Strömungsverhältnisse

Nach einem langen Sitzungsvormittag mit Daniel, dem Leiter unserer Hilfsorganisation, kommen am Nachmittag auch die anderen Mitglieder des Leitungskomitees an: fünf Herren und eine Frau. Es ist schön, ihnen hier so miteinander zu begegnen, denn seitdem wir nicht mehr in den Norden fahren können, sehen wir uns nur noch selten und so sitzen wir unter einem Strohdach zusammen und plaudern. Das Gespräch kommt auf die staatliche Stromerzeugergesellschaft zu sprechen. Alle leiden unter den ständigen Stromausfällen – besonders in der heißen Zeit, wo man ihn am dringendsten braucht. Man weiß aus sicherer Quelle zu berichten, wo der ganze Strom und das viele Geld abbleiben. Viele Politiker beziehen reichlich Strom (und versorgen damit die gesamte Großfamilie), bezahlen aber keine Rechnungen und niemand traut sich, ihnen den Strom abzustellen. Und dann gibt es die Leute von der Stromgesellschaft selbst, die Deals mit Großabnehmern machen nach dem Motto: die Rechnung wird nur auf 1/3 des Verbrauchs ausgestellt und die anderen 2/3 teilen wir uns. Weiterhin gibt es da die Elektriker, die sich darauf spezialisiert haben, Zähler entweder zu manipulieren oder die Zugangsleitung so anzuzapfen, dass der Zähler umgangen wird. Aber auch der Kleinverbraucher hat so seine Mittel und Wege: der Zähler wird zwar ordnungsgemäß draußen gut zugänglich angebracht, aber dann der Hund unmittelbar darunter festgebunden, sodass der Stromableser freiwillig unverrichteter Dinge weitergeht. Oder der Nachbar bekommt großzügig einen Unterzähler angeboten. Das spart eine Menge Geld, weil die Installationskosten des Stromunternehmens wegfallen – aber dann werden die Kabel so geschickt verlegt, dass auch der Verbrauch des Stromgebers über den Nebenzähler läuft und der Nachbar so alles zahlt. Die Tricks sind reichhaltig und alle kennen sie. Kürzlich wurde jemand Chef des Stromanbieters, der vorher bei einer Großbank gearbeitet hatte und seinen Job begann er damit, dass er sagte, er habe eigentlich alles, was er brauche und benötige kein Schmiergeld. Und dann fing er an aufzuräumen: Brachte Regelungen auf den Weg, durch die auch die hohen Tiere plötzlich ihre Stromrechnung zahlen mussten, deckte die heimlichen Absprachen auf usw. Aber es dauerte nicht lange, da war er im wahrsten Sinne des Wortes in den Ruhestand befördert worden, sprich: nun sitzt er irgendwo im Ministerium, wo er niemandem etwas tun kann, liest Zeitung und wartet auf Dienstschluss. Es ist überall dasselbe auf dieser Welt: wenn du zu vielen oder zu wichtigen Menschen gleichzeitig auf die Füße trittst, zieht dir das bald selbst die Beine weg…

Es ist überall dasselbe, nur scheinen sich die Malier daran so gewöhnt zu haben, dass sie diese Geschichten lachend erzählen. So sei das halt in Mali. Wut kommt da keine mehr auf, obwohl sie die Leittragenden sind. Und einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss gibt es hier dann für solche „Kleinigkeiten“ auch nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.