Fahren als gäbe es kein Morgen

Heute habe ich ein Treffen auf der anderen Seite des Nigers. Ein Mitarbeiter warnt mich schon mal vor, ich solle ein bisschen eher fahren, ein Teilstück der Straße sei gesperrt und er erklärt mir, welche Alternativroute ich nehmen kann. Also 10 Minuten eher losfahren als geplant. Kein Problem: die „Straßen“ sind zwar alles andere als frei, aber man kommt vorwärts und die ca. 8 km sind in 45 Minuten geschafft. An den Ampeln stehen blau-uniformierte Polizisten und regeln den Verkehr bzw. winken Autos raus, um sie zu kontrollieren. Augen geradeaus, unauffällig gucken, entspannt weiter fahren, sonst kann man bei den Kontrollen und beim Argumentieren über den vermeintlichen Fahrfehler schon mal leicht eine halbe Stunde verlieren. Der Rückweg allerdings gestaltet sich etwas schwieriger: Die Brücke wird wegen des Berufsverkehrs in eine Richtung gesperrt und so muss man einen Umweg über die zweite Brücke nehmen. Der Verkehr ist jetzt dichter, an manchen Stellen schiebt man sich nur durch – immer auf der Hut vor den grünen Sammeltaxis, die sich überall vorbei drücken, keine Rücksicht auf Verluste: sieht man sich ihr Blech an, wird schnell klar, dass man sich vor ihnen in Acht nehmen muss. Etwas später komme ich dann an der Umleitung an. Jetzt wird es immer enger. Autos, Busse, dreirädrige Motorräder und Unmengen von Zweirädern aller Größen, alle schieben sich in einen winzigen Korridor, den ein parkender Bus gelassen hat. Würde alles gehen, wenn nicht von der anderen Seite genauso viele Autos, Busse, dreirädrige Motorräder und Unmengen von Zweirädern dieselbe Lücke in Anspruch nehmen wollten. Nach kurzer Zeit ist alles dicht. Nichts geht mehr, rien ne va plus! Fahrer steigen aus, schütteln den Kopf über so viel Dreistigkeit der jeweils anderen Seite. Motorräder versuchen, ob sie nicht doch noch irgendwo eine Lücke finden können. 2 Fahrradfahrer heben ihre Räder über Autodächer und Köpfe und marschieren so durch das Chaos. Ich stehe mittendrin, kein Vor, kein Zurück. Früher stellte sich in diesen Situationen eine gewisse Panik ein: Hier kommst du nie wieder raus – wie auch, vor dir und hinter dir nichts als blockierte Fahrzeuge! Mittlerweile habe ich genug Erfahrung, um zu wissen: irgendwann geht es weiter, einfach stehen bleiben und abwarten. Nach ausreichend Kopfschütteln und Gestikulieren der jeweiligen Fahrer fängt dann irgendwo eine kleine Bewegung an: ein paar Autos fahren ein Stückchen rückwärts. Ein wenig Platz entsteht, der jetzt dazu genutzt werden könnte, dass vielleicht ein blockiertes Fahrzeug etwas Spielraum bekommt. Aber nein, sofort stürzen sich gefühlt hunderte von Motorrädern in die Lücke wie Fliegen auf frische Hundesch… Wieder Gestikulieren, wieder Kopfschütteln, wieder ein paar energische Kommentare. Doch dann irgendwann, wie aus dem Nichts, löst sich der Knoten. Ein blockiertes Auto findet eine Lücke, öffnet ein Stück Straße, andere folgen und der Verkehr rollt wieder, langsam, aber es geht. Leider nur bis zur nächsten Querstraße, da fängt alles wieder von vorne an. Irgendwo steht ein Polizist, nimmt seine Pfeife in den Mund und stellt sich ein paar zu dreisten Autofahrern in den Weg. Aber auch er kann nicht viel machen, holt sein Motorrad und fährt wieder weg.

Mitten in diesem nicht enden wollenden Gedränge sitze ich in meinem klimatisierten Auto – wenigstens etwas! Aber kann ich das verantworten? Den Motor ständig laufen zu lassen, während der Verkehr steht. Nein! Ein bisschen Ökologie muss schon noch möglich sein. Also Motor aus und Fenster runter. Uff, 34 °C, die Sonne noch am Himmel und was ich da alles einatme, möchte ich gar nicht wissen. Also Fenster wieder hoch, Motor und Klimaanlage wieder an. Nach 3 Minuten ohne Bewegung wieder das schlechte Gewissen, Motor wieder aus, Fenster wieder runter und so weiter und so weiter.

2 Stunden war ich insgesamt im schönen Chaos Bamakos unterwegs und das Beste: Mein Gesprächspartner hatte den Termin vergessen und war nicht da. Es war ihm peinlich, er musste sich um einen kranken Freund kümmern, da war ihm das völlig entfallen. Vielleicht an einem anderen Tag nochmal?

Während ich so im Hier-geht-gar-nichts-mehr-Smog stehe, sinniere ich darüber nach, wie stark doch der Verkehr die Kultur widerspiegelt: Wenn sich irgendwo ein Weg öffnet, dann muss man ihn nutzen. Nicht lange nachdenken, was das für Konsequenzen hat, das kann man später ja sehen. Das Hier und Jetzt zählt. Irgendwie wird es dann doch weiter gehen und tatsächlich – irgendwie geht es immer weiter. Und genauso wie ich im Straßenverkehr immer wieder hin und her gerissen bin zwischen Faszination und Entsetzen, geht mir das in dieser Kultur auch so. Und es geht immer weiter. Man improvisiert, man stopft Löcher, man nutzt spontan sich bietende Möglichkeiten.

 

P.S.: Tatsächlich ist gestern unser Gepäck angekommen – alles wohlbehalten! Schön, mal wieder etwas anderes anziehen zu können!

 

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