Übergangs-Weise

Nasskaltes Herbstwetter, ein paar Schneeflocken, die den Weg bis zum Boden schaffen, sich dann in Matsch verwandeln. Gerade das Richtig, um in Deutschland wieder „warm“ zu werden. Wie so oft auch diesmal wieder einen Weg finden, den Wechsel zwischen den Welten, zwischen den Kulturen zu gestalten. Die Koffer auspacken: ein paar Erdnüsse und diverse Schnitzarbeiten aber vor allem der überall anzutreffende rote Staub sind Gegenwart und Erinnerung gleichzeitig. Wir sitzen am Frühstückstisch, Gerlind erzählt mir von Praxis und Kirchengemeinde und ich höre interessiert zu. Plötzlich, fast von einer Minute auf die andere, merke ich, wie mein Kopf zugeht, mein Gehirn nicht mehr aufnahmefähig ist. Ein Spaziergang im Park hilft, Laub unter den Füßen, die kahlen Bäume während in Mali die Mangoblüte beginnt. Dann ein paar Mails schreiben, per WhatsApp den Freunden in Mali mitteilen, dass ich gut wieder in Deutschland angekommen bin. Aber bin ich das? Oft habe ich schon gedacht, dass ich mittlerweile darin geübt bin, meine Weise gefunden habe, den Übergang zu gestalten. Und doch ist es jedes Mal anders.

Mittags ziehe ich mich zurück, höre Musik: „Diario Mali“, eine interessante Kombination von Klavier und Kora – Mischung aus 2 Welten – Spiegel meines Innenlebens.

Wieder einmal nehme ich mir vor von Deutschland aus öfter in Mali anzurufen, bei dem ein oder anderen einfach mal „Hallo“ zu sagen und doch weiß ich, dass, wenn ich erst mal wieder hier zu arbeiten angefangen habe, mein Hirn wieder anders tickt und mir das Umschalten schwerer fällt, als ich es mir jetzt vorstelle.

Und während ich innerlich mal hier und mal dort bin, staune ich umso mehr, wie der Gott, an den wir glauben, Jesus Christus, Maliern, Deutschen, Argentiniern, Koreanern, Tadschiken… gleichzeitig Bruder ist.

Wicking-bed – Fortsetzung

Ein vollgefüllter Tag heute: zunächst sprachen wir mit dem Personal unseres Zentrums über Sicherheitsfragen. Wer darf wann in den Hof, was muss man kontrollieren, wer hat welchen Schlüssel und welche Informationen dürfen nicht nach draußen gehen? Alles Dinge, über die wir uns früher kaum Gedanken gemacht haben, die nun aber wichtig sind – und es ist nicht leicht, die alten Gewohnheiten zu ändern. Auch passt vieles, was jetzt an Sicherheitsmaßnahmen nötig ist, so gar nicht in die hiesige Kultur.

Dann natürlich noch einen Besuch in der Schule, in der mittlerweile fast 200 Kinder unterrichtet werden und die in diesem Jahr mit der weiterführenden Schule (ab Klasse 7) begonnen hat. Schön zu sehen, dass sich die Klassen langsam füllen und doch noch eine Größe haben, die einen guten Unterricht erlauben. Und die Vorschulkindern beim Spielen auf unserem Mini-Spielplatz zu erleben, ist auch mal wieder eine Freude.

Auf dem Rückweg fahren wir dann noch am Projekt Wicking-bed vorbei, das wir im vergangenen März begonnen hatten. Leider sind die Aktivitäten auf halber Strecke liegen geblieben und so war das Beet, das mit einer besonderen Technik deutlich weniger Wasser und Nährstoffe für den Salat- und Gemüseanbau benötigt, noch weit davon entfernt einen Nutzen zu bringen. Zusammen mit Solo und Manuel haben wir alles noch mal unter die Lupe genommen, im Dreck gebuddelt, die Fehler korrigiert und versucht einen Schlachtplan zu entwickeln, wie dieses Pilotprojekt erfolgreich abgeschlossen werden kann. Ich bin gespannt, ob ich bei meinem nächsten Besuch die ersten Tomaten probieren kann! Warum manche Initiative dann irgendwo stecken bleibt, ist uns oft nicht so wirklich nachvollziehbar. Waren die Dinge nicht gut genug erklärt? Fehlte das Geld und keiner traute sich zu fragen? War das Interesse an dem Modellversuch doch nicht so groß und man fragte sich, ob sich die Arbeit wirklich lohnt? Was auch immer der Grund für die Projektpause war, ich denke, wir haben einen guten Neuanfang gemacht und alle sind wieder motiviert.

 

 

Wer hat den Strom geklaut?

Wir kennen das sonst aus der heißen Jahreszeit: alle brauchen Strom. Die Ventilatoren laufen durchgehend und vor allem die Klimaanlagen saugen das Stromnetz leer. Und auf der anderen Seite laufen die Dieselgeneratoren heiß, können nicht auf volle Leistung gehen. Auch das Wasserkraftwerk produziert wenig Strom, weil der Niger in der Trockenzeit nur wenig Wasser führt.

Aber jetzt sind wir in der „kühlen“ Jahreszeit: der Bedarf ist geringer, die Generatoren können besser arbeiten und der Niger hat ausreichend Wasser. Und doch, in Bamako, der 4-5-Millionen-Hauptstadt Malis, sind die Stromausfälle mittlerweile die Regel. Oft über 8-10 Stunden wird der öffentliche Strom abgestellt. Mal gibt es in einem Viertel Strom, dann wieder in einem anderen. Eine Regelmäßigkeit lässt sich nicht ableiten – es bleibt jeden Tag eine Überraschung. Wir behelfen uns abends mit Taschenlampen, die Hofbeleuchtung ist eh schon länger über Solarleuchten gesichert. Immer wieder müssen aber unsere Mitarbeiter mehr oder weniger untätig im Büro sitzen, wenn die Akkus ihrer Laptops entladen sind. Hier und da schmeißen wir dann den alten Generator an: ein Museumsstück, das wir damals, als wir unsere jetzige Zentrale, die ehemalige Botschaft der DDR, kauften, mit übernommen haben und das nach unzähligen Reparaturen zwar immer noch arbeitet, aber ein ökologischer Supergau ist und Diesel trinkt wie ein Kamel nach eine Wüstenwanderung.

Aber das ist klagen auf hohem Niveau. Für zahlreiche Leute sind diese Stromausfälle existenzgefährdend: wenn die Kühlschränke ausfallen, vergammelt das gesamte Fleisch, das zum Weiterverkauf gelagert wurde, die Schneider können ihre Maschinen nicht mehr betreiben, die Schweißer erst recht nicht und in den Büros ist immer Kaffeepause (falls die Kaffeemaschinen einen Akku haben). Die Regierung erklärt öffentlich, dass die Kraftwerksbetreiber Unmengen an Diesel abzweigen und für die eigene Tasche verhökern. Auch seien nicht die bestellten, sondern billige, störanfällige Dieselgeneratoren angekauft worden. Die Kraftwerksbesitzer wehren sich und weisen alle Schuld von sich – erinnert mich irgendwie an Deutschland… Wo auch immer der Hase im Pfeffer liegt: die Situation ist mehr oder weniger katastrophal und schnelle Abhilfe dringend nötig. Jedoch die Gelassenheit, mit der die Bevölkerung darauf reagiert, ist für mich erstaunlich: immer wieder höre ich, dass es eben Situationen gibt, wo man durch muss. Die Hoffnung, dass die aktuelle Übergangsregierung die Dinge in den Griff bekommt und es daher normal ist, dass es bis dahin auch mal Einschnitte geben muss, ist groß. Respekt! Dass man über die eigene aktuelle Situation hinaussieht und im Blick auf langfristige Verbesserung auch vorübergehende Schwierigkeiten in Kauf nimmt, das ist etwas, was wir in Deutschland durchaus von den Maliern lernen können.

Für unsere Zentrale sind die Zukunftsaussichten deutlich besser: In hoffentlich ein paar Wochen kommt eine Solaranlage hier an, die uns weitestgehend autonom werden lässt und unseren Dieselgenerator überflüssig macht.

 

Wenn der Chef kommt…

Eine intensive Woche liegt hinter uns. Nach 6 Jahren war Thomas Schech als Leiter der Allianz-Mission wieder in Mali und es reihte sich natürlich ein Besuch an den anderen: Gespräche mit den Leitern der Partnerkirche, der evangelischen Allianz und der theologischen Ausbildungsstätte in Bamako; mit Manuel, unserem Agromissionar plus Kurztrip zu seinem Arbeitsplatz im Dorf, Treffen mit   Verantwortungsträgern anderer Organisationen und dann zwei Tage einer Auszeit der NGO-Mitarbeiter, also der Leute, die die sozial-diakonische Arbeit der AM in Mali verantworten und durchführen. Gerade diese beiden Tage waren sehr wertvoll für uns: einmal nicht vor allem Sachfragen der Zusammenarbeit beackern, sondern miteinander in der Bibel lesen, zum Gebet zusammen zu kommen und über Themen zu referieren und zu diskutieren, die sonst nicht so auf der Agenda zu finden sind: Thomas hat einen Workshop über Teamarbeit gehalten und ich über eines meiner Lieblingsthemen: Fasten in Gesundheit und Kirche.

Manche der Mitarbeiter haben wir seit Jahren nicht mehr gesehen, weil wir schon so lange aus Sicherheitsgründen nicht mehr in ihr Arbeitsgebiet reisen können, und da war das Wiedersehen eine große Freude – schließlich haben wir mit dem ein oder anderen über viele Jahre an derselben Arbeit gestanden und die Sehnsucht, irgendwann wieder in den Nordosten des Landes reisen zu können, wuchs um so mehr.

Wie schön aber, dass wir dann hin und wieder auch mal was ganz anderes machen konnten: Freitag ein Besuch im Stadion, um Mali bei seinem Sieg gegen den Tschad im Fußball zuzusehen, Samstag eine Dienstbesprechung mit Thomas joggenderweise im schönen Parkgelände in Bamako und dann sogar noch eine abendliche Fahrt über den Niger – schließlich soll der Chef ja auch einen Eindruck von den Emotionen und Naturschönheiten (… nicht was Ihr denkt 😉) Malis bekommen.

Heute Abend geht es für ihn wieder zurück nach Deutschland. Gerlind musste schon am Freitag zurückreisen, weil die Arbeit in der Praxis in Leipzig das nötig machte und ich habe noch ein paar Tage in der malischen Sonne, bevor ich dem deutschen Winter wieder begegnen muss.

 

 

Happy birthday Mali!

Vorgestern waren wir bei Solo – einem „alten“ Freund aus den Zeiten, als wir noch dauerhaft in Mali lebten und über diese plauderten wir, erinnerten uns mal wieder an die eine oder andere Begebenheit. Und plötzlich machte es bei mir „Klick“ – 12.11.2023. Wenn mich nicht alles täuscht, dann sind wir am 14.11.1993 zum ersten Mal nach Mali ausgereist – also heute vor genau 30

Blick vom Dach

Jahren. Wahnsinn! Ich sehe mich noch zum ersten Mal auf dem Dach unseres Gästehauses stehen und über die Stadt blicken: jetzt waren wir an dem Ort, auf den wir uns seit Jahren vorbereitet hatten: Medizin- und Bibelschulstudium, erste Erfahrungen in Kamerun, Tropenmedizin gelernt in Antwerpen, Sprach- und Kulturstudium, verschiedene Kurse hier und da und das alles mit mittlerweile vier Kindern. Jetzt waren wir endlich in Mali – angekommen, hier war der Platz, an den wir uns von Gott berufen sahen. 30 Jahre her – Wahnsinn! Und erst jetzt wird es uns bewusst, haben vorher gar nicht darüber nachgedacht. Spontan laden wir unsere Equipe ein, bestellen beim nächsten Grill etwas Fleisch und ein paar Getränke und feiern kurz entschlossen unser Jubiläum. Manche von denen, die heute mit gefeiert haben, wurden damals gerade mal eingeschult. Aber Enoc und Niangaly waren schon mit dabei und wir sind Gott dankbar für 30 Jahre, in denen wir zusammen gearbeitet, uns kennen gelernt und manche Freude und manche Krise überstanden haben.

Und da ist es doch schön, dass Thomas, Schech, der Leiter der Allianz-Mission, gerade gestern in Mali angekommen ist, um hier eine Woche mit uns Menschen zu treffen, Gespräche zu führen, sich die verschiedenen Arbeitszweige anzuschauen!

Nur Erfolgsgeschichten?

Stolze Schulungsabsolventen

Das hier ist wirklich eine: Das Kleinkreditprojekt, von dem ich schon im März berichtet hatte, läuft weiter gut. Auch in den verbliebenen Kirchen wurden die Kredite komplett zurück gezahlt – von allen Teilnehmern hat nur eine Frau das geliehene Geld nicht erstattet, aber damit die anderen nicht darunter leiden müssen, hat das zuständige Komitee die Kosten übernommen – das wird dann intern geregelt. Und jetzt geht es in die zweite Runde: Wer ordnungsgemäß bezahlt hat (und das sind ja fast alle), kann jetzt 150% des bisherigen Kredites bekommen, also statt im letzten Jahr 150 Euro jetzt 225. Mit den gemachten Erfahrungen und der nun größeren Summe kann die Geschäftsidee weiter ausgebaut werden. Außerdem gibt es ein Aufbauseminar, in dem die Teilnehmer ihre Erfahrungen miteinander teilen und weitere Impulse bekommen. In diesem Jahr haben wir ein neues Thema mit

Kleinhandel

hinzu genommen: „Wie sieht ein bibelgemäßer Umgang mit Geld, Besitz und Business aus?“ Es soll nicht nur darum gehen eine Geschäftsidee zu verwirklichen, sondern auch deutlich zu machen, dass Christsein auch und gerade im Geschäftsleben konkret werden kann. Auch dieses Modul wird sehr positiv – auch gerade von den Gemeindeleitern – aufgenommen. Zusätzlich zu den bisherigen Kreditnehmern bekommen nun auch Mitglieder anderer Ortsgemeinden eine Chance und so wächst das Programm Stück für Stück.

Wie schön wäre es, wenn das immer so laufen würde. Aber natürlich machen wir auch andere Erfahrungen. Vor ein paar Jahren hat der Kirchendistrikt Bamako um Gelder gebeten, um ein Projekt verwirklichen zu können, das Geld in die Kirchenkassen spülen sollte: Es wurden stabile Stühle gekauft und Planen. Beides sollte vermietet werden für Festlichkeiten, die es in der Hauptstadt zuhauf gibt – vor allem Hochzeiten und Taufen. Die Geschäftsidee ist simpel, Erfahrungen bestehen an vielen Orten und der Bedarf ist groß – nur leider nicht das Engagement. Seit dem Kauf der Stühle stehen sie in irgendeinem Lagerraum und verlassen diesen, wenn überhaupt, nur ganz selten, weil sich einfach keiner kümmert. Es geht ja nicht um die eigenen Finanzen, sondern um das Geld der Kirche und da schrumpft die Motivation gewaltig.

Der Wald vor der Abholzung

Auch haben wir vor vielen Jahre in einem Dorf ein großes Grundstück wieder aufgeforstet. Über 30 Hektar wurden mit Bäumen bestückt, das Grundstück umzäunt und für ausreichend Wasser gesorgt. Und es war eine Freude, wie nach ein paar Jahren ein richtiger Wald entstanden ist. Nach etlichen Jahren allerdings fanden die jungen Leute aus dem Dorf, dass man mit dem Holz doch eine Menge Geld verdienen könnte, hielten sich nicht mehr an die mit ihren Eltern geschlossenen Verträge und schlugen alles ab, was man verkaufen konnte: viele Jahre harte Arbeit – einfach dahin.

So ist die Realität: Geld allein macht es nicht, Bewusstsein muss da sein oder geschaffen werden und etwas, was wir mehr und mehr wahrnehmen: Gemeinschaftsprojekte sind viel schwieriger erfolgreich durchzuführen als solche, bei denen die Beteiligten direkt und persönlich profitieren. Das ist zwar oft bedauerlich, aber uns ja auch in Deutschland nicht fremd. Und so lernen wir auch nach vielen Jahren immer wieder dazu, machen Fehler, sind frustriert über Rückschläge und freuen uns an den Erfolgen.  C’est la vie !

Sentimentalitäten

Was weckt die Erinnerungen so sehr wie Geruch, Geschmack, Musik? Plötzlich kommen Gefühle wieder an die Oberfläche, spielen sich Szenen vor dem geistigen Auge ab und versetzen einen zurück in eine andere Zeit:

Gestern schlenderten wir über den Markt, der nichts mit dem zu tun hat, was wir in Deutschland unter „Markt“ verstehen: Am Straßenrand lauter Stände verschiedenster Art vom Obst über fliegenumschwärmtes Fleisch bis zu chinesischen Plastikschüsseln. Mal in Regalen für uns undurchschaubar sortiert, mal auf einer Decke oder einem alten ausgebreiteten Karton auf der Erde. Im Innenbereich dann lauter kleine Blechverschläge: hier das Stoffviertel, da die Schneiderecke, drüben der Hühnerverkauf – lebend natürlich, aber bei Bedarf wird auch gleich geschlachtet und gerupft. Ich liebe es hier einzutauchen, könnte mich stundenlang durch die engen Gänge wühlen und mal hier grüßen, mal da eine Kleinigkeit erstehen – natürlich nicht ohne ausgiebig zu handeln.

Auf wem Weg nach „draußen“ entdecken wir einen Stand mit gebratenem Fisch und Attiéké, ein Grundnahrungsmittel aus fermentiertem und über Dampf gekochtem Maniok. Erinnerungen werden wach: 1999 bis 2003, 2-3 unserer Kinder gehen in ein Internat in der Elfenbeinküste, 1.200 km entfernt von unserem Zuhause in Mali, weil es da keine angemessenen Schulmöglichkeiten mehr gibt. Bis zu 8x im Jahr haben wir die Tour mit dem Auto dorthin machen müssen: morgens früh los in Sévaré, unserer malischen Heimat, und nach ca. 12 Stunden (es sind hier halt keine Autobahnen) und 2/3 der Strecke in Bouaké die Nacht verbracht. Und kaum

Rabea und Jano im Internat

hatten wir uns einquartiert in das amerikanische Gästehaus dort, ging es auf den Markt: Attiéké, Fisch, ein paar Fleischspieße – welch ein Genuss nach der anstrengenden Autofahrt. In Gedanken sehe ich uns kurz vor der Ankunft durch Bouaké fahren, Fenster auf, laut Musik hören (ich weiß noch genau welches Stück!) – glücklich, die Strecke unfallfrei hinter uns gebracht zu haben. Und dann am nächsten Morgen früh aufstehen, 100 km nach Yamoussoukro fahren und am Straßenrand Omelette essen und löslichen Kaffee trinken.

Abends (also wieder im wirklichen Leben) sitzen wir 2 auf dem Dach unserer Unterkunft in Bamako und ich zupfe meine Kora, die traditionelle 21-seitige malische Stegharfe, die ich so gerne richtig spielen können würde und wieder gehen die Gedanken weit zurück. Auf dem Dach in Sévaré vor über 20 Jahren. Gerlind und die Kids liegen unter den Moskitonetzen und schlafen schon fest, während ich die Kühle des Abends genieße und noch mit der Kora in der Hand im Mondschein versuche, die Seiten zu ruhigen Melodien zum Klingen zu bringen.

Innerlich muss ich grinsen: alter Mann träumt von den guten alten Zeiten. Waren sie das? Natürlich nicht nur, aber die anderen Seiten sind erfreulicherweise nicht so in Erinnerung geblieben.

Wer kriegt die Oma?

Eigentlich lebt sie auf dem Dorf im Inland. Ihr Mann wurde vor ein paar Jahren von Jihadisten entführt und seitdem fehlt von ihm jede Spur. Doch mit Kindern und Enkeln ist sie in die Familienstruktur gut eingebunden. Der andere Teil ihrer Familie aber wohnt in der Hauptstadt Bamako – so auch der älteste Sohn, der ja jetzt das Familienoberhaupt ist und von Zeit zu Zeit kommt sie auch für ein paar Monate zu ihnen, wohnt dort im Haus und kümmert sich auch bei ihnen um die Enkel, genauso wie um die unseres Mitarbeiters Jérémie (Name von der Redaktion geändert 😉). Aber jetzt ist es schon wieder ein paar Jahre her, dass sie zuletzt in Bamako war. Eigentlich war ihr Besuch schon in diesem Jahr im Januar vorgesehen, aber sie kam nicht. Die Familie im Dorf will sie nicht hergeben, sie sind froh über ihre Gesellschaft aber auch die Entlastung durch sie ist ein wichtiges Element. Die Frauen können im Dorf ihrer Arbeit nachgehen und die Oma passt auf die Enkel auf. Also sind sie alles andere als scharf darauf, dass sie nach Bamako geht. Dort aber ist die Situation ähnlich: auch bei Jérémie und seinem großen Bruder sind genug Enkel da, die von der Oma betreut werden können und ich erinnere mich gut, als Oma noch hier war und wieder zurück ins Dorf wollte, die Kinder aber die Rückreise immer wieder mit verschiedenen Argumenten nicht ganz uneigennützig verschoben haben…

Aber warum kam Oma nicht Anfang des Jahres wie angekündigt? Monate gingen ins Land, ohne dass darüber gesprochen wurde. Irgendwann kam dann die Schwester aus dem Dorf nach Bamako, um sich hier wegen einer Krankheit behandeln zu lassen und steckte dann Jérémie, dass die Oma immer darauf gewartet habe, dass der Älteste ihr ein Busticket kauft und die Fahrt nach Bamako organisiert. Da er das nicht gemacht habe, blieb sie halt im Dorf. Und so lief dann die Informationskette: Oma sagte es der Tochter, die sagte es ihrem jüngeren Bruder Jérémie, damit er es dann wieder dem Ältesten sagte… Warum bitte, so fragen wir Deutsche uns, ruft nicht einfach die Oma ihren Sohn an und fragt, was denn jetzt bitte mit dem Ticket ist? Aber vieles an der malischen Art der internen Kommunikation bleibt uns verborgen.

Auf jeden Fall wird Oma jetzt im Januar nach Bamako kommen – davon ist Jérémie überzeugt und er wird seinen Bruder schon erinnern, wenn er wieder kein Ticket schickt. Schließlich wollen die Enkel die Oma wieder sehen und die Familie freut sich auf die Entlastung – bis dann die aus dem Dorf wieder Druck machen…

P.S.: Gerlind wird diesmal schon eine Woche vor mir aus Mali nach Deutschland zurückkehren, aber das hat nichts mit den Enkeln zu tun – oder fast nichts 😉.

Ein paar Sack Getreide

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die einen Unterschied machen: Ende letzten Jahres kamen wir einer Bitte unserer Mitarbeiter in Bamako nach: Wir hatten aufgeräumt und ein Lagerraum wurde frei. Da kam bei ihnen der Gedanke eines Getreidedepots auf. Mit einem Kredit kauften N. und E. Reis und Hirse en gros ein und lagerten es hier ein. Kurz nach der Ernte sind die Preise noch erträglich, aber schon ab Januar steigen sie langsam aber sicher an und am Ende der Regenzeit zahlt man für dieselbe Menge die Hälfte mehr. Also wurde der Jahresbedarf der 6 Familien berechnet, eingekauft und die Säcke eingelagert. Alle erklärten sich bereit, dass das Geld scheibchenweise von ihrem Gehalt einbehalten wurde und so keiner in die Versuchung kam den Kredit nicht regelmäßig zurückzuzahlen. Heute nahm E. den letzten Sack Reis mit nach Hause – kurz vor der neuen Ernte.

Ob sich das denn gelohnt habe, fragen wir. Und ob: die Ersparnis von bis zu 50% ist nur ein Aspekt. „Weißt Du,“ erklärt mir N., „manchmal bekommst Du Dein Gehalt und schon am nächsten Tag ist fast nichts mehr davon übrig. In der Großfamilie ist der Bedarf so groß. Wenn die Leute wissen, dass Du ein Gehalt bekommst, dann wirst Du ständig um Geld gebeten.“ Da ist die Cousine aus dem Dorf, die krank wird und plötzlich zur Behandlung in die Hauptstadt muss, dann der Pastor, der sich meldet, weil er nichts mehr zu Essen hat; oder eine Hochzeit, wo so viele Besucher kommen, die alle mit beköstigt werden müssen… Und wer zumindest etwas Geld hat, kann da nur sehr schwer „nein“ sagen. „Wenn Du dann wenigstens immer Reis oder Hirse hast, die Du mit nach Hause bringst, dann ist das eine riesige Erleichterung – von dem Getreidelager weiß ja keiner und so müssen wir damit nicht unseren sozialen Verpflichtungen nachkommen und haben das ganze Jahr wenigstens unser Grundnahrungsmittel.“

Kein großes Ding, keine enormen Kosten; ein kleiner Rahmen und so wirklich langfristig hilfreich. Jedenfalls ist das Geld fast komplett wieder in der Kasse und N. und E. erkundigen sich schon wieder, wo es das beste und günstigste Getreide gibt.

 

Eintauchen

Problemlose Reise – wie schön! Zwischenstation Istanbul: Gerlind setzt sich auf einen der letzten freien Sessel und findet sich – nicht gerade vorhersehbar auf diesem riesigen Flughafen – neben zwei Maliern wieder. Leider ist ihr Flug vor 3 Tagen ausgefallen und so saßen sie nun seitdem auf dem Flughafen fest und bekamen wegen irgendwelcher Visumsprobleme kein Hotel zugeteilt, sondern verbrachten die Tage und Nächte auf irgendwelchen Flughafensesseln. Da wollen wir uns mal nicht beschweren über unsere läppischen 4 Stunden Aufenthalt.

Und, zum ersten Mal in unserem malischen Leben, waren unsere Koffer in Bamako schneller auf dem Gepäckband, als wir durch die Passkontrolle kamen. Manuel holte uns ab und so konnten wir fröhlich um 3 Uhr morgens das malisch vorgewärmte Bett aufsuchen.

Dann heute Morgen natürlich Gottesdienst – Pastor T. hielt eine sehr engagierte Predigt und uns damit wach. Im Anschluss unterhielten wir uns über Deutschland und Mali und wieder einmal wurde uns bewusst, wie unterschiedlich die Themen sind: Wir seien ja so beschäftigt gewesen mit dem Krieg in der Ukraine, aber das sei ja jetzt wohl der Krise im nahen Osten gewichen. In seiner Wahrnehmung war der Ukrainekrieg ja jetzt beendet… Da mussten wir ihn leider eines Besseren belehren – aber hoffentlich hat T. eine prophetische Gabe! Doch als ich sagte, dass letztlich alle auf der Welt von den Krisenherden betroffen sind, hatte er gleich ein schönes Sprichwort parat: Das stimme und bei ihnen würde man sagen: „Wenn du einem Affen auf den Schwanz trittst, ist es trotzdem der Kopf, der schreit!“

Mit dem Fahrrad holte ich uns dann was zu Essen bei einer vietnamesischen „Fass Food“ – Bude. „Fass Food“? Zum Glück war es wohl ein sprachlicher Lapsus auf dem Schild dort und es gab nicht etwa nur eingelegte Gurken oder Fassbrause. Fahrrad ist auch immer so eine Sache – ungewohnt für die meisten Malier hier: als Transportmittel kommen fast nur Mopeds oder Autos in Frage und wenn dann noch ein Weißer auf dem Drahtesel sitzt…

Abends noch ein Spaziergang zum Niger: nach dem üblichen Gang durch den Plastiktütentrampelpfad dann die untergehende Sonne am Nigerufer im Nobelviertel Bamakos. Ein paar Malier versuchen Fische zu angeln, aber auch sie fangen meist nur Plastiktüten oder ähnlichen Unrat, der zuhauf den Fluss besiedelt. Ansonsten sind hier die Chinesen eindeutig in der Überzahl und besiedeln die Appartements, die hier überall aus dem Boden schießen.

Beim Abendbrot hören wir über kräftige Lautsprecher wie jeden Abend die Predigt aus der Nachbarmoschee. Zum ersten Mal fragen wir uns, ob der Imam eigentlich jeden Tag eine neue Predigt vorbereitet oder ob das alles spontan ist. Schade, wir verstehen nicht, was er da so zum Besten gibt – müssen wir mal unsere malischen Freunde fragen. Interessant, wie man jahrelang Dinge mehr oder weniger wahrnimmt und sich bestimmte Fragen nie stellt.

Mali hat uns wieder – mit den schönen wie den weniger hübschen Seiten. Und Stück für Stück lassen wir auch innerlich Deutschland hinter uns!