Eigentlich…

… ja eigentlich säße ich, Karsten, jetzt im Flugzeug in Richtung Bamako. Wäre da nicht Corona, denn durch verschiedene Ereignisse um dieses Virus in der letzten Woche musste ich den Flug auf nächste Woche verschieben, damit der Praxisbetrieb in Leipzig weitergehen kann. Also sitzt jetzt Gerlind im Flieger, während ich ein unerwartetes freies Wochenende in Deutschlands Kühle habe. Aber Gerlind ist nicht allein! Simon, ein junger Mann aus unserer Gemeinde in Leipzig, startet in ein 2-monatiges Praktikum in Mali. Und so reisen die beiden in die mollige Wärme und ich hoffe ihnen am Donnerstag folgen zu können.

Acht Monate sind schon wieder vergangen, seitdem wir das letzte Mal malischen Boden besucht haben und Manuel Müller, unser „Agromissionar“ vor Ort, hat sich derweil tapfer durch das Sprachstudium geschlagen. Das war nicht ganz einfach, denn gerade die sehr hilfreichen Dorfaufenthalte waren aufgrund der Sicherheitslage nicht so möglich, wie wir es uns gewünscht haben. Jetzt freuen wir uns auf das Wiedersehen und das gemeinsame Überlegen, wie es nach dem Bambara-Lernen weiter geht.

… und dann kommt plötzlich die Nachricht, dass da wieder eine neue Variante auftaucht – Omikron. (Wie gut, dass Virusvarianten nicht wie Hurrikans nach menschlichen Vornamen benannt werden!) So beten wir, dass dies nicht auch noch die Reisemöglichkeiten beeinträchtigt und Gerlind und ich gemeinsam am 4. Advent wieder zurück in Deutschland sein werden. Und es freut uns, dass auch Ihr wieder in Gedanken und Gebeten mitreist!

 

Aus die Maus

Wieder sind die knapp 3 Wochen Mali vorbei. Wieder sitzen wir am Flughafen und sind froh, dass unser Gepäck, gefüllt mit Mangos, Erdnüssen, Datteln etc. anstandslos durch die Kontrollen gegangen ist. Der Coronatest, für den wir gestern 2 Stunden anstehen mussten, war ordnungsgemäß negativ und dass unsere Namen beim Einchecken am Flughafen nicht auf der Liste standen, ließ sich glücklicherweise schnell klären.

3 Wochen Mali: wir haben ca. 15 Sitzungen und Treffen mit wichtigen Kirchen- und NGO-Vertretern hinter uns gebracht, etwa 10 Stunden im Stau in Bamako gestanden. 13 Mäuse haben in unserer Wohnung ein bitteres Ende gefunden. Wir waren ca. 800 km mit dem Auto unterwegs, haben nur einmal gekocht, 5 Gottesdienste besucht, nicht gezählte Mund-Nasen-Masken durchgeschwitzt. Wir haben über Kleinkreditprojekte gesprochen, bauliche Maßnahmen an unserer Zentrale beschlossen, Ärger unserer Mieter geschlichtet, Manuel Müller in die Arbeit eingeführt, ca. 30 Gläser malischen Tee getrunken, fast jeden Tag 3 x geduscht und wenn eben möglich einen Mittagschlaf gemacht, meistens morgens Müsli gegessen, die I-ni-sini-Schule besucht, mit Freunden telefoniert, die wir aufgrund der Sicherheitslage nicht mehr besuchen können und manchmal auf dem Dach gesessen und trotz Smog einen angenehmen Morgenwind genossen. Und wir waren die ganze Zeit über gesund, hatten keinen Unfall und sind sogar 3 x Joggen gegangen (zumindest Manuel und Karsten…).

Und natürlich haben wir doch auch über Corona gesprochen, haben festgestellt, dass hier auch nicht anders als in Deutschland wilde Theorien verbreitet und manchmal auch geglaubt werden. Aber das Thema hat nicht diese Wichtigkeit – man kann wirklich ganze Tage verbringen, in denen es nicht einmal angesprochen wird. Es gibt tatsächlich noch andere Probleme auf der Welt.

3 Wochen Mali. Heute war der erste Tag, an dem die Mausefallen nicht leergefressen waren und auch keine Maus gefangen wurde. Alles clean! Da wenigstens waren wir erfolgreich. Nach hartem Kampf! Und sonst? Wir habe ein weiteres Mal Partnerschaft versucht – was dabei gelungen ist und was nicht, können wir nicht wirklich beurteilen. Da tut uns jetzt die Quarantäne gut – ein paar Tage abgeriegelt von der deutschen Coronawelt mit der Möglichkeit emotional und im Gespräch die Zeit in Mali verarbeiten zu können.

Jean

Angefangen hat er bei uns als Wächter. Das war in den 90er Jahren und er wurde schnell zum Freund unserer Kinder und auch mehr und mehr von uns. Wenn wir einmal pro Woche mit Freunden draußen auf unserer Veranda in der Bibel lasen, Lieder sangen und beteten (heißt das dann Verandakreis?), war Jean mit dabei. Jean war zuverlässig und offen. Dass er nachts immer die Ratten auf unserem Grundstück gefangen, gegrillt und gegessen hat, war etwas ungewohnt aber durchaus in unserem Sinne. Nach einiger Zeit fragten wir ihn, ob er sich vorstellen könne, ein halbes Jahr zu „Jugend mit einer Mission“ zu einer sogenannten Jüngerschaftsschulung zu gehen – das hat seinen Glauben geprägt. Jean war aktiv und fröhlich mit Jesus unterwegs. Zurück in unserem Wohnort Sévaré ließ er sich zum Krankenpflegehelfer schulen und arbeitete bei uns im AIDS-Projekt mit. Ständig war er mit seinem kleinen Motorrad unterwegs, besuchte die Patienten, behandelte sie unter Aufsicht unseres Arztes und wo die Leute bereit waren zuzuhören, erzählte er ihnen auch von seinem Glauben an Jesus. Jean wohnte mit uns in einem kleinen Zimmer auf unserem Grundstück und gehörte fast schon zur Familie. Irgendwann kam dann H., wurde Jeans Frau und zog auch mit zu uns. Zusammen mit einer weiteren Familie bildeten wir eine bunte Hofgemeinschaft und das gemeinsame Leben war für uns alle eine Freude – natürlich nicht immer, aber unterm Strich waren wir ein gutes Team.

Als wir 2003 nach Deutschland zurück gingen, verlor sich der Kontakt. Das Internet war noch sehr dürftig hier, das Smartphone noch nicht erfunden und zum Telefonieren brauchte man in Mali einen Festnetzanschluss. Lange hörten wir fast nichts mehr voneinander. Es lief nicht gut. Es gab Probleme mit seinen Vorgesetzten, die letztlich zum Verlust der Arbeitsstelle führten. Jean ging mit H. und seinen mittlerweile 2 Kindern nach Bamako, um dort irgendwie über die Runden zu kommen. Einmal konnten wir uns noch bei einem Besuch in Mali treffen, dann hörten wir, dass Jean verstorben sei. Plötzlich, ohne große Vorerkrankung, keiner weiß warum – es stirb sich leicht in Mali.

Heute war H. bei uns zu Besuch, zusammen mit ihren beiden Kindern. G. steht kurz vor dem Abi, I. ist in der 8. Klasse. G möchte Übersetzer werden – Deutsch und Englisch, I. träumt nach wie vor von einer Fußballerkarriere. H. hat erneut geheiratet – ob es eher eine Zweckheirat war, können wir nicht beurteilen. Als die drei in den Hof kommen, rennt I. auf mich zu und springt in meine Arme (hups, da haben wir doch kurz die Coronaregeln vergessen). Wir haben uns erst vor ein paar Jahren kennen gelernt, seitdem wir wieder in Mali arbeiten, aber uns verbindet die Erinnerung an Jean. Und er sieht seinem Vater so dermaßen ähnlich, dass man kaum anders kann, als ihn an sich zu drücken.

Gestern war Ostern. In der Gemeinde in Quinzambougou habe ich über Jesu Auferstehung gepredigt und darüber, wie der Sieg Jesu auch unseren Tod besiegt hat. Irgendwann, denke ich, werde ich im Reich Gottes auch Jean in die Arme schließen können und vielleicht erinnern wir uns dann an die ersten gemeinsamen Jahre auf unserem Grundstück – nur steht dann sicherlich etwas anderes auf der Speisekarte!

 

Ostern in Bamako

Wie Ihr seht: am Corona-Sicherheitsabstand müssen wir noch arbeiten (ich durfte zum Glück vorne sitzen – da war genug Platz zwischen uns), aber an der Stimmung nicht. Ich hoffe, es ging bei Euch ähnlich munter zu. Ach nein, in Deutschland darf man ja nicht mehr singen.  Hier also eine kleine Kostprobe aus dem Ostergottesdienst:

https://youtu.be/A8Ot_NZFaBg

Euch allen ein gesegnetes Osterfest!

Zähe Entwicklungen

                    Vorschulklasse

Und einmal mehr waren wir in der Schule, die vor 4 Jahre ihren Betrieb aufgenommen hat. Es ist schön zu sehen, wie sich manches entwickelt hat. Mittlerweile sind fast 100 Kinder dort, 4 Klassen und eine Vorschulklasse. Die Vorschulkinder haben jetzt andere Tische und Stühle bekommen, was direkt einen viel kinderfreundlicheren Eindruck macht, und sind jetzt in einem eigenen Gebäude, so dass für alle mehr Platz ist. Auf dem Schulhof sind die Bäume gewachsen und fangen an Schatten zu geben. Die Tiefbohrung sorgt dafür, dass nahezu immer Wasser da ist und die Kinder nicht ihre Trinkflaschen von zuhause mitschleppen müssen. Super auch, dass durch die installierte Solaranlage in dieser heißen Zeit Ventilatoren in den Klassenräumen dafür sorgen, dass ein bisschen Kühlung da ist und die Aufnahmekapazitäten erhöht werden.

                           Schulhof

Und doch ist nicht alles Gold was glänzt. Wir hatten uns gewünscht, dass deutlich mehr Kinder die Schule besuchen, aber einigen Eltern waren die Schulgebühren (knapp 10 Euro im Monat) zu hoch und sie suchten sich etwas anderes. Manche Missverständnisse gab es zwischen Lehrern und Elternvertretern und auch im wachsenden Lehrerkollegium lief nicht immer alles glatt. Eigentlich ganz normale Probleme, aber eine Schule, die am Anfang steht und noch den eigenen Weg und die Akzeptanz in der Bevölkerung sucht, kann durch Kleinigkeiten rasch zurückgeworfen werden.

   vom ersten bis zum vierten Schuljahr dabei

Und in San, wo die zweite Schule gebaut wurde, geht es noch nicht los. Der Zuzug ist bis heute nicht so stark, wie unsere Partner das erwartet hatten. Viele sind dabei in der Umgebung der Schule am Stadtrand ihre Häuser zu bauen, aber das geht nur Stück für Stück vorwärts, weil das Geld für eine flotte Fertigstellung nicht ausreicht.  Dadurch sind noch zu wenig Kinder im Einzugsbereich und wir fragen uns, ob es Sinn macht den Schulunterricht jetzt schon anzufangen oder noch einmal ein Jahr zu warten.

Auch das Leitungsteam der Kirche, das für die Schularbeit verantwortlich ist, könnte manchmal dynamischer sein. Da sie alle ehrenamtlich für das Schulprojekt arbeiten und noch diverse andere Aufgaben im Bereich der Kirche wahrnehmen, bleibt für die Schulen oft nicht genug Zeit.

Es könnte manches besser laufen, na klar! Manchmal ist das ärgerlich, manchmal werden wir ungeduldig, manchmal fragen wir uns, ob nicht Dinge ganz anders angepackt werden müssten. Und manchmal erinnern wir uns daran, dass das in Deutschland nicht ganz anders ist und dass es leicht ist, von außen zu kommen und zu kritisieren, besonders wenn man selbst nicht mit denselben Problemen zu kämpfen hat. Mal sind wir hin- und mal hergeworfen zwischen Verständnis und Ärger, zwischen Perspektive und Ratlosigkeit. Und das ist ein Eiertanz, der wohl auch immer so bleiben wird.

 

 

Ein Pastor für Tousséguéla

Ein Jahr ist es her, da haben wir Euch geschrieben von diesem Dorf im der Region Sikasso – recht weit weg vom bisherigen Arbeitsfeld unserer Partnerkirche, der UEPEM. Wir hatten erzählt, wie sie dort neu angefangen haben, den Menschen von Jesus zu erzählen, sich immer mehr Menschen dafür geöffnet haben, dass Jesus der einzige Weg zu Gott ist. Und wir hatten Euch gebeten mit dafür zu beten, dass in dieses Dorf jemand geht, der die Menschen auf ihrem neu begonnenen Weg mit Jesus begleitet.

Zwischendurch hat es immer wieder Besuche gegeben von Christen und auch ein Pastor in Rente ist mit seiner Frau für ein paar Wochen nach Tousséguéla gezogen, aber eine dauerhafte Lösung wurde noch nicht gefunden. Mittlerweile gehören zu der kleinen, neuen Gemeinde wohl 52 Personen und so hat das nationale Kirchenleitungsteam trotz großem Pastorenmangel überall beschlossen, einen ihrer Pastoren dorthin zu versetzen. Aber wie macht man das? Wie wählt man aus? Wie trifft man die Entscheidung? Enoc, Leiter des Kirchenbundes, hat sich Gedanken gemacht, wer für eine solche Aufgabe in Frage kommt und hat bei der letzten Sitzung drei Vorschläge gemacht – aus jedem der drei Kirchenbezirke eine Person. Er habe mit niemandem darüber gesprochen, auch keinen nach seiner Bereitschaft gefragt und so wünscht er sich, dass eine einigermaßen unbefangene Diskussion entstehen kann. Und so wird hin und her überlegt, ein anderer Name wird ins Spiel gebracht, dann aber schnell wieder verworfen. Nach nicht langer Zeit wird bestätigt, dass man sich alle drei vorstellen kann. Aber wie geht es jetzt weiter? Abstimmen – der Vorschlag ist natürlich naheliegend und kommt auch sofort. Aber so richtig glücklich ist niemand damit. Schließlich sitzen wir mit den Leitern der drei Bezirke und alle suchen Pastorennachwuchs. Bei allem Wissen um die Notwendigkeit eines Mitarbeiters in Tousséguéla – wer will schon einen von seinen Leuten abgeben? Da bringt jemand ein, dass man auch losen könnte. Tatsächlich, so sagt uns der Leiter später, hat man das noch nie bei so einer Frage gemacht und auch wir runzeln erst innerlich die Stirn. Darf man bei so einer wichtigen Frage das Los entscheiden lassen? Aber haben es die Jünger bei der Nachwahl nach dem Suizid von Judas nicht auch so gemacht? Nachdem wir ein bisschen hin und her diskutiert haben, machen wir es so: die 3 Namen werden auf je einen Zettel geschrieben und nach einem Gebet um die Leitung des Heiligen Geistes wird Gerlind gebeten, einen der Zettel zu ziehen und den Namen vorzulesen: „Esaïe aus dem Bezirk Ouan“

Die Leiter der beiden anderen Bezirke atmen auf, Ezechiel aus Ouan beginnt zu protestieren und ist sich plötzlich der Leitung des Heiligen Geistes nicht mehr ganz so sicher. Aber letztlich wird deutlich, dass es ihm wohl mehr darum geht, bei der Verteilung der Pastorenschüler, die in den kommenden Jahren ihre Ausbildung beenden werden, ausreichend berücksichtigt zu werden. Also: Esaïe aus Ouan geht nach Tousséguéla. Danke für jeden, der dafür mit gebetet hat und es vielleicht auch weiter tut.

Eine schöne Nachricht brachte uns Enoc ein paar Tage später: als die Verantwortlichen mit Esaïe sprachen und ihn um seine Gedanken baten, war er gerne bereit aufzubrechen. Tatsächlich hätten er und seine Frau vor einiger Zeit angefangen Gott zu bitten, sie in eine neue Arbeit einer Gemeindeneugründung zu schicken und so empfanden sie die Anfrage als eine Antwort Gottes auf ihre Gebete.

 

 

Bamakoer Nachtleben

Sie schleichen durch die Gegend, kaum mal sichtbar, den Schutz der Dunkelheit suchend. Was eben sie mitnehmen können, lassen sie sich nicht entgehen. Zerstörerisch, immer auf der Suche, ohne Rücksicht. Und es sind viele, werden immer mehr. Dort anzutreffen, wo man sie nicht vermutet und doch irgendwie überall. Man fühlt sich ihnen machtlos ausgeliefert.

Heute Nacht haben sie Gerlinds Armband angefressen, davor meine Handyhülle. Wir haben alles in Schränke gepackt, aber trotzdem finden sie immer einen Zugang: Mäuse, die fast so groß sind wie in Deutschland die Ratten. Seitdem wir hier sind, versuchen wir Herr der Lage zu werden aber nur mit mäßigem Erfolg. Es gibt hier verschiedene Arten von Mausefallen, die wir aber besser nicht näher beschreiben wollen (sonst würde vermutlich diese Seite von der Ethikkommission gesperrt) und ein paar haben auch schon gewirkt und die Plage ein bisschen eingedämmt, aber die noch verbliebenen Mäuse sind so groß, dass sie allem trotzen und fröhlich die ausgelegten Erdnüsse, den Käse, die Wust verzehren und die Fallen leer zurück lassen. Jeden Morgen heißt es dann die Schäden begutachten, die leeren Fallen betrauern und die Köttel auffegen. Aber heue Nacht wurde es noch bunter:

Als Gerlind zum kurz nach 0:00 nochmal aufgestanden ist, um ihr Handtuch nass zu machen, das ihr beim Schlafen wenigstens ein bisschen Kühlung bringt, trat sie plötzlich ins Wasser: 1-2 cm hoch stand Wasser in unserem Schlafzimmer. Als Gerlind mich weckte, war mein erster Gedanke: „Jetzt übertreibt sie aber wirklich mit ihrem nassen Handtuch.“ Aber als ich dann sah, wieviel Wasser sich so in unserem Schlafzimmer befand, war schnell die zweite Erklärungsmöglichkeit da: „Die Mäuse haben den Waschmaschinenschlauch angefressen“. Aber nein, diesmal waren sie tatsächlich unschuldig. Das Bad war trocken. Wo aber kam das Wasser her? Mit Handtüchern und Eimer machten wir uns daran, unser zum Schwimmbad gewordenes Schlafzimmer wieder trocken zu legen und gingen erneut auf die Suche nach der Quelle, die wir dann in der Küche fanden: Gestern Abend war das Wasser mal wieder abgestellt worden, was nicht selten passiert und irgendwie hatten wir den Hahn in der Küche nicht wieder zugedreht. Als dann das Wasser wiederkam und wir brav schlummernd im Bett lagen, hörte es natürlich nicht mehr auf zu laufen. Und dummerweise stand die Spülschüssel auf dem Abfluss, so dass sich das Becken nach und nach füllte, das Wasser erst die Küche flutete, dann die Veranda, um sich danach unter einer Tür und einem Schrank den Weg zum tiefstgelegenen Punkt, unserem Schlafzimmer, vorzuarbeiten. Also machten wir uns daran die ca. 150 Liter mit Handtüchern und Dreckschüppen in den Eimer und dann in den Ausguss zu befördern. Zum Glück ist der Boden gefliest und die Decke aus Beton, sodass keine ernsten Schäden entstanden sind. Nach einer Stunde Arbeit war dann alles soweit wieder trocken, wir konnten wieder ins Bett und das Nachtleben den Mäusen überlassen. … und wir möchten gar nicht wissen, was sich der Nachtwächter, der dieses Haus bewacht, wohl gedacht haben mag, was die Weißen da mitten in der Nacht wieder für komische Ideen hatten.

Auch das gehört dazu

Bei 40°C im Schatten was einigermaßen Vernünftiges zu Papier zu bringen ist nicht so ganz einfach. Aber mit Ventilator, Kaffee und ein paar Erdnüssen muss es halt gehen. Denn auch das ist nötig. Als Allianz-Mission haben wir in Mali auch eine Anerkennung als nicht-staatliche Hilfsorganisation (NGO) und um diese auch weiter zu behalten, ist es nötig jedes Jahr einen Bericht an die staatlichen Organe zu liefern. Was haben wir gemacht bzw. was haben unsere Partner mit unserer Finanzierung für Projekte durchgeführt? Ein paar Bilder, einige Projektbeschreibungen, ein paar salbungsvolle Worte und vor allem der Finanzbericht – natürlich auf Französisch. Das ist nicht unbedingt meine Lieblingsbeschäftigung, aber auch das gehört eben dazu. Wenn man anerkannterweise in einem anderen Land arbeiten will, muss man natürlich auch Rechenschaft abgeben. Etwas ernüchternd ist der Gedanke, dass sich vermutlich nie jemand die Mühe machen wird mein Geschreibsel zu lesen. Die verantwortlichen Stellen haben sicher besseres zu tun, als von jeder hier arbeitenden Hilfsorganisation zu lesen, was sie alles warum und wir getan haben. Also: Augen auf und durch!

Wie viel mehr Spaß hat es gemacht als wir gestern in einem Dorf, in dem eine neue Kirchengemeinde gegründet wurde, unter einem Strohdach Gottesdienst zu feiern. Mit ein paar Gläubigen zusammen sitzen wir 50 km von der Hauptstadt entfernt und singen, beten und lesen in der Bibel. Wir achten weitestgehend auf die Coronaregeln, aber manchmal geht es einfach auch nicht ohne Kompromisse – na ja, die würden wir in Deutschland ja auch immer mal wieder eingehen. Mundschutz hier auf dem Land – für uns Weiße und den Präses geht das in Ordnung aber die Dorfbewohner werden sich das wohl kaum angewöhnen. Bei der Predigt nehme ich ihn dann auch ab – ein bisschen Mimik muss da schon mal möglich sein! Danach wie immer: Einladung zum gemeinsamen Mittagessen mit der Pastorenfamilie und ein gemütliches Schwätzchen in der Mittagshitze. Da fallen dann schon mal dem einen oder anderen die Augen zu, aber das stört hier keinen. 3 Junge spielen unterdessen konzentriert mit einem Smartphone – mitten im Busch und doch wie in Deutschland 😊.

Leider ist die Fahrt hin und zurück nicht so angenehm: der Verkehr in Bamako wird immer verrückter und selbst am Sonntag brauchen wir für die 50 km 1:45 Stunden und schieben uns im Stop and Go durch den dichten Verkehr. An der Mautstation steht ein großes Schild, dass jetzt doch innerhalb von 24 Stunden wieder nur noch 1x bezahlt werden muss – die Dame an der Kasse ist da allerdings anderer Meinung und sitzt dummerweise am längeren Hebel – sprich: an der Schranke. Keine Ahnung, was da jetzt stimmt und was nicht…

Wie bringe ich einen Pastor zum Lächeln?

Bei einer der zahlreichen Sitzungen fragt mich Enoc, der Präses unserer Kirche, ob ich bereit wäre von allen Pastoren Fotos zu machen. Sie würden gerne Pastorenausweise ausstellen und bräuchten dafür von jedem so eine Art Passfoto. Na klar, sowas habe ich schon öfter gemacht, da sie auch immer mal einen Kalender mit Fotos aller Pastoren machen und mich dafür als Fotografen anheuern. Aber da ist schon mal die erste Schwierigkeit: was nimmt man für einen Hintergrund? Man soll ja bei Passfotos immer eine helle Kulisse haben, aber ein dunkles Gesicht auf hellem Hintergrund, da muss man dann immer an der Belichtung basteln, damit man nicht nur ein schwarzes Oval mit Augen sieht. Außerdem, will man es sich einfach machen und nicht etwa ein Bettlaken oder ähnliches aufhängen, dann ist das nicht ganz so einfach, weil malische Mauern nicht gerade ein einheitliches Bild abgeben. Dazu kommt, dass es um die Mittagszeit ist, die Sonne steht hoch, Schatten gibt es wenig und alle kneifen die Augen zusammen. Aber doch, wir finden einen schattigen Platz mit einigermaßen neutralem Hintergrund unter einem Blechdach. Je nach Pastor muss man die Position gut ausrichten, damit der Haken vom Fenster nicht mit ins Bild kommt. Das ist beim über 1,90 großen Jérémie kein Problem, weil der Haken in Brusthöhe ist, der weniger große Samuel allerdings muss sich fast auf die Zehenspitzen stellen, um ihn zu verdecken.

Nun aber zu den Fotos: Malier mögen es gar nicht auf Bildern zu lächeln. Der internationalen Passfotonorm entsprechend schauen sie immer ernst und würdevoll in die Kamera. Dabei ist ihr herzliches Lächeln so viel schöner und ein Pastorenausweis soll ja nicht biometrisch sein und Leute abschrecken, sondern zeigen, dass Christen fröhliche Menschen sein können. Also gebe ich mein Bestes, um die Herren Pastoren zum Lächeln zu bringen. Lange versuchen sie mir zu widerstehen, aber bald hat sich eine kleine Gruppe gebildet und jeder ruft irgendwas hinein, damit der Bann gebrochen wird. Bei unserm kamerunischen Pastor versuche ich es, indem ich ihm sage, er solle an seinen Präsidenten denken. Das war wirklich kein guter Gedanke. Paul B. ist mittlerweile 88 Jahre alt und seit 1982 im Amt. Auf mysteriöse Art und Weise wird er immer wieder gewählt. Das ist nicht unbedingt ein Grund zur Freude und so scheinen sich die Mundwinkel eher nach unten zu ziehen. „Ist denn der Pastorenberuf so traurig?“ frage ich und habe da schon mehr Erfolg. Scheinbar machen sie ihre Arbeit doch gerne. Mancher verkneift sich das Lächeln, solange es eben geht – dann aber bricht es raus. Die Augen strahlen, die Zähne kommen zum Vorschein und es ist eine Freude die fröhlichen, freundlichen Gesichter zu sehen. Schaut sie Euch an!

Es geht auch ohne Zoom

Kaum zu glauben: nach einem Tag war der Streik zu Ende und die Kirchenvertreter konnten mit normalen Überlandbussen anreisen. Wie schön! Nun treffen wir uns mit knapp 50 Frauen und Männern, um Berichte zu hören, Fragen zu stellen, Entscheidungen zu treffen. Und zwischendurch immer wieder kleinere oder größere Gespräche am Rande, hier und da auch mal eine informelle Zusammenkunft, um kritische Fragen zu besprechen. Und das kann man auch ohne Zoom relativ coronakonform machen: lüften brauchen wir nicht, denn die Sitzungen finden alle draußen statt und der mal sanfte mal heftige Wind sorgt für einen guten Abtransport der Atemluft. Aber nicht nur das, es tragen (mehr oder weniger) alle einen Mund-Nase-Schutz. Immer wieder geht jemand mit Desinfektionsmittel rum und desinfiziert die Hände. Begrüßt wird sich auch nicht mit Handschlag; man boxt sich leicht auf die Knöchel der Faust. Nur beim Teetrinken verlassen uns etwas die Hygieneregeln: die kleinen Gläschen reichen nicht für 50 Personen und werden immer wieder mit heißem Tee gefüllt und weitergereicht – ob das zur Desinfektion ausreicht?? Aber es stört auch niemanden, dass ich mein eigenes Glas mitbringe…

Am Morgen steht die Sonne noch so, dass unter dem Blechdach nicht ausreichend Schatten ist und so sitzen wir alle unter einem großen Mangobaum. Dem Übersetzer, der stehen muss, baumeln immer mal wieder ein paar unreife Mangos um den Kopf, denen er, ohne sie groß zu beachten, immer wieder ausweichen muss.

Als ich meinen Bericht über die Arbeit der Allianz-Mission gebe, erzähle ich ein unter anderem, mit welchen Problemen die Menschen in anderen Ländern durch die Pandemie zu kämpfen haben, wie z.B. in Manila Familien in den Slums mehr oder weniger eingesperrt werden in einer Art Massenquarantäne. Ein malischer Pastor ist sichtlich bewegt und wir danken Gott, dass Mali bisher noch – so macht es zumindest den Eindruck – relativ wenig vom Coronavirus betroffen ist und sich gerade die Kollateralschäden durch die begrenzten Einschränkungen in Grenzen halten.

Am späten Nachmittag wird dann noch – einigermaßen spontan, da wir erst gestern darüber informiert wurden – ein Pastor ordiniert: nach einigen Jahren, die er nach seiner Ausbildung gearbeitet hat, ist er jetzt „Vollpastor“ mit allem, was in Mali dazugehört. Zu dieser Zeremonie gehen wir alle in die einfache Blechdachkirche. Mich beeindruckt vor allem der vielleicht zehnjährige Schlagzeuger, der den Chor begleitet. Seine Füße erreichen kaum das Pedal der Bassdrum, aber er hat einen ungeheuren Drive und ein Rhythmusgefühl, das wirklich umwerfend ist. Ihn selbst scheint allerdings gar nicht zu beeindrucken, dass ich meine Kamera zücke, um ihn aufzunehmen. Ganz in seinen Rhythmus eingetaucht, scheint er mich gar nicht wahr zu nehmen.