Wir gehen – Ihr bleibt

Die drei Wochen sind mal wieder vorbei und in Kürze sitzen wir im Flieger, machen uns ab nach Deutschland, sind ein paar Wochen eingetaucht in malische Kultur, Sprache, Lebensweise. Ein November nicht im deutschen Schmuddelwetter, sondern in malischer Wärme. Das lassen wir jetzt wieder zurück: der Staub bleibt hier, die Hitze, die Malariamücken, der Muezzin der Nachbarmoschee. Wir lassen Coulibaly hier, den Brotverkäufer, der jedes Mal, wenn ich zu ihm komme, mit mir rumblödelt, dass ich doch nun endlich seinen Familiennamen annehmen soll; auch Gouro, den CD-Verkäufer, der schon vor 20 Jahren hier war, nur waren es damals Cassetten – jetzt sind es schwarzgebrannte CDs. Da kaum mehr Touristen da sind, frage ich mich öfter, wovon er eigentlich lebt – und ich glaube, das fragt er sich auch… Die bettelnden Koranschüler lassen wir zurück, die mit ihren Plastikeimerchen täglich von einem zum anderen ziehen und um umgerechnet 15 Cent betteln (die malischen „Hasse ma `n Euro“ – nur deutlich jünger). Auch Hadja und Amadou werden nicht mitkommen, unsere ehemaligen Nachbarn, die weiter in Sévaré wohnen, dort, wo wir nicht mehr hinkönnen und die sich jedes Mal riesig freuen, wenn wir von Bamako aus anrufen (oder manchmal auch von Deutschland). Wir sagen „Tschüss“ zu Diallo, dem Taxifahrer, der uns mit seinem uralten durchgerosteten VW-Golf zum Flughafen bringt und sich über die Polizeikontrollen ärgert, die durch das ständige Abbremsen und Anfahren seine Spritkosten erhöhen. Unsere Mitarbeiter, die Pastoren, unsere Freunde und Bekanntschaften völlig unterschiedlicher Couleur – sie alle bleiben hier in Mali, während wir mal wieder in den Flieger steigen und uns nach Deutschland begeben. Natürlich sind wir keine Malier, natürlich werden wir auch keine werden – aber irgendwie fühlt sich das unfair an: mal eben „Hallo“ zu sagen in einem Land, das zusehends unsicherer wird, das wirtschaftlich, politisch und mittlerweile auch sozial so viel Schwierigkeiten hat, wo aber kaum jemand einfach die Koffer packen und sagen kann: „Mir reicht’s, ich geh!“ – Außer man heißt z.B. Haidara und spielt so gut Fußball, dass RB-Leipzig einen einkauft. Kein Wunder, dass so viele hier Fußballer werden wollen… Sie alle bleiben hier, weil sie hier zu Hause sind, aber wohl auch, weil sie eh nicht anders können. Wir gehen. Manchmal frage ich mich, was aus mir wohl geworden wäre, wenn man mir von klein auf beigebracht hätte, dass es Gott gefällt, wenn man schon mit 8 oder 9 Jahren die Familie verlässt, um den Koran auswendig zu lernen und mit einem Eimerchen in scheinbar selbstgewählter Armut durch die Gegend zu ziehen. Wie hätte ich mich dann wohl entwickelt? Und wie würde ich dann solche Leute wie mich jetzt sehen, die ihre Koffer packen, mir die Hand schütteln und sagen: „Bis nächstes Jahr, so Gott will“. Ob ich dann jemals verstanden hätte, dass Gottes Gnade ausreicht, um sein Kind zu sein, dass er weder mein Auswendiglernen noch mein Betteleimerchen braucht, um mich zu lieben?

All diese Leute lassen wir zurück, froh wieder in die Heimat zu kommen, traurig, weil sie uns nicht egal sind, weil wir sie liebgewonnen haben und weiter lieben lernen.

 

Verschleppt

Daniel war zurück auf dem Weg von einer Fortbildung nach Hause. Eigentlich erstaunlich, dass er mit seinen 74 Jahren noch an so etwas teilnimmt. In einem Sammeltaxi fuhr er zurück von Sévaré nach Bandiagara, als der Wagen von bewaffneten Männern aufgehalten wurde. Zuerst versuchte der Chauffeur noch zu entkommen, aber sie eröffneten sofort das Feuer: mehrere Menschen starben, andere wurden verletzt. Die unverletzten wurden als Geiseln mitgenommen, die anderen einfach dort gelassen. Einer der Fahrgäste war angeschossen worden, aber die Entführer merkten dies nicht sogleich, sondern nahmen ihn mit. Erst unterwegs stellen sie fest, dass er verwundet war und ließen ihn einfach zurück. Er starb an seinen Verletzungen. Daniel wurde mit 6 anderen Männern verschleppt: ein alter Mann in Gefangenschaft bei islamistisch motivierten Terroristen – der Vater von einem unserer Mitarbeiter hier in Bamako. Die Familie wusste, dass er in Sévaré war und als sie von dem Überfall hörten, befürchteten sie schon, dass ihr Vater dabei war. Lebte er noch? War er verletzt? War er verschleppt worden? Bald wurde klar, dass er zu den Entführten gehörte; der Chauffeur des Sammeltaxis wurde nach kurzer Zeit freigelassen und erstattete Bericht. Und dann meldeten sich die Entführer bei Daniels Familie per Handy. Angeblich wollten sie kein Geld, vielmehr sollten die Geiseln sich zu ihrer Vorstellung vom Islam bekehren, denn die meisten von ihnen waren Muslime – aber eben nicht so, wie sich die Entführer das vorstellten. Daniel ist Christ. Sie forderten ihn auf, die islamischen Gebete zu sprechen, aber er weigerte sich. Am Telefon versuchte die Familie zu verhandeln. Sie schalteten einen Mittelsmann ein und auch eine dort arbeitende Hilfsorganisation startete Vermittlungsversuche. Dann irgendwann kam es zu einem weiteren Telefonkontakt, bei dem die Geiselnehmer Dinge wissen wollten, die das kontaktierte Familienmitglied nicht preisgeben wollte. Das ist jetzt Monate her und seitdem ist Funkstille. Keiner weiß mehr, wie es Daniel und den anderen geht. Manche der anderen Familien haben die Hoffnung aufgegeben, glauben nicht mehr daran, dass ihr Verwandter noch lebt. Daniels Familie betet weiter. Und sie hofft doch noch eine Nachricht zu bekommen, zu hören, dass ihr Vater lebt, dass es ihm gesundheitlich trotz seines Alters gutgeht und dass die Entführer ihn doch noch freilassen. Seit seiner Entführung beten wir und viele andere Menschen in Deutschland mit ihnen. Manche schrieben ein paar kurze Zeilen der Anteilnahme an die Familie und das ermutigte sie sehr – zu sehen, dass sie nicht allein sind, dass auch Menschen, die viele 1.000 Kilometer weg von ihnen leben, das Schicksal ihres Vaters nicht egal ist und sie mit ihnen gemeinsam damit vor Gott kommen.

Und ich möchte Euch einladen, am kommenden Sonntag einen besonderen Tag des Betens und des Fastens für Daniel zu begehen. Wir bitten Gott um ein Lebenszeichen von Daniel, für ein Ende der Ungewissheit, für seine Befreiung, an die ohne ein Wunder keiner mehr so recht glauben möchte.

Und wer das möchte, der schreibe gerne auch ein paar Zeilen hier als Kommentar der Ermutigung an Daniels Familie – sie werden das lesen und vielleicht dadurch gestärkt werden.

Beerscheba

… so nennt sich ein Projekt, das im Senegal seit einigen Jahren eine interessante Arbeit macht: Auf einem großen Grundstück werden junge Leute angeleitet, wie effektive Land- und Viehwirtschaft nach biblischen Prinzipien durchgeführt werden kann. Der Grund und Boden wurde damals von der Bevölkerung einem engagierten Franzosen zur Verfügung gestellt, weil man dieses Stück Land für verflucht hielt. Aber Stück für Stück entwickelte sich daraus eine Oase, in der zunächst junge senegalesische Christen ohne berufliche Perspektive lernten, wie sie mit eigenen Händen für ihren Lebensunterhalt sorgen konnten. Gleichzeitig wurde ihnen vermittelt, wie biblisch orientiertes Leben aussieht. Schnell wurde das Projekt über die Landesgrenzen hin bekannt und auch viele Malier schickten ihre Kinder dorthin. Und was sie dann an ihren eigenen Kindern an Entwicklungen beobachten konnten, machte ihnen Mut, etwas Ähnliches auch für Mali anzustreben. So taten sich einige führende Leute aus unterschiedlichen Kirchen Malis zusammen und gründeten den Verein „Beerscheba Mali“. Sie begannen sich nach Grundstücken umzusehen, die groß genug sind aber auch nicht zu weit weg von der Hauptstadt. Gestern saßen wir mit ihnen zusammen und sie berichten von ihren Plänen und den aktuellen Entwicklungen: In der letzten Woche haben sie etwa 200 km von der Hauptstadt entfernt von der Bevölkerung ein ca. 200 ha großes Grundstück zur Verfügung gestellt bekommen und die entsprechenden Papiere unterzeichnet. Ein nur 50 km entferntes aber nur 10 ha großes Areal würden sie gerne für ca. 11.500 Euro erwerben, damit Schulungen und Besuche von Bamako aus durchführbar wären. Mich begeistert der Grundgedanke des Projektes: Landwirtschaft und Jüngerschaft miteinander kombinieren und Jugendlichen, die nach ihrer Ausbildung oft (im wahrsten Sinne des Wortes) auf der Straße sitzen (und Tee trinken), eine Perspektive geben. Leider sind alle Mitglieder des Vereins mit schon mit so viel anderen Dingen beschäftigt – wie das bei visionären Persönlichkeiten ja nicht selten der Fall ist – dass sie nicht so viel Zeit in dieses Projekt investieren können, wie das wünschenswert wäre. Und natürlich braucht so ein Unternehmen auch eine Menge finanzkräftige Partner. Allein schon ein 200 ha großes Grundstück einzuzäunen verschlingt große Summen. Aber warum nicht mutig da einsteigen, dafür arbeiten und gleichzeitig beten, dass Gott die entsprechenden Leute beruft, die dort anleiten, mitarbeiten und bereit sind, sich an der Finanzierung zu beteiligen. Ich jedenfalls bin gestern mit meinem Jahresbeitrag von 90 Euro das siebte Vereinsmitglied geworden!

 

 

Freude und Frust

zusammen mit dem Schulkomitee

Heute trafen wir zusammen mit dem neuen Team, das verantwortlich ist für die Schulen in Mali. Alle Mitglieder sind Lehrer an verantwortlicher Stelle und wissen um die Notwendigkeit einer guten Schulausbildung aber genauso auch um die Probleme der Schulen in Mali. Zusammen mit unserem Projektkoordinator, Etienne, haben wir heute Morgen alles durchgesprochen, was die Schulen in Mali betrifft – sowohl Erfreuliches als auch Problematisches. Mit den 79 Schülern in Bamako Niamana läuft das 3. Schuljahr sehr gut an. Das Schulgeld wurde erhöht, damit die Lehrer davon bezahlt werden können und kaum ein Schüler hat daraufhin eine andere Schule gesucht, die billiger ist – das zeugt von der Qualität, die die Eltern wahrnehmen. Und damit ist die Schule auch finanziell auf einem guten Weg – denn letztendlich sollen ja alle Kosten vom Schulgeld gedeckt werden können, damit der Weiterbestand unabhängig von irgendwelchen Spenden gewährleistet ist.

Weniger mutmachend ist die Entwicklung der zweiten Schule in San. Trotz aller Bemühungen hat sich dort nur ein Kind angemeldet. In diesem Jahr wurde Werbung gemacht über das Radio, einflussreiche Leute in der Umgebung angesprochen und über die Schule unterrichtet. Jeden Tag saß „unser“ Pastor in der Schule und wartete auf Anmeldungen, oder ging in die umliegenden Dörfer, um zu informieren und einzuladen. Und trotz allem nur ein Schüler… Alle sind ein Stück frustriert. Warum kein größerer Zulauf? Es ist nicht einfach, die Gründe zu verstehen, denn vieles passiert ja unter der Oberfläche. Leute tauschen sich untereinander aus und da ja noch niemand dort auf Er

Rohbau

fahrungen zurückgreifen kann, macht sich halt jeder sein Bild. Außerdem ist das Viertel recht weit außerhalb und die angefangenen Häuser sind noch nicht fertiggestellt worden, sondern immer noch im Rohbau. Da hatten wir mit einer schnelleren Entwicklung gerechnet.

Schweren Herzens haben wir uns nun entschlossen, die Schule für dieses Jahr wieder zu schließen und nächstes Schuljahr mit veränderten Strategien einen Neustart zu versuchen. Wenn einmal Schüler da sind und die Eltern sehen können, dass die Qualität des Unterrichts gut ist, dann geht alles viel einfacher, aber der Anfang braucht viel Fingerspitzengefühl und Geduld.

 

P.S.: Eigentlich wollte ich ja heute mit dem Fahrradclub, dessen Bekanntschaft wir kürzlich gemacht haben, eine Tour machen. Aber als ich mich heute erkundigte, sagte ihr Chef, dass aufgrund eines Todesfalles heute keine Radtour stattfinden würde – schade!

Von der Bürgerwehr zur Terrormiliz

Zunächst hatten sie sich zusammengetan, um sich gegen den islamistischen Terror zur Wehr zu setzen: die Donson, die Jägerkaste der Volksgruppe der Dogon. Sie sollten die Dogon gegen die Peulh schützen – gerade in Gebieten, wo der Staat nicht mehr präsent war und die Islamisten machen konnten, was sie wollten. Anfangs mit traditionellen Gewehren bewaffnet, aber dann mehr und mehr auch mit moderner Ausrüstung – nur gerüchteweise kann man Erklärungen finden, wie sie darangekommen sind. Auch viele animistisch, okkulte Praktiken sorgten dafür, dass sie zu einem gefährlichen Gegenüber der Peulh-Terroristen wurden. Aber je mehr sich der Staat zurückzog und je länger diese Bürgerwehr bestand, desto umfangreicher wurden ihre Befugnisse: Stück für Stück waren sie nicht mehr Schutz der Bürger, sondern vielmehr selbsternannte Polizei, Ordnungsamt, Geldeintreiber, Richter, Staatsanwalt. Es gibt kein Kontrollorgan mehr, die Donson machen letztlich genau das, was auch die Islamisten tun, nur dass hier keine religiösen Motive im Spiel sind: sie gängeln die Bevölkerung mit Gewalt. Längst sind es nicht mehr nur die Dogon, die in dieser Vereinigung sind, sondern alle jungen Leute werden gezwungen sich ihnen anzuschließen – egal welcher Ethnie sie angehören. Schwierig wurde das für unsere Kirchen: jeder der Jugendlichen sollte ihre Tracht anziehen, ein Gewehr tragen und auch an ihren animistischen Riten teilnehmen. Wer sich dagegen auflehnte, musste damit rechnen umgebracht zu werden. Ein Pastor (einer anderen Denomination) suchte im Dialog eine Änderung zu erwirken, aber der Konflikt eskalierte, der Pastor wurde festgesetzt und ein hohes Lösegeld erpresst. Hätte die Kirche das nicht bezahlt, wäre er umgebracht worden. So geht es einigen, die aufgrund von Gerüchten und kleineren Vergehen festgehalten werden: sie haben drei, maximal fünf Tage Zeit, um einen festgesetzten Betrag zu bezahlen, ansonsten werden sie kurzerhand umgebracht. An anderen Stellen war es besser möglich miteinander ins Gespräch zu kommen. So haben die Donson sich bereiterklärt, dass die Christen nun nicht mehr Gewehre tragen müssen, sondern stattdessen Ihre Bibeln mitbringen zu den Treffen und für Kämpfer beten sollen.

Die Donson, früher waren sie für viele Touristen eine Attraktion mit ihren Riten, den selbstgebastelten Büchsen und ihren traditionellen Hüten und Gewändern – heute sind sie in Abwesenheit staatlicher Autorität zu einer gewalttätigen Miliz geworden.

Alter Mann was nun?

Vielleicht hab‘ ich das schon mal erzählt: ich war Anfang 30, etwa ein Jahr in Mali und unterhielt mich in einem Dorf angeregt mit einem alten Mann. Irgendwann erkundigte er sich nach meinem Vater und wie alt der denn sein. Als er hörte, dass er damals Ende 50 war, fragte er mich ganz verwundert nach meinem Alter. „32“, war meine ehrliche Antwort, worauf er sagte: „Du bist ein Kind“, sich wegdrehte und unser Gespräch damit beendete. Ich war einfach für ihn kein ebenbürtiger Gesprächspartner mehr.

Jetzt ist das anders: ich bin (selbst für malische Augen) offensichtlich deutlich in der 2. Lebenshälfte, habe – da wo sie noch sind – graue Haare und einen grauen Bart. Ich habe erwachsene Kinder und 5 Enkel. In Mali bin ich damit ein altehrwürdiger Mann. Und was mache ich? Ich fahre Fahrrad, ich jogge durch die Gegend. Das tun alte Männer nicht. Und dass Weiße zu Fuß unterwegs sind, geht gar nicht. Jeder Taxifahrer, der mich sieht, hupt oder ruft, weil er davon ausgeht, dass ich nicht freiwillig meine Füße benutze. Also, ich mache lauter Dinge, die man nicht tut. Das einzige Klischee, das ich bediene, ist, dass die Weißen immer komische Sachen machen. Aber beim Joggen grüßen mich die meisten Leute mit einem sanften Lächeln auf dem Gesicht. Einer bot mir, als ich an ihm vorbeilief noch seine Apfelsine an, wohl in der Hoffnung, dass ich damit vielleicht dann doch noch durchhalte.

Aber gestern dann, da habe ich begriffen, wie es wirklich um mich steht: Ich kam zurück von einem Besuch und stieg in unser Auto, an dem ein junger Mann lehnte. Ob ich denn keinen Chauffeur hätte? Nein, ich würde selbst fahren. Das sollte ich aber wirklich nicht mehr tun in meinem Alter, meinte er mitleidig. Ich hätte graue Haare und einen Bart – das wäre jetzt aber wirklich zu gefährlich.

Ein interessantes neues Lebensgefühl…

Vertrieben im eigenen Land

Er begegnet uns an allen Ecken und Enden: der Konflikt zwischen den Ethnien der Peulh und der Dogon. Menschen verlassen ihr Zuhause, andere bleiben und leben mit der ständigen Unsicherheit, was als nächstes passiert. Vor ein paar Tagen wieder einmal dieses Szenario: Die Dschihadisten befehlen einem ganzen Dorf dieses zu verlassen. Und sie stellen ein Ultimatum: wer bis dahin nicht weg ist, wird getötet. Was dahinter steht, weiß keiner so genau? Warum dieses Dorf und nicht ein anderes? Geht es nur darum Macht zu demonstrieren?

Was sollen die Leute anderes tun? Sie machen sich auf den Weg. Sie packen ihre sieben Sachen zusammen und ziehen in die nächste Stadt. Sie lassen ihr Dorf, ihre Heimat, ihre Felder allein. Mit Stöcken und Hacken kommt man nicht an gegen Kalaschnikows. Auch nicht mit Jagdgewehren. Also heißt es: irgendwohin abhauen. Irgendeinen Verwandten finden, bei dem man unterkommen kann. Mal sind es die Peulh, die vor den Dogon flüchten, mal ist es umgekehrt, mal flüchten beide gemeinsam vor einem unbekannten Feind. Keiner weiß mehr, wer hier was ist. Freund oder Feind? Opfer oder Täter? Und dann kommt der Hunger. Was soll man essen, wenn man sein Feld nicht mehr bebauten kann? Was hilft eine gute Regenzeit, wenn man auf der Flucht ist? Und dann sind da die Verwandten, bei denen man untergekommen ist. Schön, wenn man helfen kann, aber wenn man selbst kaum etwas hat, wird es sehr eng, wenn plötzlich 10 Leute im Hof stehen und Unterkunft und Essen brauchen.

Heute Morgen erzählte mir N., dass seine alte Mutter krank ist und dringend medizinisch versorgt werden muss. Sie wohnt in seinem Heimatdorf im Dogonland. Für einen Sohn in Mali ist es ein absolutes Muss ins Dorf zu fahren und der Mutter zu helfen – mit Geld, mit Nähe, mit mutmachenden Worten. N. fährt nicht ins Dorf, seine eigene Familie dort hat ihm gesagt, dass er das auf keinen Fall tun soll. Er sei bekannt bei den Dschihadisten. Wenn er in ein Sammeltaxi steigt, würde es nicht lange dauern und irgendwer würde dort anrufen und ihn ankündigen. Dann sind die Überlebenschancen nur noch klein… Sein eigenes Zuhause wird zum Selbstmordkommando.

Heute bin ich bei Amagana, dem Leiter von SIL-Mali (einer eng mit den Wycliff-Bibelübersetzern verbundene Organisation). Eigentlich gehören humanitäre Projekte überhaupt nicht in zu ihrem Aufgabenfeld, aber die Not der Menschen hier im Land haben sie bewogen uns zu kontaktieren, damit die Menschen auf der Flucht dieses Jahr ein bisschen zu Essen haben. Gemeinsam haben wir einen Partner gefunden, der Geld für Getreidekauf gegeben hat. Die Allianz-Mission hat mit dem, was möglich war, das Kapital etwas aufgestockt. Jetzt werden Hirse und Reis gekauft und über die Kirchen im Land verteilt. Im Vergleich zu dem, was da wirklich benötigt würde, ist das wenig, aber es ist zumindest ein Zeichen: wir haben Euch nicht vergessen. Und auch wenn wir nicht nachvollziehen können, was Ihr im Moment durchmachen müsst, wir bleiben an Eurer Seite.

Fortschritt, Umwelt und die Bodenschätze

Sauberes Trinkwasser – na klar wird das gebraucht. Das ist eines der Millenniumsziele und niemand hat Zweifel daran, wie wichtig Trinkwasser für die Entwicklung eines Landes ist. Und diesbezüglich hat Mali sich deutlich gewandelt. Während im Dorf oft aus Gemeinschaftsbrunnen und in der Stadt das nicht immer keimsichere Wasser aus dem Hahn getrunken wurde, hat sich das Bewusstsein der Leute stark verändert und immer mehr Menschen kaufen sich Trinkwasser aus Flaschen, (hoffentlich) sauber aufbereitet und keimarm. Selbst Besuchern wird jetzt oft eine Wasserflasche angeboten, statt ihnen das „normale“ Wasser zu trinken zu geben. Und vermutlich werden dadurch einige Erkrankungen nicht nur bei den empfindlichen Europäermägen vermieden. Das ist die eine Seite, aber plötzlich hat das Land, das eh schon an Plastiktüten erstickt, auch noch tonnenweise Plastikflaschen, die dann irgendwo außerhalb der Stadt auf freiem Feld verbrannt werden oder einfach in der „Kanalisation“ landen. Und so ist das, was zunächst so fortschrittlich aussah, andererseits ein großes Problem. Soll man diese Entwicklung jetzt begrüßen oder eher ablehnen? Ist sie gut für die Malier oder langfristig eher kontraproduktiv? Entwicklung ist ein so komplexer Prozess, dass es gerade dann, wenn sie nur punktuell geschieht, schwer abzuschätzen ist, ob es sich um einen Fort- oder einen Rückschritt handelt.

Und dann sind da noch die Bodenschätze, von denen Mali vermutlich mehr hat, als man das lange dachte: Gold, Uran und vermutlich auch Erdöl – mit Sicherheit Dinge, an denen viele andere, reichere Staaten Interesse haben und wegen derer sie sehr bemüht sind – auf welche Art auch immer – ihren Einfluss auszubauen. Heute aber konnte ich mit eigenen Augen sehen, wie reich Mali an „Erdöl“ ist: Eine Lehmstraße in Bamako auf dem Weg zum Niger wurde kurzerhand mit Altöl begossen, damit es nicht so staubt in dieser reichen Gegend. Altöl hat den „Vorteil“, dass es nicht verdunstet wie Wasser, das man ja auch auf die Lehmstraßen sprühen könnte. So klebt der Staub lange fest, bis das Öl in den Boden gesickert ist. Direkt neben der Straße läuft ein offener Kanal in Richtung Niger und eine klebrig schwarze Brühe schiebt sich in den wenige 100 Meter entfernten Fluss an dem die jungen Leute fröhlich mit ihren Angeln sitzen und die Fische aus dem „Wasser“ ziehen…

Manchmal ist es zum Verzweifeln und die Dimensionen unserer Umweltprobleme im Vergleich zu der Situation hier scheinen so unbedeutend zu sein.

Weg sind sie…

Und schon ist die Woche mit den 3 Herren von Radfahren für Mali (RfM) vorbei. Gestern waren wir in N’Gouraba – die Aussprache des Ortsnamens ist für deutsche Zungen genauso holprig wie der Weg dorthin: 4 Stunden meist über Huckelpisten mit Gerlind und Manuel auf den Hinterbänken, wo Knie nicht vorgesehen sind. Und dann sind wir mitten im Busch – eine ganz andere Welt als Bamako oder Ségou. Hier in dieser Gegend hat einerseits die malische Kirche und andererseits die Hilfsorganisation eine Arbeit begonnen und dieser Besuch dient besonders dem gegenseitigen Kennenlernen. Daniel erzählt uns, dass die Bevölkerung grundsätzlich erst einmal recht skeptisch war, weil sie nicht

so recht wusste, auf wen sie sich da einließen und ob da nicht doch andere Motive hinter steckten als die Bereitschaft die Menschen in dieser Gegend zu unterstützen. Somit sind solche Besuche sehr wichtig. Erst empfängt uns der Bürgermeister im Hof seiner „Amtsstube“, dann lädt er uns zum Essen

Das obligatorische Gruppenbild (wer ist wohl der Bürgermeister?!?)

bei sich zuhause ein. Die Sitzung ist anschließend ganz typisch, wie es in einem malischen Dorf sein muss: Einer nach dem anderen, der Bürgermeister, der Repräsentant des Dorfchefs, der Leiter des Gesundheitstationsvereins, der Sekretär und noch der ein oder andere, den ich mir nicht gemerkt habe, richtet ein paar freundliche Worte an uns, das meiste wiederholt sich ständig und so scharren die eher zielorientierten Mitglieder unserer RfM-Delegation vor Ungeduld mit den Hufen, während die eher beziehungsorientierten ihre Freude haben (nein, ich sage nicht, wen ich jeweils meine…). Außerdem wird dann ein gan

Markus versucht sich auf einem “einheimischen” Fahrrad

zer Eimer von guten Vorschlägen über uns ausgeschüttet, was man so alles besorgen und geben könnte, damit die nicht enden wollenden Probleme und Bedürfnisse des Dorfes eine Antwort finden. Es kommen nicht alle Tage 6 Weiße auf einmal in diese Gegend, da muss man den Stier bei den Hörnern fassen… Leider haben wir durch die lange Fahrt längs nicht genug Zeit, um uns alles anzuschauen und alle zu begrüßen, denn wer weiß, wie lange die Rückfahrt dauert und um 18:30 ist es dunkel. Am Abend sind wir alle todmüde und verabschieden uns früh in die Kiste…

3 Herren vom Fahrradclub “Bamako Niarela”
Gruppenbild mit Fahrrad und “Président”

Und eine kleine Zwischenepisode von gestern brachte heute noch ein unerwartetes Highlight: Als wir morgens die Nigerbrücke überqueren, schreit Markus plötzlich auf: „Halt, sofort anhalten, der hat ein Cervelo“. Er hatte doch tatsächlich im Vorbeifahren einen Malier auf einem qualitativ hochwertigen Fahrrad beim Training gesehen. Ob ich wollte oder nicht: Auf einer viel befahrenen Straße musste ich anhalten, Markus sprang aus dem Auto, lief auf den Fahrradfahrer zu und brachte ihn – offensichtlich durch seine Begeisterung – zum Stehen. Der junge Mann war etwas verwirrt, ließ sich aber von Markus alles erklären, wobei mir nicht klar ist, was er wirklich verstanden hat, denn eine gemeinsame Sprache (außer Fahrradfahren) hatten die beiden nicht… Als er dann bei uns am Auto war, erklärte er uns, dass es im Stadtviertel, in dem wir wohnen, tatsächlich einen Radsportverein gibt und da war natürlich klar, dass wir den heute noch suchen mussten. Nach einigen Recherchen unserer malischen Mitarbeiter konnten wir uns dann tatsächlich vor Ort überzeugen, dass jeden Samstag ca. 60 Leute miteinander Fahrradfahren. In einem abschließbaren Raum standen mindestens 30 zum Teil recht ordentliche Fahrräder. Fahrer zwischen 20 und über 60 machen hier Sport miteinander, weil sie Freude daran haben und das nur 10 Minuten zu Fuß von hier entfernt. Der Vereinsvorsitzende stattete uns kurz darauf noch einen Besuch ab und so knüpften wir die ersten Kontakte. Bisher waren unsere sportmissionarischen Aktivitäten ja vor allem auf Fußball und Volleyball konzentriert – warum nicht über RfM jetzt auch einen Radsportzweig beginnen? Auf jeden Fall werde ich nächste Woche Samstag versuchen an der wöchentlichen Tour teilzunehmen – ein Fahrrad haben die 3 ja hier gelassen…

sind sie nicht hübsch?!?