitssituation nicht mehr besuchen können: Ein alter Freund und häufiger Ratgeber erzählt mir, dass seine Frau an Corona erkrankt und die Familie in Quarantäne ist – da beide schon sehr alt sind, macht uns das natürlich Sorgen. Mein ehemaliger Nachbar freut sich riesig über unseren Anruf – wir wohnten nur ein Jahr nebeneinander, aber es hat sich eine so herzliche Beziehung entwickelt, als hätten wir viele Jahre miteinander verbracht. Dann telefoniere ich mit E., der lange mit uns zusammen im Hof gewohnt hat. Er ist kaum zu verstehen – einmal, weil wir kaum eine gemeinsame Sprache sprechen und zum anderen, weil er so aufgeregt ist. Mit Hilfe verstehen wir uns dann doch noch: vor Jahren hatte ich ihm wohl einmal Geld gegeben, um Strom zu kaufen (das funktioniert hier im Prepaid-System). Er habe damals finanzielle Schwierigkeiten gehabt und deshalb umgerechnet 2,30 € unterschlagen, das lastet auf seiner Seele. Ich bin bewegt von seiner Ehrlichkeit und versichere ihm nur zu gerne, dass nichts zwischen uns steht! Kurz darauf ruft mich M. an und teilt mir mit, dass sein Vater, lange Jahre Pastor in Ségou, am heutigen Tag gestorben ist. Vor Monaten hatte er einen Schlaganfall, aber nun war er schon wieder auf dem Wege der Besserung und er bittet für die Familie zu beten, denn sie werden in den nächsten Tagen von überallher zur Beerdigung kommen.

Ein bunter Sonntag mit vielen kleinen schönen und traurigen Momenten. Bunt wie das Leben in Mali eben.

Gottes Hand in alten Zeiten

Wir sitzen zusammen mit Marie, Daniel und Issac beim Abendessen. Langsam aber sicher wendet sich unser Gespräch den „alten Zeiten“ zu, als Gerlind und ich noch in Mali lebten und die Kinder noch klein waren. 20 Jahre ist das jetzt her und wir tauschen uns aus, erzählen uns Geschichten, lachen über manches, was damals war und auch über uns selbst. Vieles kann man sich heute kaum noch vorstellen, so haben sich die Zeiten auch in Mali verändert. Gerade die Fahrten mit unseren Kindern zum Internat an der Elfenbeinküste hatten es in sich: 1.200 km hin und wieder zurück über Löcherpisten, Grenzkontrollen und zwischendurch mehrere Putschversuche – mal mehr mal weniger erfolgreich – in der Elfenbeinküste. Isaac, der uns des Öfteren als Fahrer begleitet hat, hat plötzlich ein sanftes Grinsen auf dem Gesicht, will aber nicht mit der Sprache rausrücken. Als ich ihn dann später alleine treffe, verrät er mir, was in seinem Kopf rumging:

Isaac in “seinem” LKW

Einmal fuhr er mit Gerlind zu den Kids. Eigentlich wollten sie in Bouaké Halt machen, aber da es noch früh war schlug Isaac vor doch noch weiterzufahren, die Kinder seien doch sicher froh, wenn die Mama schon eher bei ihnen wäre. Unterwegs setzte dann allerdings so ein starker Regen ein, dass eine Weiterfahrt nicht mehr möglich war: die Straße verwandelte sich in eine Seenplatte. So fuhren die beiden ungeplant in ein Dorf, wo eine bekannte Missionarin war und verbrachten dort die Nacht. Am nächsten Morgen stellten sie fest, dass auf dem Weg zum Dorf riesige Löcher waren, die durch den Regen nicht sichtbar waren. Wären sie dort hinein geraten, wäre die Fahrt und Auto zu bzw. am Ende gewesen.

Bei einer anderen Rückfahrt aus der Elfenbeinküste war ich, Karsten, allein im Auto, es war Nacht und auch hier setzte ein heftiger Regen ein. Es war nahezu nichts mehr zu erkennen. Anhalten mitten auf der Straße ging nicht, an die Seite fahren auch nicht, weil man nicht sehen konnte, was neben der Straße war und so blieb nur, sich weiter im Kriechtempo vorarbeiten. Als ich endlich in Sikasso angekommen war, gelang es mir nur noch auf eine Tankstelle zu fahren, den Motor abzuschalten und sofort war ich eingeschlafen.

Als Gerlind zum letzten Mal die Kinder abholte, kam sie kurz vor Bamako in einer Kurve von der Fahrbahn ab und raste in die Natur. Als ich mir ein paar Stunden später die Strecke anguckte wurde mir erst richtig klar, wie gefährlich die Situation war: das Auto war vielleicht 50 Meter im „Busch“ weiter gefahren, bevor es zum Stehen kam. Rechts und links der Strecke waren Felsbrocken und Bäume, aber mehrere Engel mussten das Auto genau dort hindurch geleitet haben, sodass niemand verletzt wurde (auch wenn das Auto nachher Schrott war).

Tatsächlich ist es in Mali viel wahrscheinlicher an einem Verkehrsunfall zu versterben als an Malaria oder sonstigen Tropenkrankheiten. Und als wir uns die verschiedenen Situationen der Vergangenheit ins Gedächtnis riefen, wurde uns neu bewusst, wie sehr wir Gottes Schutz brauchen und wie oft wir seine schützende Hand in den Jahren schon erlebt haben.