Nebenbeigespräche

Treffen mit dem Kirchenleitungskomitee: nicht mehr stickige Hauptstadt Bamako – stattdessen frische Luft am Rande de Nigerflusses in Segou. Nicht mehr schlafen bei Straßenlärm und Staub im Haus – stattdessen im Zelt auf dem Hof des Gemeindezentrums. Der Wechsel tut gut. Auf der Tagesordnung stehen viele wichtige und zum Teil auch anstrengende Gespräche aber auch wegweisende Überlegungen zur Zukunft der malischen Kirche. Zwischendurch und am Abend sitzen wir zusammen und unterhalten uns über ganz andere, manchmal viel spannendere Themen. Ein paar kleine Beispiele gefällig?

Das war für uns neu: bei einigen Ethnien geht traditionell der Brautvater nicht zur Hochzeit seiner Tochter (hat er jetzt ausgedient??). Er bleibt einfach zuhause – immerhin, man bringt ihm seine Portion des Hochzeitsessens, aber sonst hat er keine Funktion mehr bei Trauung und Fest. Die Mutter ist da, die

Wo ist der Brautvater?

Geschwister, die ganze Großfamilie – aber Papa sitzt zu Hause und tut nichts. Zwar halten sich da mittlerweile nicht mehr alle dran und das sei auch o.k., sagt uns M., der uns diese Geschichte erzählt, aber bei vielen wird das noch so gehandhabt. Er allerdings habe seine Tochter beim Einzug in die Kirche bis nach vorne gebracht und wurde dafür auch nicht schief angesehen.

E. erzählt uns von einer Karte, die ältere Leute vorzeigen können, damit sie beim Schlagestehen z.B. bei Behördengängen nach vorne gelassen werden. Das sorgt nicht bei allen Beteiligten immer für Freude und Verständnis. Bei einer Gelegenheit regt sich ein junger Mann darüber auf, der meint, er hätte es doch mindestens genauso eilig. E., der auch mit in der Reihe steht, ist da ganz praktisch und erläutert dem jungen Meckerer, dass es ja sein könne, der „Alte“ müsse mal auf Toilette, dann könne er das nicht halten und dann… Wie peinlich das doch wäre! Ein überzeugendes Argument, das sieht auch der junge Mann ein und wie zur Bestätigung passierte genau das und die Dunkelfärbung der Hose eines älteren Mannes unterstreicht die Erläuterungen von E., Sozialkunde mal ganz praktisch!

R., eine gestandene und sehr gebildete Frau Ende 50 erläutert uns und dem dabei sitzenden Pastor, wie schwierig es für Frauen in der Menopause sei, was sie alles für Beschwerden hätten und dass man manches einfach nur ertragen müsse. Verständnisvoll nickt der Pastor, lächelt und fügt hinzu, dass man dann auch keine Freude mehr an dem hätte „wovon man den Namen jetzt nicht sagt…“ Es ist schon manchmal sehr verblüffend bodenständig, was hier so an Nebenbeigesprächen läuft…

Gespräche im vorweihnachtlichen Gemeindehaus in Segou

T., ein Pastor, der mit uns bisher nur selten ernsthafte Gespräche geführt hat, sondern lieber rumblödelt, spricht sehr leise und heiser – ganz anders als wir es sonst von ihm gewohnt sind. Wir fragen nach und er erzählt sehr offen, dass im vergangenen Jahr einige Familienmitglieder, darunter auch sein jüngerer Bruder, gestorben sind. Erst habe er den Stimmverlust, der nun schon einige Monate andauert und seine Arbeit als Pastor sehr erschwert, für eine organische Krankheit gehalten. Irgendwann aber wurde ihm klar, dass das eine Reaktion auf die schwere Belastung durch die Todesfälle in seiner Familie ist. Wir sind überrascht davon, wie offen er uns gegenüber eine mögliche psychosomatische Ursache thematisiert.

Oft sind es gerade diese kleinen Gespräche hier und da, die viel wichtiger sind als die offiziellen Sitzungen, um sich zu verstehen, Zwischentöne wahrzunehmen und sich weiter kennen zu lernen.

P.S.: unser Gepäck liegt oder fliegt immer noch an unbekannten Orten. Unsere Garderobe ist etwas reduziert, aber zum Glück trocknet ja hier alles schnell und wir hatten Zahnbürsten im Handgepäck 🙂

 

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