Schreckgespenst Rente

Mittlerweile bin ich in einem Alter, in dem ich in Deutschland immer öfter mal den Satz höre, „Und, wie lange musst Du noch?“ Gut, ich gebe zu, es sind keine Jahrzehnte mehr bis zu meiner offiziellen Rente, aber doch noch einige Jahre und dieses „musst Du noch?“ kann ich noch gar nicht nachvollziehen, weil mir die Arbeit nach wie vor viel Spaß macht.

Aber bei vielen ist dies das Lebensgefühl Ende 50 Anfang 60: raus aus dem Arbeitsalltag, machen können, was einem Freude macht, lieber ein paar Abzüge und dafür mehr Zeit…

Hier ist das Bild ein völlig anderes: Landwirte auch dem Dorf haben damit natürlich gar nichts am Hut, aber wer in einem Angestelltenverhältnis steht, der blickt mit Sorge auf die Zeit danach. Besser nicht darüber reden, Augen zu machen und einfach weiterarbeiten, vielleicht merkt es ja keiner. So ist es eine wichtige Vorgehensweise für Arbeitgeber, den zukünftigen Ruheständler mindestens ein Jahr vorher immer wieder daran zu erinnern, dass das Arbeitsverhältnis bald endet. Warum ist das so? So richtig durchschaue ich das nicht. Schließlich haben doch mittlerweile viele in die Rentenkasse eingezahlt und auch wenn das nicht gerade viel ist, bekommen sie doch oft eine Rente, mit der sich (über-)leben lässt. Auch hat mancher sich im Laufe der Jahre irgendwo ein kleines Häuschen gebaut und vielleicht auch noch außerhalb ein Stück Land erworben, wo man Hühner züchten, Salat anbauen, Obstbäume pflanzen kann. Müsste eigentlich doch alles passen. Und doch ist da diese Angst – doch nicht genug Geld zu haben? Nicht mehr gebraucht zu werden? Sein Leben gelebt zu haben? War es das jetzt? Gehöre ich jetzt zu denen, die nur noch Tee trinken und Karten spielen?

Was steht dahinter – obwohl ich öfter nachgefragt habe, komme ich nicht wirklich dahinter.

Vorgestern hatten wir eine längere Unterredung mit einem unserer langjährigsten Mitarbeiter: Ende des Jahres geht er in Rente, seine Unterlagen sind schon bei der Rentenversicherung eingereicht und bald müsste sogar schon zusätzlich zu seinem Gehalt die erste Zahlung kommen. Also eigentlich alles im Lot – und doch sitzt er mit trauriger Miene vor uns und ich habe den Eindruck, wir müssen ihm gut zureden, damit er an der Rente irgendwas Positives sehen kann. Froh bin ich darüber, dass wir uns über die noch zu erledigenden Arbeiten und die stückweise Übergabe seiner Verantwortungsbereiche gut verständigen konnten – schließlich ist in Mali fast alles Verhandlungssache – selbst wenn die gesetzlichen Regelungen klar sind. Nicht zuletzt das Geburtsdatum ist ja relativ: Meint man das, als das Kind das Licht der Welt erblickte, das, was man angegeben hat, damit man schon mal mit dem großen Bruder in die Schule gehen konnte oder das, was man bei der Rentenversicherung angegeben hat???

Es ist uns ein großes Anliegen, dass gerade unsere langjährigen Mitarbeiter nicht wegen irgendwelcher Unstimmigkeiten frustriert ihre Arbeit bei uns verlassen, sondern dass wir uns nach so vielen Jahren gemeinsamen Tuns und manchmal auch Kämpfens mit Freude weiter begegnen und in die Augen schauen können.

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