Sentimentalitäten

Was weckt die Erinnerungen so sehr wie Geruch, Geschmack, Musik? Plötzlich kommen Gefühle wieder an die Oberfläche, spielen sich Szenen vor dem geistigen Auge ab und versetzen einen zurück in eine andere Zeit:

Gestern schlenderten wir über den Markt, der nichts mit dem zu tun hat, was wir in Deutschland unter „Markt“ verstehen: Am Straßenrand lauter Stände verschiedenster Art vom Obst über fliegenumschwärmtes Fleisch bis zu chinesischen Plastikschüsseln. Mal in Regalen für uns undurchschaubar sortiert, mal auf einer Decke oder einem alten ausgebreiteten Karton auf der Erde. Im Innenbereich dann lauter kleine Blechverschläge: hier das Stoffviertel, da die Schneiderecke, drüben der Hühnerverkauf – lebend natürlich, aber bei Bedarf wird auch gleich geschlachtet und gerupft. Ich liebe es hier einzutauchen, könnte mich stundenlang durch die engen Gänge wühlen und mal hier grüßen, mal da eine Kleinigkeit erstehen – natürlich nicht ohne ausgiebig zu handeln.

Auf wem Weg nach „draußen“ entdecken wir einen Stand mit gebratenem Fisch und Attiéké, ein Grundnahrungsmittel aus fermentiertem und über Dampf gekochtem Maniok. Erinnerungen werden wach: 1999 bis 2003, 2-3 unserer Kinder gehen in ein Internat in der Elfenbeinküste, 1.200 km entfernt von unserem Zuhause in Mali, weil es da keine angemessenen Schulmöglichkeiten mehr gibt. Bis zu 8x im Jahr haben wir die Tour mit dem Auto dorthin machen müssen: morgens früh los in Sévaré, unserer malischen Heimat, und nach ca. 12 Stunden (es sind hier halt keine Autobahnen) und 2/3 der Strecke in Bouaké die Nacht verbracht. Und kaum

Rabea und Jano im Internat

hatten wir uns einquartiert in das amerikanische Gästehaus dort, ging es auf den Markt: Attiéké, Fisch, ein paar Fleischspieße – welch ein Genuss nach der anstrengenden Autofahrt. In Gedanken sehe ich uns kurz vor der Ankunft durch Bouaké fahren, Fenster auf, laut Musik hören (ich weiß noch genau welches Stück!) – glücklich, die Strecke unfallfrei hinter uns gebracht zu haben. Und dann am nächsten Morgen früh aufstehen, 100 km nach Yamoussoukro fahren und am Straßenrand Omelette essen und löslichen Kaffee trinken.

Abends (also wieder im wirklichen Leben) sitzen wir 2 auf dem Dach unserer Unterkunft in Bamako und ich zupfe meine Kora, die traditionelle 21-seitige malische Stegharfe, die ich so gerne richtig spielen können würde und wieder gehen die Gedanken weit zurück. Auf dem Dach in Sévaré vor über 20 Jahren. Gerlind und die Kids liegen unter den Moskitonetzen und schlafen schon fest, während ich die Kühle des Abends genieße und noch mit der Kora in der Hand im Mondschein versuche, die Seiten zu ruhigen Melodien zum Klingen zu bringen.

Innerlich muss ich grinsen: alter Mann träumt von den guten alten Zeiten. Waren sie das? Natürlich nicht nur, aber die anderen Seiten sind erfreulicherweise nicht so in Erinnerung geblieben.

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