Auf die Müllhalde geflüchtet

2018 fing es an – immer wieder massive Konflikte zwischen den Ethnien der Peulh und der Dogon. Das jahrhundertelange Zusammenleben von Viehhirten und Ackerbauern wurde durch wechselseitige tödliche Angriffe abrupt beendet. Hass statt friedlicher Nachbarschaft. Gewalt statt Konfliktlösung durch Verhandlungen. Dort wo mehrheitlich Peulh wohnten, wurden die Dogon vertrieben und umgekehrt. Wem sein Leben lieb war, der suchte das Weite. Aber was heißt „das Weite“? Im Lande herumirren, vielleicht zu irgendwelchen entfernten Verwandten, oft in die Hauptstadt Bamako, die eh schon völlig überfüllt ist und ständig wächst. Aber was sollen Nomaden, Viehhirten in der Großstadt? Einziger Platz, wo man sich niederlassen konnte, war eine riesige Müllkippe, wo die Bewohner Bamakos ihre Abfälle hinbringen ließen. Das war das neue Zuhause: Leben auf Plastiktüten, Autoreifen, Blechdosen, Essensresten – natürlich alles illegal. Die lokalen Behörden griffen irgendwann ein, versuchten eine Umsiedlung in andere Gebiete außerhalb der Stadt, aber mittlerweile hatte sich ein neues Gefüge entwickelt. Manche verdienten sich mit etwas Brauchbarem aus dem Müll etwas Geld, ein paar Hirten kauften sich krankes Vieh, päppelten es auf und verkauften es weiter. Ein kleiner Markt war entstanden – das bisschen, was man sich erarbeitet hatte, wollte man nicht einfach aufgeben – selbst wenn es auf einer Müllhalde ist. Mit Hilfe von diversen Organisationen und Privatinitiativen wurden die Lebensbedingungen ein wenig verbessert: Etwas Erde auf den Müll kippen, eine Tiefbohrung für das Trinkwasser und hier und da ein ummauertes Loch als Toilette. So etablierte sich das Flüchtlingscamp in Bamako-Faladié und mittlerweile leben hier fast 650 Familien bzw. 4.000 Menschen. Auch an den Hütten lässt sich erkennen, wie zusammengewürfelt alles ist: hier und da gibt es ein paar Sperrholzhütten mit Blechdach, direkt daneben solche, die komplett aus Blech sind – mittags im Mai bei schon im Schatten 45°C kann sich dort wohl kaum ein menschliches Wesen aufhalten. Und vor allem Hütten aus Stroh, Zweigen, Karton, Plastiktüten – halt alles, was man so finden kann. Zweimal schon hat es ein großes Feuer in diesem Flüchtlingslager gegeben und es ist nicht schwer sich vorzustellen, wie schnell dort alles niederbrennen kann.

Wir bewegen uns fröhlich grüßend und schwatzend zwischen den Hütten. 70% der Leute hier sind Peulh und da wir ihre Sprache sprechen, sorgen wir für viel Verwunderung und wirken vielleicht etwas weniger als Fremdkörper. Die Stimmung ist keineswegs gedrückt oder hoffnungslos. Es fühlt sich fast an wie früher bei meinen Reisen in die Peulhdörfer – aber alles improvisiert und im Hintergrund die Skyline of Bamako.

Cissé, der uns alles erklärt und uns diversen Menschen vorstellt, arbeitet schon lange hier – wohl zu Beginn ehrenamtlich, jetzt aber hauptberuflich – sieben Tage die Woche. Er zeigt uns einen kleinen Raum, der als Krankenstation dient. Dreimal pro Woche kommt hier ein junger Arzt hin, um zu konsultieren und ein paar Medikamente zu verschreiben, die im Nachbarraum, der „Apotheke“, aufbewahrt werden. Dreimal pro Woche für 4.000 Menschen in erbärmlichen hygienischen Verhältnissen – keine Ahnung, wie das gehen soll. In Leipzig habe ich selbst mehrere Jahre in einem Flüchtlingscamp Sprechstunde gehalten. Da fand ich die Möglichkeiten schon sehr begrenzt, aber hier… Und im Moment ist Trockenzeit – ich möchte mir gar nicht vorstellen, was hier in der Regenzeit abgeht!

Was hier an Hilfe ankommt, ist ein bunter Flickenteppich von staatlichen Maßnahmen und diversen Menschen und Organisationen, die mal hier mal da etwas beisteuern und dann wieder verschwinden. Cissé versucht das irgendwie zu koordinieren und dabei im Auge zu behalten, dass niemand bevorzugt wird. Respekt!

Wir verabschieden uns, Amadou fährt uns mit seinem Motorrad voraus, damit wir den Weg aus dem Camp finden. Dogon und Peulh zusammen – beide auf der Flucht vor dem jeweils anderen und doch jetzt verbunden in ihrer Heimatlosigkeit. Könnte das hier nicht ein Beginn für Versöhnung sein? Mitten auf der Müllkippe? Könnten unsere mehrheitlich von Dogon besuchten Kirchen in Mali vielleicht eine Rolle dabei spielen?

 

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