Erster Tag in Bamako

Angekommen um Mitternacht werden wir von Manuel, unserem deutschen Mitarbeiter in Bamako, abgeholt, packen kurz die wichtigsten Sachen aus und fallen ins Bett. Nach dem Aufstehen Frühstück auf dem Dach – es ist für März am Morgen noch erfreulich frisch, dann eine kleine Begrüßungsrunde: Luka, unser Wächter, kehrt den Hof mit OP-Maske gegen den Staub. Wie geht es der Frau, den Kindern, der Kirche, den Leuten in Bamako, im ganzen Land – alle sind wohlauf, allen geht es gut – das gleiche umgekehrt – auch allen Deutschen geht es gut – Rituale einer malischen Begrüßung, die vor allem in ausgedehnter Form sagen:“ Ich freue mich Dich zu sehen!“ Kurz darauf dann schon die erste Sitzung. Soumaila, mein Haus- und Hof-Taximann fährt mich zum Treffen der Verantwortlichen von diversen Hilfsorganisationen. Hier berät man über die Sicherheit der Mitarbeiter aber auch über neue gesetzliche Regelungen für NGOs. In der Zwischenzeit wartet Soumaila auf mich schlafend in seinem Taxi. Im Monat Ramadan ist eh nichts los und dann gönnt er sich lieber ein kurzes Nickerchen, statt nutzlos durch die Gegend zu fahren, zumal der Sprit eh knapp ist. Angesprochen auf seine Frau gesteht er, dass das bei ihr anders aussieht: 8 Kinder haben sie zu Hause und im Ramadan heißt das für sie zeitig aufstehen und das Vor-Sonnenaufgangs-Frühstück vorbereiten. Den Tag über wird nichts gegessen und nichts getrunken, aber bei Sonnenuntergang muss dann wieder ein reichhaltiges Mahl auf dem Tisch stehen, also einkaufen, kochen, Tisch decken. Da ist nix mit Mittagschläfchen wie bei ihrem Mann.

Der Rest des Tages besteht aus Austausch mit Manuel, diversen Planungstelefonaten und -korrespondenzen (damit die Wochen hier sinnvoll gefüllt sind) und die Notfallrucksäcke kontrollieren bzw. ergänzen. Und schwupp, ist der erste Tag vorbei, denn der Abend wird heute nicht alt bei uns…

Copy – Past?

… könnten wir eigentlich machen, oder? Wieder Flughafen Leipzig, wieder warten aufs Boarding, wieder mal Aufbruch nach Mali. Also alles wie immer? Könnten wir eigentlich einfach den Blogeintrag von vor einem Jahr kopieren, oder?

Aber manches ist schon anders: Gestern wurde eine Rakete über der Türkei abgeschossen und wir fliegen über Istanbul – klar, das ist jetzt nicht mega gefährlich, aber Reisen ist trotzdem gerade nicht so entspannt. Und auch in Mali hat sich die Situation nicht wesentlich gebessert: Auch jetzt noch terrorisieren Islamisten das Land und eben auch die Umgebung der Hauptstadt Bamako. Die Treibstoffversorgung hat sich etwas gebessert und auch die Sorge, dass die Bevölkerung revoltiert und die Islamisten freie Bahn haben, hat sich als nicht berechtigt erwiesen. Für uns bedeutet das aber, dass unsere Reisemöglichkeiten in Mali sehr begrenzt sind, dass man sich sehr vorsichtig bewegen muss. Muss man da wirklich reisen?

Man muss nicht, aber die Christen in Mali leben dort ja auch Tag für Tag, haben sich an manche Einschränkungen gewöhnt, wissen, dass die Situation jederzeit kippen kann und sie ihren Glauben dann vielleicht nicht mehr frei leben können. Gerade in ländlichen Gegenden geht es ja vielen Christen schon jetzt so: Steuern zahlen an islamistische Terroristen, deutlich eingeschränkte Möglichkeiten Gottesdienst zu feiern, Singverbot, Kopftuchzwang etc. – das ehemals so freie Land Mali lässt in weiten Teilen nicht mehr zu, dass jeder seinen eigenen Glauben lebt.

Und darum fliegen wir wieder hin. Um wenigsten ein bisschen solidarisch zu sein mit unseren Geschwistern und Freunden, sie hoffentlich zu ermutigen, indem sie merken, dass wir sie nicht vergessen, um mit ihnen ein paar Schritte des Weges gemeinsam zu gehen und so viel Normalität zu leben, wie es eben möglich ist. . Und auch wir werden durch die Begegnung mit ihnen ermutigt, wenn wir erleben, wie sie in schwierigen Verhältnissen und Unsicherheit vertrauensvoll ihren Glauben an Jesus leben.

Eigentlich…

Eigentlich sollten wir gerade dabei sein unsere Koffer für Mali zu packen.

Eigentlich säßen wir morgen um diese Zeit im Flugzeug nach Istanbul, um dann mitten in der Nacht in Bamako anzukommen.

Eigentlich hatten wir geplant zusammen mit 4 Freunden des Unterstützervereins „Radfahren für Mali“ vor Ort malische Partner zu besuchen, gemeinsam Gottesdienst in Bamako zu feiern, über Projekte zu sprechen.

Eigentlich waren wir davon ausgegangen, dass die Situation im Land es zwar nicht zulässt zu reisen, aber in Bamako die Sicherheit nicht wesentlich gefährdet ist.

Aber…

… es wird in der Hauptstadt immer schwieriger. Die Haupttransportwege vom Senegal oder der Elfenbeinküste werden von islamistischen Terroristen blockiert, Tanklaster in Brand gesetzt und so wird die Treibstoffversorgung in Bamako immer problematischer:

Menschen können nicht zur Arbeit fahren, die Dieselgeneratoren liefern keinen Strom mehr, die Schulen und Universitäten mussten schließen, vor den Tankstellen bilden sich riesige Schlangen, um den einen oder anderen Liter Benzin abzubekommen, der sonst so chaotische Straßenverkehr kommt teilweise zum Erliegen.

Es ist eine perfide Strategie der Terroristen: entweder irgendwo in Wäldern versteckt oder unter die Bevölkerung gemischt, steigen sie auf ihre Motorräder, überfallen ausgerüstet mit Kalaschnikows die LKW- und Tanklaster-Konvois, zünden alles an, verschwinden wieder und sind so kaum vom malischen Militär aufzuhalten.

Vor wenigen Tagen haben dann zahlreiche Botschaften ihre Landsleute angewiesen das Land schnellstmöglich zu verlassen, weil nicht absehbar ist, wie sich die Lage weiter entwickelt, auch das Kerosin für die Flugzeuge wird knapp… Manuel Müller, der erst vor wenigen Wochen nach einem mehrmonatigen Deutschlandaufenthalt nach Mali zurückgekehrt ist, musste schon wieder in einen Flieger zurück nach Deutschland steigen.

Und jetzt? Wir beten – zusammen mit unseren malischen Freunden – dafür, dass sich die Lage wieder bessert und zumindest Karsten zu einem späteren Zeitpunkt im Jahr doch noch fliegen kann. Wir beten, dass die Pläne der Islamisten nicht aufgehen, dass die Bevölkerung weiter gelassen bleibt (wir sind immer wieder beeindruckt, mit welch großer Resilienz Malier solche Krisen wegstecken!), die Regierung und das Militär Möglichkeiten finden, die Blockade Bamakos und anderer Städte in den Griff zu bekommen. Und auch wenn die große Mehrheit der Malier diesen liebenden Gott und Seinen Sohn Jesus Christus nicht kennen, hoffen wir auf Sein Eingreifen!  

Keine großen Worte

Zurück aus Mali. Mal wieder der übliche und doch so ungewöhnliche Wechsel. Ich sitze im Wohnzimmer bei einer guten Tasse Darjeeling und bin verwundert, wie ruhig es ist. Leipzig, eine Großstadt und doch ist es fast ganz still. O.k., die Fenster sind zu, denn die Temperaturen sind nicht an malische Verhältnisse angepasst. Und trotzdem: es ist so ruhig hier. Wo ist das Gewusel? Wo ist der Muezzin, der schon im 3:30 scheinbar nicht mehr schlafen kann oder will? (Oder ist der nur vom Band mit Zeitschaltuhr?) Wo sind die knatternden Generatoren, die heulenden Motorräder, die dröhnende Musik? Ich sitze einfach nur da, genieße die Stille und vermisse gleichzeitig das bunte laute Leben. Zurück aus Mali – zurück in Deutschland.

Einmal San und zurück

Statt von den nicht so spannenden Sitzungen des Kirchentreffens zu erzählen vielleicht lieber ein paar Randgeschichten:

Morgens vor dem Frühstück sitzen alle im Kreis und plaudern – in geduldiger Hoffnung auf baldigen Kaffee, Weißbrot und, wer Glück hat, ein bisschen Mayonnaise. Dabei läuft Abdias zu Hochtouren auf. Er ist ein eher klein und stämmig gewachsener Pastor, springt zwischen den Teilnehmer herum und erzählt wild gestikulierend Geschichten, von denen ich leider nur die Hälfte verstehe, weil sie aus einem bunten Gemisch aus Französisch und Bambara sind. Er bringt alle zum Lachen und man entdeckt hier plötzlich den Komiker in ihm – eine ganz andere Seite des in seinen Predigten eher ernsten Pastors.

Die Sitzungsleitung hat Prospère, ein kamerunischer Missionar, der seit vielen Jahren in Mali ist. Er führt ein strammes Regime, hält die Zeiten ein und wer sich nicht rechtzeitig gemeldet hat, dem wird kurzerhand das Wort abgeschnitten. Dabei hat Prospère ein so charmantes Lächeln und man weiß nie, was er ernst und was spaßig meint, sodass man ihm einfach nicht böse sein kann (ich schon gar nicht, denn diese langen Sitzungen sind schon eine heftige Geduldsprobe für mich).

Nicht fehlen darf bei einem solchen Treffen ein gegrilltes Schwein – frisch geschlachtet von den jungen Leuten. Moussa läuft mit einer Liste herum und schreibt die Interessierten auf, die dann am Tag danach für knapp 4 Euro einen Teller Schweinefleisch aus dem Holzkohleofen bekommen. Kaum einer, der da nicht zugreift (außer mir 😉).


 

 

Das Handyproblem wird so gelöst, dass eine Zeit lang ein kleiner Generator läuft, der mit den Steckdosen verbunden wird. Die zapfen dann alle an und laden ihre Akkus auf. Am Freitagabend findet ein Fußballspiel von ein paar ortsansässigen Geschäftsmännern statt und dafür wird der hauseigene Generator eingeschaltet: 40 Liter Diesel pro Stunde schluckt das Teil, wenn das Flutlicht eingeschaltet wird. Wer hat, der hat!

Die Rückfahrt geht etappenweise: von San fahre ich am Freitag noch nach Segou, übernachte dort und um kurz nach 6 geht es morgens nach Bamako. Die 240 km dauern knapp 3 Stunden bis kurz vor Bamako. Dann aber bricht der Verkehr völlig zusammen: Morgen ist das Ende des Ramadans und ganz Bamako ist auf den Beiden oder vielmehr Rädern, um noch einzukaufen. Zig Rinder werden in die Stadt gekarrt – nicht wissend, dass dies ihre letzte Fahrt ist. Alle stehen unter Strom und der Verkehr kommt fast völlig zum Erliegen. Die 20 km bis zum Zentrum der Allianz-Mission dauern länger als die 240 km davor. Noch bis tief in die Nacht gehen die Vorbereitungen weiter, sagt mir „Vraiment“, mein Taxifahrer – der Markt bleibt wohl bis zum Morgen geöffnet. Dagegen ist der Samstag vor dem 4. Advent bei uns völlig entspannt.

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Geduldige Gelassenheit

Jahreshauptversammlung mit 60-70 Kirchenvertretern aus (fast) dem ganzen Land. Wir treffen uns in einem Stadion außerhalb Bamakos, was die Kirche zu diesem Zweck angemietet hat – nicht wegen des Spielfeldes, vielmehr wegen der Räumlichkeiten: geschlafen wird in den Spielerkabinen und dem Physiotherapieraum. Außerdem sind es die sanitären Anlagen, die der Grund dafür sind, dass wir uns hier eingemietet haben, weil diese im Stadion reichhaltiger sind als anderswo. Die sanitären Anlagen… nun, das war wenigstens der Grundgedanke, aber hier angekommen mussten wir feststellen, dass der Zustand – selbst für malische Verhältnisse – nicht gerade erfreulich war. So weit so gut, dann stellten wir fest, dass kein Wasser aus den Hähnen kam. Ja, das würde nur von 18:00 bis mittags funktionieren. Um 19:00 war aber immer noch nichts da. Also füllten die armen Frauen Eimer für Eimer aus dem einzig funktionierenden Hahn mitten im Hof, damit wir uns nach dem heißen Tag „duschen“ konnten. Außerdem, so wurden wir gebeten, bitte reichlich Wasser nach dem Toilettengang nachschütten, damit der Geruch nicht in die Schlafräume nebenan dringt. 24 Stunden später kommt immer noch kein Wasser.

Dann der nächste Schlag: Der Strom… ja, der Strom… leider ist der Trafo durchgebrannt und ein neuer zu teuer – sorry, aber Strom gibt’s diesmal nicht, also auch kein Ventilator, kein Licht.

Eigentlich eine unglaubliche Situation. Wie kann man unter diesen Bedingungen eine Jahreshauptversammlung bei 40°C im Schatten abhalten. Und bei allem inneren Kopfschütteln meinerseits fasziniert mich wieder einmal diese unglaubliche Gelassenheit meiner malischen Glaubensgeschwister: Es wird über die Ursachen des Problems diskutiert, Alternativen für’s nächste Mal abgewogen, überlegt, ob man woanders nicht besser aufgehoben wäre. Aber trotzdem lebt man einfach mit der Situation, so, wie sie ist. Worte wie „unerträglich“ oder „Zumutung“ fallen nicht, keiner beschwert sich bei den Organisatoren. Weil das Licht nicht geht, verschiebt man die Abendveranstaltung einfach nach vorne und nach draußen. Geht doch auch… Und das sind hier nicht nur ganz einfache Leute irgendwo aus einem kleinen Dorf. Viele der Kirchenvertreter haben verantwortungsvolle Posten und gute Gehälter auf ihrer Arbeit und wohnen in Häusern mit zumindest für Malier gehobenen Komfort. Aber das größte Problem, was ich immer wieder höre, ist: „Wo können wir denn dann unsere Handys aufladen???“

Aufgeben oder weitermachen?

Bisher habe ich noch kein Wort über meine „Sonderprojekte“ der letzten Jahre verloren. Das hat seinen Grund…

Das Wicking-bed wurde endlich bestückt mit Salat und roter Beete – und tatsächlich funktionierte es gut. Der lockere Boden, die Zirkulation des Wassers und der Nährstoffe sorgten für ein rasches Wachstum. Aber dann: es freuten sich offensichtlich nicht nur die Pflanzen an dem feuchten lockeren Boden. Nach kurzer Zeit wurden die Blätter trocken und die Pflanzen starben ab. Angeknabberte Wurzeln waren der Grund – ob durch Wühlmäuse, Würmer oder was auch immer für ein Getier, jedenfalls entwickelten sich die Pflanzen auf den Nachbarbeten fröhlich weiter aber die vom Wicking-bed starben ab. Frust auf allen Seiten!

Und das Aquaponik-Projekt? Na ja, nicht ganz so schlimm, aber auch keine Erfolgsstory: Die ersten Salatpflanzen gediehen gut, bis der Wächter irgendwann fand, dass es bestimmt nicht gut sei, wenn die Pflanzen ständig Wasser haben und er vorsichtshalber mal die Nacht über die Pumpe abstellte: am Morgen war alles vertrocknet…

  1. Versuch: wieder wurde Salat gepflanzt, wieder fing er an zu wachsen und dann kamen die Mäuse, freuten sich und fraßen alles ratzeputz ab.

Wenigstens einige Fische leben noch, wenn auch ihr Wachstum nicht so schnell ist, wie ich mir das gewünscht hätte, um schon mal probieren zu können, wie sie so schmecken. Aber da war ich zu ungeduldig – sie brauchen halt noch. Auch das Ebbe-und-Flut-System ist recht anfällig – mal geht es mal nicht.

Was soll man sagen: 80-90% Misserfolg. Manchmal war ich geneigt, es einfach zu beenden, aber dann wiederum will ich es doch wissen. Jetzt versuchen wir es mit Zwiebeln – die schmecken Mäusen nicht. Und wenn das gelingt, dann vielleicht nochmal mit Salat und einem Drahtaufsatz. Aber jetzt müssen erst mal die Fische durchkommen!

Dabei ist das ja nichts Außergewöhnliches, wenn man hier arbeitet. Wie oft stellte sich mir diese Frage – aufgeben oder weitermachen? – in den vielen Jahren, die wir in Mali lebten und später im Hin und Her zwischen den Welten. Und dabei ging es nicht nur um ein paar Salatköpfe oder Fische. Immer wieder kamen und kommen wir an unsere Grenzen, wenn Dinge nicht so liefen, wie wir uns das vorgestellt hatten, wenn wir selbst hinter unseren Erwartungen zurückblieben, wenn wir an kulturelle und sprachliche Barrieren stießen, wenn der Kopf sich bei der Hitze anfühlt, als hätte man ihn einmal durchgeschüttelt und dann leer gepumpt, wenn, wenn, wenn…

Aufstehen, Krone richten, weiter gehen – mit Gottes Hilfe!

 

Taxitalks

Da ich mich in der Stadt oft mit dem Taxi fortbewege, habe ich immer wieder Gelegenheit zu kurzen Gesprächen mit Menschen, denen ich manchmal nur dies eine Mal begegne. Man kann für recht wenig Geld mit den knallgelben Kisten, die Europa freundlicherweise in Afrika entsorgt hat, in die Stadt fahren, braucht sich nicht um den Verkehr zu kümmern, schwitzt ein bisschen mehr und atmet Staub und Abgase durch das offene Fenster aber profitiert von den Schleichwegen, die nur die eingefleischten Taxifahrer kennen. Der normale Taxifahrer arbeitet für seinen „Patron“, das heißt, jeden Tag drückt er umgerechnet 15 Euro ab für die Nutzung des Autos – Sprit geht auf seine Rechnung, Reparaturen muss der „Patron“ zahlen. Das Geld muss erst mal eingefahren werden, bevor der Taxifahrer Gewinn macht. Mich kostet eine Fahrt in die Stadt ca. 2,30 – da braucht es schon einige Fahrten, bevor es sich lohnt, denn die 15 Euro sind fällig, auch wenn man den ganzen Tag keine Kundschaft findet. Seit einigen Jahren sind Motorradtaxis als Konkurrenz dazu gekommen – aber es reicht ein kurzer Blick auf deren Fahrstil und ich nehme gerne Abstand…

Die Gespräche im Taxi sind dann sehr unterschiedlich. Manche Fahrer lassen sich kaum aus der Reserve locken, die meisten aber plaudern munter drauf los. Ob Politik, die Straßenverhältnisse, die Lebenshaltungskosten oder Religion – oft ist es leicht ins Gespräch zu kommen. Soumaila, mein „Haus- und Hoftaxifahrer“ (direkt um die Ecke und meist zuverlässig) ist eigentlich sehr kommunikativ, aber leider ist sein Französisch nicht sehr entwickelt und mein Bambara noch viel weniger. So stecken wir öfter fest im Gespräch und wenn er überzeugt „vraiment!“ (tatsächlich! wirklich!) sagt, bin ich nie ganz sicher, ob er mich verstanden hat oder es ein Lückenfüller ist. Gerade jetzt zum Ramadan frage ich viel nach, wie das denn mit dem Fasten ist, warum sie eigentlich fasten, was für viele eine erst einmal überraschende Frage ist, weil es hier einfach dazu gehört. „Für hier macht das nicht wirklich einen Unterschied“, sagt mir einer, „aber nach dem Tod, da bringt das Segen.“ Es ist eigentlich leicht dann miteinander ins Gespräch zu kommen, dass wir Christen fasten, ohne dass das ein Muss ist, dass wir mit Jesus keine Zusatzleistungen für das Paradies brauchen. Aber immer wieder stoße ich an sprachliche Grenzen. Wenn es im Gespräch tiefer geht als „vraiment“, dann wechselt mein Gesprächspartner schnell ins Bambara und ich bin raus. Dass ich Peulh spreche, finden viele zwar interessant, hilft uns aber hier in Bamako nicht weiter. Immer wieder bin ich dann motiviert, doch noch Bambara zu lernen, obwohl ich natürlich weiß, dass sich eine Sprache nicht nebenbei lernen lässt und erst recht nicht, wenn man ein Niveau erreichen will, wo man solche Gespräche führen kann. So kann ich nur beten, dass Jesus hier und da trotzdem solche kleinen Gelegenheiten nutzt, um seine Liebe zu den Muslimen zu zeigen. Vraiment!

Morgenstimmung

Heute Morgen sitzen Manuel und ich beim Frühstück auf dem Dach. Das Müsli ist importiert aber Mangos, Papayas und Bananen sind lokal und unglaublich lecker! Die Sonne versteckt sich noch hier und da unter ein paar Wölkchen und wenn sie dahinter hervorkommt, ist sie auch noch zu ertragen. Der Dieselgenerator, den unsere Nachbarn wegen Schweißarbeiten (nein, nicht die Arbeiten im Schweiße ihres Angesichtes, sondern die am Schweißgerät!) den ganzen Tag laufen lassen und dessen lautes knattern einem ziemlich auf die Nerven gehen kann, ist noch im Ruhezustand und somit kann man auch mal ein paar Vögel zwitschern hören.

Wir unterhalten uns über Möglichkeiten in Mali zu entspannen, auszuruhen, Abwechselung zu finden, was nicht so einfach ist. Klar, hier in der Hauptstadt gibt es – anders als auf dem Dorf oder in einer Kleinstadt – auch schon mal Konzerte oder andere kulturelle Veranstaltungen, aber da man sich als Bleichgesicht ja nicht so viel in der Öffentlichkeit zeigen soll, ist das kaum eine Alternative. Und für manches ist es einfach zu heiß!

Ich erinnere mich, wie wir früher manchmal an Sonntagnachmittagen als Familie im Norden Malis nicht so richtig wussten, was wir machen sollten. Oft brannte die Sonne zu sehr, um einen Ausflug zu machen. Gesellschaftsspiele waren zwar anfangs nett, aber schon nach kürzester Zeit wurde einer unserer Jungs wütend, weil er verlor, die Welt ungerecht fand und auch schon mal alle Spielfiguren vom Tisch fegte (heute sind sie ganz anders!!). Also das war auch nicht der Brüller. Oft haben wir Eltern dann gelesen, die Kinder mit Duplo und Playmo gespielt. Aber es gab auch Highlights, wenn wir miteinander Indianer gespielt haben und dann ein frisch geschlachtetes Huhn auf Tuaregart im mit Holz vorgeheizten Sand gegrillt haben.

Das machen Manuel und ich heute nicht. Und jeder muss irgendwie finden, wie er nach der Arbeit einen Ausgleich findet. Beim Unterhalten fällt mir eine Begebenheit aus „alten Zeiten“ ein: In unserem Wohnort von früher gab es tatsächlich ein Open-Air-Kino. Meistens wurden dort nur irgendwelche indischen Schnulzen gezeigt mit viel Musik und Tanz – nicht so ganz meins… Aber irgendwann stand tatsächlich mal ein recht netter Spielfilm auf dem Programm: Sandra Bullock in „Miss Congeniality“ – das war doch mal eine Abwechslung! Also kräftig Anti-Mückenspray und ab ins Kino. Der 16 mm-Projektor ratterte fröhlich los – das war noch richtig Originalkino! Aber leider, leider funktionierte der Ton nicht. Die Techniker machten das Gerät an und wieder aus, bastelten, versuchten es nochmal. Es ging nicht und dann ließen sie schließlich den Film einfach laufen – is halt so. Nachdem mir klar wurde, dass das jetzt so weiter gehen sollte, habe ich mich beschwert – schließlich ist Sandra Bullock ja nicht Charly Chaplin, der wäre auch ohne Ton gegangen. Und so gaben sich die Techniker wieder ans Basteln. Fast alle Mitgucker waren, so wenigstens meine Wahrnehmung, dankbar für mein Einschreiten – anders aber ein gehörloser Kinobesucher. Der war richtig sauer auf mich, dass ich sein Kinovergnügen unterbrochen hatte 😊.

Das Ende vom Lied: sie haben es hinbekommen, Sandra konnte wieder reden und ob mit oder ohne Gehör: wir haben den ganzen Film schauen können!

Sanfter Übergang

In den vergangenen Tagen liefen verschiedene Gespräche, um zu klären, wie es mit „unserer“ malischen Hilfsorganisation weiter geht. Daniel, der die Arbeit seit vielen vielen Jahren leitet, geht Ende 2025 in Rente und nachdem wir in den letzten Jahren immer wieder miteinander überlegt haben, wie es weiter gehen kann, ist es jetzt Zeit Nägel mit Köpfen zu machen.

Es ist ein unglaublicher Schatz, dass wir einige Mitarbeiter haben, mit denen wir seit über 30 Jahren zusammenarbeiten, die ihre berufliche Laufbahn mit uns begonnen haben und bis heute mit uns unterwegs sind. Aber jetzt heißt es Neues zu wagen und da hat das malische Team einen guten Weg gefunden: Moussa, der ebenfalls schon so lange mit uns arbeitet und ein Jahr länger arbeitet als Daniel, wird im kommenden Jahr die Verantwortung übernehmen und in dieser Zeit wird Manassé, ein junger Arzt, der im AIDS-Projekt arbeitet, eingearbeitet, um 2027 den Staffelstab zu übernehmen.

Dann startet eine neue Generation! Gestern im Gespräch mit den Dreien habe ich betont, dass Manassé nicht denken soll, wir würden uns wünschen, dass alles so weiter läuft wie bisher, sondern dass wir daran interessiert sind, dass er und seinen Kollegen auch Neues einbringen. Seine Generation ist ganz anders groß geworden als Daniel und Moussa. Sie kommunizieren anders, sie haben andere Ideen, mehr Kontakt zu anderen Teilen dieser Welt und auch das ist ein Kapital, das nicht ungenutzt bleiben soll. Das hat ihn sichtlich erleichtert. Aber es wird noch eine spannende Aufgabe miteinander Bewährtes weiterzuführen und gleichzeitig mutig Neues anzugehen.

Ich bin gespannt und freue mich auf die Zusammenarbeit, die anderen Impulse und hoffe, dass das gegenseitige Vertrauen auf der Basis der langjährigen Zusammenarbeit mit den „Altvorderen“ Stück für Stück wächst.