Kabelsalat

Was sind wir glücklich über unsere Solaranlage, die wir vor einem Jahr hier installieren konnten! Endlich unabhängig von der öffentlichen Stromversorgung, die meistens unkalkulierbar ist und oft nur wenige Stunden am Tag Energie liefert. Sonne ist hier nun wirklich genug und die Anlage ist groß genug konzipiert, um alle Geräte im Haus zu versorgen. Auch unser uralter Dieselgenerator, der eher an eine Dampfmaschine als an ein modernes Energiegerät erinnert, steht erfreulich nutzlos im Hof herum.

Aber dann vorgestern: Manuel bemerkte, dass es beim Anfassen seines Wasserhahns in den Händen kribbelt, Christine erlebte das gleiche am Türgriff und Etienne beim Anschalten seines Druckers. Dann fiel heute Morgen für Stunden der Strom aus und die Anlage schaltete sich von selbst plötzlich wieder an. Da ich hier gerade keinen Defibrillator für kardiologische Notfälle zur Hand habe, haben wir die Spezialisten gerufen: sowohl unseren Haus- und Hofelektriker als auch den Techniker, der die Solaranlage wartet: ein Massekabel war kochend heiß und sei stromführend. Nanu, wie kann denn das sein? Es hatte doch keiner die Anlage verändert.

Aber nach und nach traten die Informationen zu Tage: unsere chinesischen Nachbarn hatten letzte Tage die Oberleitungen des öffentlichen Stroms mit einem ihrer LKWs gekappt und wieder reparieren lassen. Keiner weiß (oder will wissen), wer das gemacht hat… Da wurden nur dann dummerweise die Kabel falsch zusammengebracht und Phase und Nullleiter vertauscht. Und da wir für den Fall der Fälle noch Zugang zur städtischen Energieversorgung haben, sind wir mit betroffen. Der alte und erfahrene Elektriker steht fassungslos vor mir – was hätte da alles passieren können!!!

Und jetzt? Es wird wild telefoniert, die Verantwortlichen gesucht und der Schaden hoffentlich schnell repariert – aber zunächst einmal sind wir von der öffentlichen Stromversorgung abgeklemmt und damit hoffentlich auf der sicheren Seite.

Wenn ich nach Mali fliege, dann sagen mir viele, ich solle auf mich aufpassen. Dabei haben sie meistens Terroristen, Straßenräuber und vielleicht auch noch Autounfälle im Kopf – Stromschlag war noch nicht auf meinem Programm… Vielleicht übertreibe ich, schließlich bin ich kein Elektriker – vielleicht aber auch nicht und ich danke Gott wieder einmal neu für den Schutz vor so vielen Gefahren, die ich nicht einmal wahrnehme.

Es riecht nach Regen!

Man kann ihn nicht beschreiben. Auch in Deutschland verändert sich der Geruch, wenn Regen auf trockenes Land fällt, aber hier ist das anders. Monate ohne Wasser vom Himmel, da macht jeder Tropfen einen Unterschied. Heute ein Vorgeschmack: die letzten Tage waren sehr heiß: tagsüber ständig über 40°C und kein Windchen. Ohne Ventilator bricht einem sofort der Schweiß aus. Aber dann in den frühen Morgenstunden dieser typische Wind, plötzlich kühlere Luft, die Fensterläden klappern, die Palmblätter rauschen. Und der Wind bringt diesen Geruch – es riecht nach Regen, nicht hier ist er gefallen, vermutlich kilometerweit weg aber ohne Zweifel: der Geruch von Regen, verbunden mit einem Aufatmen der Seele. Es ist nicht die kurzzeitige Frische, es ist nicht der Wind, es ist dieser Geruch von „die Trockenheit hört irgendwann auf!“ Ja, beschreiben kann man ihn nicht und doch ist er unverkennbar.

Ich habe nachgerechnet: 10-mal haben wir in unserer Zeit in Afrika diesen Wechsel von Trockenzeit zu Regenzeit erlebt und somit vielleicht 100-mal diesen Geruch wahrgenommen, denn er entsteht ja nicht nur beim ersten Regen. 100-mal durchatmen, 100-mal Hoffnung auf Kühle, auf Grün, auf Ende der Schwüle.

Heute ist es nicht der Beginn der Regenzeit. Es ist der Mangoregen, manchmal nur ein paar Tropfen, manchmal auch ein richtiger Regenguss zum Beginn der heißen Zeit. Man nennt ihn so, weil er die jetzt reifen und vom Staub rötlich gefärbten Mangos an den Bäumen sauber wäscht.

Nur 2 Tage habe ich die Hitze, den Staub, die stehende Luft erlebt, seitdem ich hier angekommen bin und trotzdem empfinde ich durch diesen Geruch von Regen eine wunderbare Erfrischung.

Frauenpower

Heute Nacht gut angekommen in Bamako, tauche ich mit einem Gottesdient im Stadtteil Quinzambougou in die malische Atmosphäre ein. Und heute ist dieser besonders, denn gestern war ja der 8. März – internationaler Frauentag. Vor Jahren gab es in Mali diesbezüglich viele Diskussionen: soll man da als Kirche mitmachen und auch Gottesdienste entsprechend gestalten? Heute ist das fester Programmbestandteil: am Sonntag nach dem 8. März gestalten die Frauen den Gottesdienst – alles, außer der Predigt – die bleibt dann doch den Männern vorbehalten. Es wird viel gelacht, geklatscht, gesungen, getanzt – irgendwie haben die Frauen da mehr Pfeffer! Als nach einem schwungvollen Lied die Übersetzerin wieder ans Mikro kommt, kann sie kaum sprechen, weil sie vom Tanz noch ganz außer Atem ist. Alle lachen… einfach eine muntere gelöste Stimmung. Was die Damen da an „Sport“ treiben bei 40°C ist schon beachtlich!

Dann kommen die verschiedenen Gemeindechöre und geben einer nach dem anderen ein Lied zum Besten. Als der Chor, der in der Sprache der Bambara singt, dran ist, leitet eine junge Frau kurz ein: „Wir singen jetzt das Lied mit dem Text: ‚Eine tugendhafte Frau ist die Krone ihres Mannes‘.“ Ich muss schmunzeln, stelle mir vor, dieser biblische Text würde heute in einer deutschen Kirchengemeinde gesungen und sehe vor meinem geistigen Auge ein Stirnrunzeln hier und da – bei Männern wie bei Frauen. Aber damit haben die meisten Damen hier wohl überhaupt kein Problem. Im Gegenteil, wie in vielen anderen Bereichen des Lebens hier sind die Rollen klarer definiert als bei uns und das vermittelt auch Sicherheit. Als ich vorhin „Frauentag“ in meine Suchmaschine eingab, kam sofort „internationaler Frauenkampftag“ – aber das hier ist kein Kampftag. Die Frauen kämpfen nicht um ihre Rechte. Sie haben eine recht feste Position in der Gesellschaft und diese füllen sie gerne aus. Natürlich ist das tägliche Leben in den Familien längst nicht immer so, wie das sein sollte, aber dadurch werden die Rollen an sich nicht in Frage gestellt. Und wenn man die Frauen hier im Gottesdienst erlebt, mit Power und Selbstbewusstsein, mit Engagement und Durchsetzungsvermögen… das sind keine „Heimchen am Herd“. Ich denke erneut an den Bibeltext im Lied: hier ist nicht selten der Mann das Haupt in der Familie aber die Frau die Krone auf dem Haupt!

Schon wieder Berlin – Istanbul – Bamako

Scheint noch gar nicht lange her zu sein, dass ich mit Gerlind hier saß und nach Mali aufbrach – heute aber ohne sie. Keine kleinen oder größeren Katastrophen im Vorfeld – fühlt sich ungewohnt an. Aber die letzten 2 Wochen Besuch von unseren Kindern mit Enkeln – die erst wenige Monate alten Zwillinge inklusive, was sehr schön, aber nicht immer so friedvoll wie auf dem Foto war. Und nun also wieder nach Bamako – die üblichen Gespräche, die Treffen, die Besuche, das jährliche Kirchentreffen und natürlich schauen, was aus dem Aquaponikprojekt geworden ist: mir wurde schon angekündigt, dass die Fische noch zu klein zum Verspeisen sind – schade, ich hoffte, die Früchte meiner Arbeit nicht nur sehen, sondern auch schmecken zu können.

Ein paar spannende Fragen erwarten uns: Was machen wir in Zukunft mit unserer deutschen Hilfsorganisation bei immer größeren Auflagen der malischen Regierung? Wer übernimmt die Verantwortung in unserer malischen Partner-Nicht-Regierungsorganisation, wenn Stück für Stück die alte Garde in Rente geht, und wie gestalten wir die Übergänge? Welche Schwerpunkte werden beim Projekt Beersheba, in dem Manuel vorwiegend arbeitet, gesetzt und welche Geldgeber können da sinnvollerweise mit am Start sein? Außerdem befindet sich Mali während meines kompletten Aufenthaltes im Fastenmonat Ramadan – auch immer eine Herausforderung auf vielen Ebenen.

… und was sich sonst noch so alles ergeben wird, was sich nicht planen lässt, das entwickelt sich ja wie so oft im Laufe des Aufenthalts. Ich freue mich auf die nächsten Wochen, die Menschen, die Wärme (na ja, vielleicht nur ein bisschen), die Gerüche, den Markt, die Plaudereien am Straßenrand, das Gebet mit unseren Freunden, Attieke mit Fisch, das Eintauchen in diese andere Welt.

 

Und Schwups sind wir wieder in Deutschland

Na gut, Schwups jetzt auch nicht gerade. Von Haustür zu Haustür haben wir immerhin 26 Stunden gebraucht. Aber emotional ist es doch ein „Schwups“, dieser krasse Weltenwechsel, kulturell, klimatisch und natürlich auch von den Themen, die eine Rolle spielen.

In Mali wurde einen Tag vor unserer Rückreise der Premierminister entlassen, weil er sich zu negativ zur Übergangsregierung geäußert hat.

Hier in Deutschland streiten sich alle, wer wann welchen Kanzlerkandidaten ins Rennen schickt.

Auf der Straße in Bamako spricht mich ein Mann an, er käme von der Elfenbeinküste, hätte Hunger und brauche dringend Geld. Ich sage, er solle kurz warten, dann würde ich ihm etwas zu Essen kaufen. Als ich wieder komme, ist er verschwunden – war wohl doch nicht so hungrig.

Im Park in Leipzig spricht mich gerade ein junger Mann an, ob ich die VOLT-Partei kenne. Er sammle Unterschriften, damit sie zur Wahl zugelassen würden – ich hätte ja vielleicht gehört, dass im Februar Bundestagswahl sei. Ja, man sollte es nicht glauben, ich habe wirklich schon von der Wahl gehört 😉 und die VOLT-Partei kenne ich auch, würde sie aber nicht unterstützen, da sei er an der falschen Adresse. Da geht er weiter suchen…

Aus dem Dogonland erreichte uns kurz vor Ende unseres Aufenthalts die Nachricht, dass im Dorf von unserem Mitarbeiter Niangaly Islamisten die Christen vorgeladen hätten: Jeder müsse 25.000 Francs Kopfsteuer zahlen (ca. 40 Euro) oder sich zum Islam bekehren. In 15 Tagen kämen sie wieder – dann wäre entweder das Geld da oder… Gleichzeitig rückt das Militär vor ins Dogonland und alle hoffen, dass es nicht nur eine „Stippvisite“ wird.

Wir feiern hier in der FeG in aller Ruhe unseren Gottesdienst.

In Bamako dröhnen an jeder Straßenecke die stinkenden Dieselgeneratoren, weil die öffentliche Stromversorgung nur stundenweise funktioniert.

In Deutschland verzweifeln wir, weil in Aserbaidschan wieder (fast) nur heiße Luft beschlossen wurde und die fossilen Brennstoffe wohl weiter kräftig CO2 in die Luft pusten werden.

Bamako – Leipzig, jedes Mal wieder neu ein Weltenwechsel.

 

Das geht auf (k)eine Kuhhaut

Handarbeit in Afrika – das hat mich schon immer begeistert. Wie mit wenigen Mitteln wunderschöne Dinge hergestellt werden und das fast nur mit lokalen Materialien. Ich erinnere mich, wie wir in Kamerun einmal einen Bronzegießer bei der Herstellung einer kleinen Vase beobachten konnten und dieses hübsche Unikat immer noch besitzen. Jetzt aber ist es erneut die malische Musik bzw. die Instrumentenherstellung, die mich in ihren Bann zieht. Im März habe ich am Schlachthof eine Kuhhaut gekauft und sie in der heißen Sonne erst mal getrocknet. Diesmal konnte ich sie zu Modibo, einen Gerber, bringen. In der Sonne hängen unterschiedliche Fälle, auf dem Boden ein Haufen von Tierhaaren. Ich erkläre ihm, dass ich die Kuhhaut für die Herstellung einer Kora, der west-afrikanischen Stegharfe, benötige. Er weiß sofort, worum es geht: je nachdem, wofür das Leder gebraucht wird, ist die Aufarbeitung unterschiedlich. Verschiedene Trommeln, eine Kora, eine N’goni oder eine Tasche – Leder ist nicht gleich Leder. Ich frage ihn, wie er meine Kuhhaut denn aufarbeitet. Zunächst käme sie, so erklärt er mir, in eine Natronlauge. Dadurch würde sie die Haare verlieren. Dann käme sie in Hühnerkot, damit sie die richtige Elastizität bekommt. Hühnerkot? Man fragt sich bei solchen Techniken doch immer wieder, wie die Leute auf so etwas gekommen sind!? Danach wird sie zum Trocknen aufgehängt und das ganze dauert vier Tage.

 

 

Und schon beim letzten Mal durfte ich zuschauen, wie dann aus dem Fell eine Kora gebaut wird: die nun in leicht gesalzenem Wasser wieder dehnbar gemachte Haut wird um eine Kalebasse gelegt und Stück für Stück gespannt. Dann werden ein Querholz und die zwei Handhalter durch das Fell geschoben, mit kleinen Nägeln die Haut befestigt, zugeschnitten und das Ganze zum Trocknen aufgehängt; dann kommen der Hals (in der modernen Fassung mit Gitarrenstimmwirbeln) und die 21 Saiten aus Angelschnur. Und schon ist dieses warm klingende Instrument fertig. … keine Ahnung, ob Euch das interessiert, mich begeistert dieses Handwerk, das, wie so oft, beim Zuschauen ganz einfach aussieht und in der Praxis doch eine hohe Professionalität benötigt – das hört man sofort am Klang!

Aber auch ich war handwerklich aktiv: Nachdem mein Aquaponikprojekt die letzten Monate schlummerte, habe ich diesmal immer wieder ausprobiert, gesägt, gebohrt, geschraubt, geklebt, bis es jetzt ENDLICH funktioniert: das Wasser läuft hoch bis zu einer gewissen Höhe und fließt dann wieder komplett ab (Ebbe- und Flutsystem). Jetzt können die Fische kommen und der Salat angepflanzt werden. Nur leider ist unsere Zeit schon fast wieder um und ich werde wohl mit den Ergebnissen warten müssen, bis ich im März wieder im Lande bin. Vielleicht gibt es dann ja die Möglichkeit die Früchte (bzw. die Fische) meiner Arbeit genießen zu können.

 

Voilà – ma maman… Da ist meine Mama!

Mit diesen Worten kommt heute eine junge Frau im Hof der Kirche auf mich zu, wo wir auf den Beginn des Gottesdienstes warten. Wir umarmen uns herzlich!

Wer uns beide sieht, würde wohl keine Ähnlichkeit zwischen uns finden. Auch ist nicht eine unserer Töchter uns mal eben nachgereist…

Suzan, so heißt sie, ist die Frau von Etienne, einem unserer engsten Mitarbeiter. Als er bei der Alllianz-Mission anfing, war er noch Single. Netterweise haben die beiden ihre Hochzeit dann auf einen Zeitpunkt gelegt, an dem wir gerade in Mali waren und mitfeiern konnten.

Seitdem haben wir uns gar nicht so oft gesehen, aber über Etienne besteht ein herzliches Verhältnis. Macht mich das schon zu ihrer Mama? Ja…und die Tatsache, dass hier ältere Frauen allgemein gerne und respektvoll „Mama“ genannt werden.

Wenn die Frauen im Gottesdienst ein Lied vortragen, wird angekündigt, dass nun „nos mamans – unsere Mütter“ nach vorne kommen.

Ich finde dies wunderschön, denn es drückt Herzlichkeit und Wertschätzung aus.

Nicht selten wird man als „Weißer“ auf der Straße (nicht in den Gemeinden!) von jüngeren sehr „flapsig“ angesprochen. Das hat auch damit zu tun, dass wir in den hiesigen Kulturen keine definierte Rolle haben. Aber es kommt ebenso vor, dass mich völlig Fremde (vorwiegend Jüngere) mit Mama und Karsten mit Papa ansprechen.

Dahinter steht die Überzeugung, dass Erziehung von allen, nicht nur von den biologischen Eltern geschieht und dass Älteren grundsätzlich Respekt gebührt.

Dankbar für die herzliche Begegnung gehe ich mit Suzan in den Gottesdienstraum und setze mich mit ihr auf die Seite der Frauen. Wieder einmal tauche ich ein in ein Meer an wunderschönen Menschen, sorgfältig bis aufwändig gekleidet in bunte Stoffe.

Und hier auf dieser Seite sitzen vor allem die verheirateten Frauen, Mamas und Omas, kleine Kinder auf jedem 2. Schoß, mit häufigem Wechsel hin und her. Darin sind malische Kinder unkompliziert.

Unverheiratete junge Frauen sitzen auf der anderen Seite oder vorne im Chor, der besondere Plätze gegenüber der Gemeinde hat.

Ich bin gespannt auf den Gottesdienst, denn die Gemeinde ist in einem Trauerprozess.

Gestern ist eine 16jährige nach längerer Krankheit verstorben, ebenso ein in Mali bekannter Evangelist, aber vor allem der Tod des jungen Mädchens lastet auf der Gemeinde.

Da ich Bambara, die Sprache, in der der Gottesdienst stattfindet, nur sehr wenig verstehe, versuche ich mir manches aus dem Kontext zu erschließen und achte auf nonverbales. Alle Lieder sind ruhig und tendenziell langsam. Ich vermute, dass das mit den Todesfällen zu tun hat, denn meistens geht es in den malischen Gottesdiensten musikalisch lebendig, laut und rhythmisch zu.

Für die Ansagen, Informationen und Gebetsanliegen kommt ein junger Mann nach vorne, der zunehmend Schwierigkeiten hat, zu sprechen. Immer wieder korrigiert er sich und setzt neu an beim Sprechen. Die Frauen um mich herum werden unruhig und geben leise Kommentare ab. Tatsächlich geht dann der Sohn des Pastors, der Karsten später auch bei der Predigt übersetzen wird, nach vorne und übernimmt diesen Teil.

Ich frage meine Nachbarin nach dem Grund und sie meint, dass er emotional überfordert war, die Details für die Beerdigung des Mädchens am nächsten Tag zu kommunizieren. Solche Emotionen sind mir in diesem Rahmen noch nicht oft begegnet und es berührt mich, wie der junge Mann um seine Fassung gerungen hat.

Die Jugend wird gebeten, morgen früh pünktlich um 7 Uhr zu kommen, um das Grab auszuheben und nachmittags um 15h soll die Beerdigung stattfinden. Der Pastor bittet danach nochmal um eine rege Beteiligung und Unterstützung. Hier gibt es kein Beerdigungsinstitut, alles wird von der Gemeinde und von Freunden organisiert und durchgeführt.

Es ist immer wieder bereichernd hier ein wenig einzutauchen in eine Gesellschaft, in der vieles anders, aber vieles auch ähnlich ist. Emotionen sind universell, auch wenn sie kulturell geprägt unterschiedlich ausgedrückt werden.

Zurück zum Anfang: Meine Erfahrung in Deutschland: Wenn ich in eine übervolle Bahn steige und jemand steht auf, um mir (mit meinem grauen Haupt🙂) einen Sitzplatz anzubieten, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es jemand mit Migrationshintergrund ist. Letztens sah ich eine neue Werbung in unserer Straßenbahn: Auf dem Bild war ein junger Mann und darunter stand: Stell’ dir vor, deine Oma steigt ein und alle stehen auf!

Eine solche „Werbung“ wär in Mali (noch) nicht nötig! Hier würden viele junge Menschen für mich aufstehen und sagen: Hier, Mama, setz’ dich!

 

Erwachsenensport – in Afrika???

Als ich vor über 20 Jahren in Mali für meinen ersten und bislang auch einzigen Marathon trainiert habe, konnte ich mir das nur deshalb leisten, weil ich eine weiße Haut hatte. Da lässt man manches durchgehen – die Weißen haben ja viele komische Ideen. Jeden Tag, wenn andere nach der Arbeit gemütlich beieinander sitzen und Tee schlürfen durch die Gegend rennen ohne Ziel und Zweck, das war schon ein bisschen sehr seltsam. Erwachsene Menschen rennen nicht einfach so. Kinder tun das – vielleicht auch noch Jugendliche aber kein erwachsener Mann, der was auf sich hält.

Aber das hat sich geändert. Kultur wandelt sich! Immer mehr Menschen in Mali leiden unter den sogenannten Zivilisationskrankheiten: Bluthochdruck, Diabetes, Adipositas und mehr und mehr setzt sich durch, dass das mit Ernährung aber auch mit fehlender Bewegung zu tun hat. Es freut mich sehr, dass wir jetzt immer öfter von gestandenen Männern (und manchmal auch Frauen) hören, die Sport treiben: mancher beginnt damit, dass er sein Motorrad stehen lässt und auch mal zu Fuß zur Arbeit geht. Das ist gar nicht so einfach, denn sobald ein Bekannter vorbei kommt, wird sofort angehalten: „Ist Dein Motorrad kaputt? Alles in Ordnung bei Dir? Komm ich nehme Dich gerne mit!“ Trotzdem fangen immer mehr Leute auch an zu laufen – Jogging, um den Bauch abzutrainieren, den Blutdruck zu verbessern. Der Arzt in mir ist beglückt: tatsächlich eine Bewusstseinsveränderung von wesentlichen Teilen der Gesellschaft hier!

Daniel erinnert mich an Amadou, der vor Jahren als Krankenpfleger in einem entlegenen Dorf arbeitete und der schon damals trainierte. Als Daniel im Dorf fragte, wie sie denn so mit ihm zufrieden wären, sagten die Dorfbewohner: „Der ist wirklich klasse, der macht eine super Arbeit! Aber etwas ist komisch, das kapieren wir nicht: Morgens rennt der immer, obwohl er gar nichts jagt und auch niemand hinter ihm her ist!?!“

Die alte Garde und die jungen Wilden

Am Freitag hatten wir – wie bei jedem Besuch – eine lange Sitzung des nationalen Kirchenleitungsgremiums. Die Länge der Zusammenkunft von ca. 8 Stunden war nicht neu aber die Zusammensetzung: Im Mai gab es Neuwahlen und eine Bedingung für die oberste Kirchenleitung war, dass niemand gewählt werden durfte, der während seines Mandats in Rente geht (eine solch sinnvolle Regelung würde man sich in manchen Staaten dieser Erde auch wünschen…) und so war, auch wenn noch das ein oder andere bekannte Gesicht da war, ein wahrer Generationswechsel zu sehen. An manchen Stellen wurde deutlich, dass da auch noch einiges ruckeln wird, bis die Equipe sich eingespielt hat, aber trotzdem weht auch ein angenehm frischer Wind. Gerade der Umgang mit den technischen Mitteln ist für die jüngere Generation völlig normal. So wurde vom neuen Sekretär sofort eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet und das Sitzungsprotokoll am nächsten Tag versandt mit der Bitte um Korrektur (- bisher wurde dies meist erst zu Beginn der nächsten Sitzung Monate später verteilt).

Wenige Tage später waren wir in San bei Pastor Ezechiel und seiner Familie. Ezechiel ist Anfang 60, hatte vor ein paar Jahren einen Schlaganfall und hat seitdem einige Gänge zurückschalten müssen. Seine Frau Josephine hat offensichtlich Kniegelenkarthrose und es ist ein Jammer ihr zuzusehen. Nur mühsam quält sie sich aus einem Stuhl, läuft ein paar Schritte und lässt sich auf die nächste Sitzgelegenheit fallen. Aus dem Hof ist sie schon lange nicht mehr gekommen. Ich frage einen Mitarbeiter im Gesundheitswesen, ob es hier überhaupt möglich ist Kniegelenkprothesen einzusetzen, aber das scheint nicht der Fall zu sein – da bleibt nicht viel an Therapiemöglichkeiten übrig.  Pastor Abdias ist noch sehr mobil und aktiv, aber auch er hat deutliche gesundheitliche Einschränkungen: der Diabetes muss mit mehreren Medikamenten behandelt werden, hat aber wohl schon Schäden an den Augen hinterlassen.

So merken wir mehr und mehr, wie die erste Generation die Konsequenzen des Alters spürt und die Möglichkeiten immer eingeschränkter werden. Zwar hat die Kirchenleitung das Rentenalter ein paar Jahre heraufgesetzt, damit der Pastorenmangel nicht ganz so schwer zu verkraften ist, aber jünger ist dadurch auch niemand geworden. Und so tut es gut zu sehen, dass da junge engagierte Christen sind, die Verantwortung übernehmen, manche Dinge anders anpacken und so der Kirche helfen in dieser sich so schnell entwickelnden Zeit am Ball zu bleiben. Gleichzeitig aber begegnen sie den Älteren mit Respekt und Bescheidenheit, was den Übergang sehr erleichtert. Trotzdem: von mir aus dürften die Jungen ruhig noch ein bisschen wilder werden.

 

Eiergeschichten

Zwei Reisetage: gestern Aufbruch nach San – mal wieder – wenigstens bis dorthin dürfen wir noch, ohne zu viel zu riskieren. Aufbruch um 6:00 mit Fahrt in den Sonnenaufgang. Raus aus Bamako, der Smog lichtet sich, die Temperatur fällt auf erstaunliche 16°C. Nach 1,5 Stunde obligatorisches Frühstück in Fana: Nescafé, Brot, Omelette – warum liebe ich das eigentlich so? Weil es schon seit Jahren eine Tradition ist, wir die Leute dort kennen und sie uns, weil es das natürliche unkomplizierte Leben symbolisiert, dass es in Mali immer noch gibt und das uns vor 25 Jahren schon so gefallen hat.

Aber nanu – die schlichte Bretterbude hat sich verändert: jetzt ein abgeschlossenes Mini-Blechrestaurant mit gemauertem und mit Fliesen belegtem sauberen Tisch. Und statt unserer „Omelettefrau“ ist dort ein älterer Herr. Auf meine Frage, ob wir hier frühstücken können, zögert er leicht, stimmt dann aber freudig zu: 4 Gäste auf einmal – das lohnt sich! Wir nehmen Platz und er läuft raus, ruft uns kurz zu, er müsse nebenan nur ein paar Eier holen (aha, daher das Zögern) und rennt los, dreht nach ein paar Metern wieder um und ruft einem jungen Mann zu, dass er sich kurz sein Fahrrad ausleihen würde. Oh, denke ich, das kann dauern, aber schon nach wenigen Minuten kommt er zurück geradelt: auf einer Hand balanciert er eine Palette Eier, während er das Fahrrad durch die stark befahrene Straße steuert. Glücklich und unfallfrei angekommen, putzt er noch einmal den Tisch ab, schmeißt die Eier in die Pfanne, sucht verzweifelt nach einem zweiten Löffel, holt Chlorlösung fürs Händewaschwasser, ruft uns zwischendurch immer mal etwas zu, rührt den Nescafé an, schlägt den Zucker darin schaumig und serviert uns alles Stück für Stück mit atemberaubender Energie. Wir fragen ihn nach der Frau, die sonst immer da war und erfahren, dass er ihr Ehemann ist, länger auf Reisen war, aber jetzt wohl wieder das Geschäft führt. Sofort zückt er sein Handy, ruft seine Frau an und reicht „sie“ uns rüber, damit wir auch mit ihr ein paar Worte wechseln können. Dann bittet er Etienne, den er für unseren Chauffeur hält, doch seine Nummer aufzuschreiben und beim nächsten Mal vorher anzurufen, damit er schon alles vorbereiten kann. Dann würden wir sehen: alles noch viel schöner, auch der Boden gefliest und die Küche besser ausgestattet.

Ganze 3 Euro hat unser Frühstück für 4 Personen gekostet – das ist ja nun wirklich sehr sehr günstig, aber diese Fröhlichkeit, dieses Engagement, um uns freundlich, sauber und angemessen zu bewirten, dieses serviceorientierte Geschäftsmodell, diese Atmosphäre am Straßenrand von Fana, das ist einfach unbezahlbar!