Jean

Angefangen hat er bei uns als Wächter. Das war in den 90er Jahren und er wurde schnell zum Freund unserer Kinder und auch mehr und mehr von uns. Wenn wir einmal pro Woche mit Freunden draußen auf unserer Veranda in der Bibel lasen, Lieder sangen und beteten (heißt das dann Verandakreis?), war Jean mit dabei. Jean war zuverlässig und offen. Dass er nachts immer die Ratten auf unserem Grundstück gefangen, gegrillt und gegessen hat, war etwas ungewohnt aber durchaus in unserem Sinne. Nach einiger Zeit fragten wir ihn, ob er sich vorstellen könne, ein halbes Jahr zu „Jugend mit einer Mission“ zu einer sogenannten Jüngerschaftsschulung zu gehen – das hat seinen Glauben geprägt. Jean war aktiv und fröhlich mit Jesus unterwegs. Zurück in unserem Wohnort Sévaré ließ er sich zum Krankenpflegehelfer schulen und arbeitete bei uns im AIDS-Projekt mit. Ständig war er mit seinem kleinen Motorrad unterwegs, besuchte die Patienten, behandelte sie unter Aufsicht unseres Arztes und wo die Leute bereit waren zuzuhören, erzählte er ihnen auch von seinem Glauben an Jesus. Jean wohnte mit uns in einem kleinen Zimmer auf unserem Grundstück und gehörte fast schon zur Familie. Irgendwann kam dann H., wurde Jeans Frau und zog auch mit zu uns. Zusammen mit einer weiteren Familie bildeten wir eine bunte Hofgemeinschaft und das gemeinsame Leben war für uns alle eine Freude – natürlich nicht immer, aber unterm Strich waren wir ein gutes Team.

Als wir 2003 nach Deutschland zurück gingen, verlor sich der Kontakt. Das Internet war noch sehr dürftig hier, das Smartphone noch nicht erfunden und zum Telefonieren brauchte man in Mali einen Festnetzanschluss. Lange hörten wir fast nichts mehr voneinander. Es lief nicht gut. Es gab Probleme mit seinen Vorgesetzten, die letztlich zum Verlust der Arbeitsstelle führten. Jean ging mit H. und seinen mittlerweile 2 Kindern nach Bamako, um dort irgendwie über die Runden zu kommen. Einmal konnten wir uns noch bei einem Besuch in Mali treffen, dann hörten wir, dass Jean verstorben sei. Plötzlich, ohne große Vorerkrankung, keiner weiß warum – es stirb sich leicht in Mali.

Heute war H. bei uns zu Besuch, zusammen mit ihren beiden Kindern. G. steht kurz vor dem Abi, I. ist in der 8. Klasse. G möchte Übersetzer werden – Deutsch und Englisch, I. träumt nach wie vor von einer Fußballerkarriere. H. hat erneut geheiratet – ob es eher eine Zweckheirat war, können wir nicht beurteilen. Als die drei in den Hof kommen, rennt I. auf mich zu und springt in meine Arme (hups, da haben wir doch kurz die Coronaregeln vergessen). Wir haben uns erst vor ein paar Jahren kennen gelernt, seitdem wir wieder in Mali arbeiten, aber uns verbindet die Erinnerung an Jean. Und er sieht seinem Vater so dermaßen ähnlich, dass man kaum anders kann, als ihn an sich zu drücken.

Gestern war Ostern. In der Gemeinde in Quinzambougou habe ich über Jesu Auferstehung gepredigt und darüber, wie der Sieg Jesu auch unseren Tod besiegt hat. Irgendwann, denke ich, werde ich im Reich Gottes auch Jean in die Arme schließen können und vielleicht erinnern wir uns dann an die ersten gemeinsamen Jahre auf unserem Grundstück – nur steht dann sicherlich etwas anderes auf der Speisekarte!

 

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