Keine großen Worte

Zurück aus Mali. Mal wieder der übliche und doch so ungewöhnliche Wechsel. Ich sitze im Wohnzimmer bei einer guten Tasse Darjeeling und bin verwundert, wie ruhig es ist. Leipzig, eine Großstadt und doch ist es fast ganz still. O.k., die Fenster sind zu, denn die Temperaturen sind nicht an malische Verhältnisse angepasst. Und trotzdem: es ist so ruhig hier. Wo ist das Gewusel? Wo ist der Muezzin, der schon im 3:30 scheinbar nicht mehr schlafen kann oder will? (Oder ist der nur vom Band mit Zeitschaltuhr?) Wo sind die knatternden Generatoren, die heulenden Motorräder, die dröhnende Musik? Ich sitze einfach nur da, genieße die Stille und vermisse gleichzeitig das bunte laute Leben. Zurück aus Mali – zurück in Deutschland.

Einmal San und zurück

Statt von den nicht so spannenden Sitzungen des Kirchentreffens zu erzählen vielleicht lieber ein paar Randgeschichten:

Morgens vor dem Frühstück sitzen alle im Kreis und plaudern – in geduldiger Hoffnung auf baldigen Kaffee, Weißbrot und, wer Glück hat, ein bisschen Mayonnaise. Dabei läuft Abdias zu Hochtouren auf. Er ist ein eher klein und stämmig gewachsener Pastor, springt zwischen den Teilnehmer herum und erzählt wild gestikulierend Geschichten, von denen ich leider nur die Hälfte verstehe, weil sie aus einem bunten Gemisch aus Französisch und Bambara sind. Er bringt alle zum Lachen und man entdeckt hier plötzlich den Komiker in ihm – eine ganz andere Seite des in seinen Predigten eher ernsten Pastors.

Die Sitzungsleitung hat Prospère, ein kamerunischer Missionar, der seit vielen Jahren in Mali ist. Er führt ein strammes Regime, hält die Zeiten ein und wer sich nicht rechtzeitig gemeldet hat, dem wird kurzerhand das Wort abgeschnitten. Dabei hat Prospère ein so charmantes Lächeln und man weiß nie, was er ernst und was spaßig meint, sodass man ihm einfach nicht böse sein kann (ich schon gar nicht, denn diese langen Sitzungen sind schon eine heftige Geduldsprobe für mich).

Nicht fehlen darf bei einem solchen Treffen ein gegrilltes Schwein – frisch geschlachtet von den jungen Leuten. Moussa läuft mit einer Liste herum und schreibt die Interessierten auf, die dann am Tag danach für knapp 4 Euro einen Teller Schweinefleisch aus dem Holzkohleofen bekommen. Kaum einer, der da nicht zugreift (außer mir 😉).


 

 

Das Handyproblem wird so gelöst, dass eine Zeit lang ein kleiner Generator läuft, der mit den Steckdosen verbunden wird. Die zapfen dann alle an und laden ihre Akkus auf. Am Freitagabend findet ein Fußballspiel von ein paar ortsansässigen Geschäftsmännern statt und dafür wird der hauseigene Generator eingeschaltet: 40 Liter Diesel pro Stunde schluckt das Teil, wenn das Flutlicht eingeschaltet wird. Wer hat, der hat!

Die Rückfahrt geht etappenweise: von San fahre ich am Freitag noch nach Segou, übernachte dort und um kurz nach 6 geht es morgens nach Bamako. Die 240 km dauern knapp 3 Stunden bis kurz vor Bamako. Dann aber bricht der Verkehr völlig zusammen: Morgen ist das Ende des Ramadans und ganz Bamako ist auf den Beiden oder vielmehr Rädern, um noch einzukaufen. Zig Rinder werden in die Stadt gekarrt – nicht wissend, dass dies ihre letzte Fahrt ist. Alle stehen unter Strom und der Verkehr kommt fast völlig zum Erliegen. Die 20 km bis zum Zentrum der Allianz-Mission dauern länger als die 240 km davor. Noch bis tief in die Nacht gehen die Vorbereitungen weiter, sagt mir „Vraiment“, mein Taxifahrer – der Markt bleibt wohl bis zum Morgen geöffnet. Dagegen ist der Samstag vor dem 4. Advent bei uns völlig entspannt.

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Geduldige Gelassenheit

Jahreshauptversammlung mit 60-70 Kirchenvertretern aus (fast) dem ganzen Land. Wir treffen uns in einem Stadion außerhalb Bamakos, was die Kirche zu diesem Zweck angemietet hat – nicht wegen des Spielfeldes, vielmehr wegen der Räumlichkeiten: geschlafen wird in den Spielerkabinen und dem Physiotherapieraum. Außerdem sind es die sanitären Anlagen, die der Grund dafür sind, dass wir uns hier eingemietet haben, weil diese im Stadion reichhaltiger sind als anderswo. Die sanitären Anlagen… nun, das war wenigstens der Grundgedanke, aber hier angekommen mussten wir feststellen, dass der Zustand – selbst für malische Verhältnisse – nicht gerade erfreulich war. So weit so gut, dann stellten wir fest, dass kein Wasser aus den Hähnen kam. Ja, das würde nur von 18:00 bis mittags funktionieren. Um 19:00 war aber immer noch nichts da. Also füllten die armen Frauen Eimer für Eimer aus dem einzig funktionierenden Hahn mitten im Hof, damit wir uns nach dem heißen Tag „duschen“ konnten. Außerdem, so wurden wir gebeten, bitte reichlich Wasser nach dem Toilettengang nachschütten, damit der Geruch nicht in die Schlafräume nebenan dringt. 24 Stunden später kommt immer noch kein Wasser.

Dann der nächste Schlag: Der Strom… ja, der Strom… leider ist der Trafo durchgebrannt und ein neuer zu teuer – sorry, aber Strom gibt’s diesmal nicht, also auch kein Ventilator, kein Licht.

Eigentlich eine unglaubliche Situation. Wie kann man unter diesen Bedingungen eine Jahreshauptversammlung bei 40°C im Schatten abhalten. Und bei allem inneren Kopfschütteln meinerseits fasziniert mich wieder einmal diese unglaubliche Gelassenheit meiner malischen Glaubensgeschwister: Es wird über die Ursachen des Problems diskutiert, Alternativen für’s nächste Mal abgewogen, überlegt, ob man woanders nicht besser aufgehoben wäre. Aber trotzdem lebt man einfach mit der Situation, so, wie sie ist. Worte wie „unerträglich“ oder „Zumutung“ fallen nicht, keiner beschwert sich bei den Organisatoren. Weil das Licht nicht geht, verschiebt man die Abendveranstaltung einfach nach vorne und nach draußen. Geht doch auch… Und das sind hier nicht nur ganz einfache Leute irgendwo aus einem kleinen Dorf. Viele der Kirchenvertreter haben verantwortungsvolle Posten und gute Gehälter auf ihrer Arbeit und wohnen in Häusern mit zumindest für Malier gehobenen Komfort. Aber das größte Problem, was ich immer wieder höre, ist: „Wo können wir denn dann unsere Handys aufladen???“

Aufgeben oder weitermachen?

Bisher habe ich noch kein Wort über meine „Sonderprojekte“ der letzten Jahre verloren. Das hat seinen Grund…

Das Wicking-bed wurde endlich bestückt mit Salat und roter Beete – und tatsächlich funktionierte es gut. Der lockere Boden, die Zirkulation des Wassers und der Nährstoffe sorgten für ein rasches Wachstum. Aber dann: es freuten sich offensichtlich nicht nur die Pflanzen an dem feuchten lockeren Boden. Nach kurzer Zeit wurden die Blätter trocken und die Pflanzen starben ab. Angeknabberte Wurzeln waren der Grund – ob durch Wühlmäuse, Würmer oder was auch immer für ein Getier, jedenfalls entwickelten sich die Pflanzen auf den Nachbarbeten fröhlich weiter aber die vom Wicking-bed starben ab. Frust auf allen Seiten!

Und das Aquaponik-Projekt? Na ja, nicht ganz so schlimm, aber auch keine Erfolgsstory: Die ersten Salatpflanzen gediehen gut, bis der Wächter irgendwann fand, dass es bestimmt nicht gut sei, wenn die Pflanzen ständig Wasser haben und er vorsichtshalber mal die Nacht über die Pumpe abstellte: am Morgen war alles vertrocknet…

  1. Versuch: wieder wurde Salat gepflanzt, wieder fing er an zu wachsen und dann kamen die Mäuse, freuten sich und fraßen alles ratzeputz ab.

Wenigstens einige Fische leben noch, wenn auch ihr Wachstum nicht so schnell ist, wie ich mir das gewünscht hätte, um schon mal probieren zu können, wie sie so schmecken. Aber da war ich zu ungeduldig – sie brauchen halt noch. Auch das Ebbe-und-Flut-System ist recht anfällig – mal geht es mal nicht.

Was soll man sagen: 80-90% Misserfolg. Manchmal war ich geneigt, es einfach zu beenden, aber dann wiederum will ich es doch wissen. Jetzt versuchen wir es mit Zwiebeln – die schmecken Mäusen nicht. Und wenn das gelingt, dann vielleicht nochmal mit Salat und einem Drahtaufsatz. Aber jetzt müssen erst mal die Fische durchkommen!

Dabei ist das ja nichts Außergewöhnliches, wenn man hier arbeitet. Wie oft stellte sich mir diese Frage – aufgeben oder weitermachen? – in den vielen Jahren, die wir in Mali lebten und später im Hin und Her zwischen den Welten. Und dabei ging es nicht nur um ein paar Salatköpfe oder Fische. Immer wieder kamen und kommen wir an unsere Grenzen, wenn Dinge nicht so liefen, wie wir uns das vorgestellt hatten, wenn wir selbst hinter unseren Erwartungen zurückblieben, wenn wir an kulturelle und sprachliche Barrieren stießen, wenn der Kopf sich bei der Hitze anfühlt, als hätte man ihn einmal durchgeschüttelt und dann leer gepumpt, wenn, wenn, wenn…

Aufstehen, Krone richten, weiter gehen – mit Gottes Hilfe!

 

Taxitalks

Da ich mich in der Stadt oft mit dem Taxi fortbewege, habe ich immer wieder Gelegenheit zu kurzen Gesprächen mit Menschen, denen ich manchmal nur dies eine Mal begegne. Man kann für recht wenig Geld mit den knallgelben Kisten, die Europa freundlicherweise in Afrika entsorgt hat, in die Stadt fahren, braucht sich nicht um den Verkehr zu kümmern, schwitzt ein bisschen mehr und atmet Staub und Abgase durch das offene Fenster aber profitiert von den Schleichwegen, die nur die eingefleischten Taxifahrer kennen. Der normale Taxifahrer arbeitet für seinen „Patron“, das heißt, jeden Tag drückt er umgerechnet 15 Euro ab für die Nutzung des Autos – Sprit geht auf seine Rechnung, Reparaturen muss der „Patron“ zahlen. Das Geld muss erst mal eingefahren werden, bevor der Taxifahrer Gewinn macht. Mich kostet eine Fahrt in die Stadt ca. 2,30 – da braucht es schon einige Fahrten, bevor es sich lohnt, denn die 15 Euro sind fällig, auch wenn man den ganzen Tag keine Kundschaft findet. Seit einigen Jahren sind Motorradtaxis als Konkurrenz dazu gekommen – aber es reicht ein kurzer Blick auf deren Fahrstil und ich nehme gerne Abstand…

Die Gespräche im Taxi sind dann sehr unterschiedlich. Manche Fahrer lassen sich kaum aus der Reserve locken, die meisten aber plaudern munter drauf los. Ob Politik, die Straßenverhältnisse, die Lebenshaltungskosten oder Religion – oft ist es leicht ins Gespräch zu kommen. Soumaila, mein „Haus- und Hoftaxifahrer“ (direkt um die Ecke und meist zuverlässig) ist eigentlich sehr kommunikativ, aber leider ist sein Französisch nicht sehr entwickelt und mein Bambara noch viel weniger. So stecken wir öfter fest im Gespräch und wenn er überzeugt „vraiment!“ (tatsächlich! wirklich!) sagt, bin ich nie ganz sicher, ob er mich verstanden hat oder es ein Lückenfüller ist. Gerade jetzt zum Ramadan frage ich viel nach, wie das denn mit dem Fasten ist, warum sie eigentlich fasten, was für viele eine erst einmal überraschende Frage ist, weil es hier einfach dazu gehört. „Für hier macht das nicht wirklich einen Unterschied“, sagt mir einer, „aber nach dem Tod, da bringt das Segen.“ Es ist eigentlich leicht dann miteinander ins Gespräch zu kommen, dass wir Christen fasten, ohne dass das ein Muss ist, dass wir mit Jesus keine Zusatzleistungen für das Paradies brauchen. Aber immer wieder stoße ich an sprachliche Grenzen. Wenn es im Gespräch tiefer geht als „vraiment“, dann wechselt mein Gesprächspartner schnell ins Bambara und ich bin raus. Dass ich Peulh spreche, finden viele zwar interessant, hilft uns aber hier in Bamako nicht weiter. Immer wieder bin ich dann motiviert, doch noch Bambara zu lernen, obwohl ich natürlich weiß, dass sich eine Sprache nicht nebenbei lernen lässt und erst recht nicht, wenn man ein Niveau erreichen will, wo man solche Gespräche führen kann. So kann ich nur beten, dass Jesus hier und da trotzdem solche kleinen Gelegenheiten nutzt, um seine Liebe zu den Muslimen zu zeigen. Vraiment!

Morgenstimmung

Heute Morgen sitzen Manuel und ich beim Frühstück auf dem Dach. Das Müsli ist importiert aber Mangos, Papayas und Bananen sind lokal und unglaublich lecker! Die Sonne versteckt sich noch hier und da unter ein paar Wölkchen und wenn sie dahinter hervorkommt, ist sie auch noch zu ertragen. Der Dieselgenerator, den unsere Nachbarn wegen Schweißarbeiten (nein, nicht die Arbeiten im Schweiße ihres Angesichtes, sondern die am Schweißgerät!) den ganzen Tag laufen lassen und dessen lautes knattern einem ziemlich auf die Nerven gehen kann, ist noch im Ruhezustand und somit kann man auch mal ein paar Vögel zwitschern hören.

Wir unterhalten uns über Möglichkeiten in Mali zu entspannen, auszuruhen, Abwechselung zu finden, was nicht so einfach ist. Klar, hier in der Hauptstadt gibt es – anders als auf dem Dorf oder in einer Kleinstadt – auch schon mal Konzerte oder andere kulturelle Veranstaltungen, aber da man sich als Bleichgesicht ja nicht so viel in der Öffentlichkeit zeigen soll, ist das kaum eine Alternative. Und für manches ist es einfach zu heiß!

Ich erinnere mich, wie wir früher manchmal an Sonntagnachmittagen als Familie im Norden Malis nicht so richtig wussten, was wir machen sollten. Oft brannte die Sonne zu sehr, um einen Ausflug zu machen. Gesellschaftsspiele waren zwar anfangs nett, aber schon nach kürzester Zeit wurde einer unserer Jungs wütend, weil er verlor, die Welt ungerecht fand und auch schon mal alle Spielfiguren vom Tisch fegte (heute sind sie ganz anders!!). Also das war auch nicht der Brüller. Oft haben wir Eltern dann gelesen, die Kinder mit Duplo und Playmo gespielt. Aber es gab auch Highlights, wenn wir miteinander Indianer gespielt haben und dann ein frisch geschlachtetes Huhn auf Tuaregart im mit Holz vorgeheizten Sand gegrillt haben.

Das machen Manuel und ich heute nicht. Und jeder muss irgendwie finden, wie er nach der Arbeit einen Ausgleich findet. Beim Unterhalten fällt mir eine Begebenheit aus „alten Zeiten“ ein: In unserem Wohnort von früher gab es tatsächlich ein Open-Air-Kino. Meistens wurden dort nur irgendwelche indischen Schnulzen gezeigt mit viel Musik und Tanz – nicht so ganz meins… Aber irgendwann stand tatsächlich mal ein recht netter Spielfilm auf dem Programm: Sandra Bullock in „Miss Congeniality“ – das war doch mal eine Abwechslung! Also kräftig Anti-Mückenspray und ab ins Kino. Der 16 mm-Projektor ratterte fröhlich los – das war noch richtig Originalkino! Aber leider, leider funktionierte der Ton nicht. Die Techniker machten das Gerät an und wieder aus, bastelten, versuchten es nochmal. Es ging nicht und dann ließen sie schließlich den Film einfach laufen – is halt so. Nachdem mir klar wurde, dass das jetzt so weiter gehen sollte, habe ich mich beschwert – schließlich ist Sandra Bullock ja nicht Charly Chaplin, der wäre auch ohne Ton gegangen. Und so gaben sich die Techniker wieder ans Basteln. Fast alle Mitgucker waren, so wenigstens meine Wahrnehmung, dankbar für mein Einschreiten – anders aber ein gehörloser Kinobesucher. Der war richtig sauer auf mich, dass ich sein Kinovergnügen unterbrochen hatte 😊.

Das Ende vom Lied: sie haben es hinbekommen, Sandra konnte wieder reden und ob mit oder ohne Gehör: wir haben den ganzen Film schauen können!

Sanfter Übergang

In den vergangenen Tagen liefen verschiedene Gespräche, um zu klären, wie es mit „unserer“ malischen Hilfsorganisation weiter geht. Daniel, der die Arbeit seit vielen vielen Jahren leitet, geht Ende 2025 in Rente und nachdem wir in den letzten Jahren immer wieder miteinander überlegt haben, wie es weiter gehen kann, ist es jetzt Zeit Nägel mit Köpfen zu machen.

Es ist ein unglaublicher Schatz, dass wir einige Mitarbeiter haben, mit denen wir seit über 30 Jahren zusammenarbeiten, die ihre berufliche Laufbahn mit uns begonnen haben und bis heute mit uns unterwegs sind. Aber jetzt heißt es Neues zu wagen und da hat das malische Team einen guten Weg gefunden: Moussa, der ebenfalls schon so lange mit uns arbeitet und ein Jahr länger arbeitet als Daniel, wird im kommenden Jahr die Verantwortung übernehmen und in dieser Zeit wird Manassé, ein junger Arzt, der im AIDS-Projekt arbeitet, eingearbeitet, um 2027 den Staffelstab zu übernehmen.

Dann startet eine neue Generation! Gestern im Gespräch mit den Dreien habe ich betont, dass Manassé nicht denken soll, wir würden uns wünschen, dass alles so weiter läuft wie bisher, sondern dass wir daran interessiert sind, dass er und seinen Kollegen auch Neues einbringen. Seine Generation ist ganz anders groß geworden als Daniel und Moussa. Sie kommunizieren anders, sie haben andere Ideen, mehr Kontakt zu anderen Teilen dieser Welt und auch das ist ein Kapital, das nicht ungenutzt bleiben soll. Das hat ihn sichtlich erleichtert. Aber es wird noch eine spannende Aufgabe miteinander Bewährtes weiterzuführen und gleichzeitig mutig Neues anzugehen.

Ich bin gespannt und freue mich auf die Zusammenarbeit, die anderen Impulse und hoffe, dass das gegenseitige Vertrauen auf der Basis der langjährigen Zusammenarbeit mit den „Altvorderen“ Stück für Stück wächst.

Geht’s voran bei Beerscheba?

Manchmal wünschte ich mir ein bisschen mehr Geschwindigkeit bei der Umsetzung dessen, was geplant ist. So viele Jahre sind jetzt schon vergangen, seitdem der Gedanke aufkam in Mali ein ähnliches Projekt zu beginnen wie im Senegal – wo junge Leute ausgebildet werden, um eine effektive Landwirtschaft zu betreiben, die gleichzeitig ökologisch und – wie es so heißt – biologisch ist. Wo sie gleichzeitig angeleitet werden, wie man als junger Mensch in Mali als Christ leben kann und dazu noch lernen, wie man ein kleines Unternehmen aufbauen und es wirtschaftlich gut entwickeln kann. Aber noch ist kein einziger Auszubildender auf dem großen Grundstück 2 Stunden entfernt von Bamako. Wann geht es denn endlich los, scharre ich innerlich mit den Füßen.

Am Samstag fuhr ich mit E.T., dem Koordinator und E.S. dem Leiter des Vereins ins Dorf Bougoula, wo das Projekt angesiedelt ist. Unterwegs unterhalten wir uns lange, wann fängt es an, was wird noch gebraucht, wer ist für was verantwortlich, wie sind die Entscheidungswege, welches Personal ist erforderlich…? Immer wieder stellen wir (ohne es zu thematisieren) fest, dass vieles an unserer Herangehensweise unterschiedlich ist. Wir sind die Planer, sie sind die Meister der Improvisation, wir wollen Ergebnisse sehen, sie gehen lieber Stück für Stück voran. Keiner der Ansätze ist richtiger als der andere und immer wieder hoffe ich, dass wir uns ergänzen und in unserer Unterschiedlichkeit schätzen.

 

Bei Beerscheba angekommen hat sich dann doch einiges getan: Die Gebäude für Schlafräume, Küche und Seminarraum sind schon weit fortgeschritten. Man hat sich auf eine sehr interessante Bauweise aus lokalen Bruchsteinen statt Zementziegeln entschieden, was länger haltbar und auch klimatisch deutlich angenehmer ist. Leider hat ein Buschfeuer ziemlichen Schaden auf dem Gelände angerichtet aber – Gott sei es gedankt – kaum etwas an Technik und Gebäuden beschädigt.

Und, so der Plan: ein erster Ausbildungsgang soll im November starten. Das lässt hoffen! Und auch da ist unsere Herangehensweise unterschiedlich: während der malische Koordinator erst die Finanzen stehen haben möchte und noch auf externe Geldgeber wartet, würde ich sagen, man solle doch lieber mal klein anfangen – auch ohne viel Geld. Ob wir uns in der Mitte einigen? Ob genug Finanzpartner gefunden werden, damit alles wie gewünscht starten kann? Ob der Start nochmal verschoben wird? Ich bin gespannt und versuche auch innerlich die malischen Freunde ihr Tempo gehen zu lassen.

Schuster, sind die Schuhe fertig?

Kennt Ihr dieses alte Kinderspiel? Die Kids auf den Knien – so ähnlich wie Hoppe-Reiter, aber nicht so brutal! Heute aber im wörtlichen Sinne.

Ich bin immer wieder fasziniert, wie viele Dinge, die wir hemmungslos wegwerfen würden, hier noch aufgearbeitet werden:

Meine uralten Sandalen, die ich vor Jahren in Deutschland für ein paar Euro erworben habe, machen sich hier super, weil sie luftig sind, und die braune Farbe eignet sich perfekt für den Straßenstaub Bamakos. So sieht man nicht, wie lange sie schon nicht mehr geputzt wurden. Aber die Hitze macht ihnen natürlich zu schaffen und so ist die Sohle gerissen. Mein erster Impuls: ab in den Müll – der zweite Gedanke: versuch‘s einmal beim Schuster um die Ecke (schließlich hat er vor Jahren meine Arzttasche, die ich extra dafür mit nach Mali genommen habe, repariert – neuer Reißverschluss – hält immer noch…). Also die Sandalen in eine Plastiktüte und ein kurzer Besuch bei ihm, der wie immer auf einer Holzbank hinter seinem kleinen Blechladentisch sitzt.

Und tatsächlich, kein Problem: Ein Stück alter Autoreifen wird zugeschnitten, angepasst und mit verschiedenen Klebern auf der kaputten Sohle befestigt. Das Ganze dauert etwa 3 Minuten, kostet ca. 75 Cent und schon sind die Sandalen wieder brauchbar – zwar ist die eine jetzt 2 mm höher, aber bei den unebenen Straßen fällt das nicht auf. Perfekt recycelt – was will man mehr?!

Als ich weiter gehe, treffe ich einen alten Bekannten, G. Diallo, der mir schon vor 30 Jahren Kassetten mit malischer Musik verkauft hat. Er hat sich im Januar den Arm gebrochen, war nicht im Krankenhaus sondern bei traditionellen Heilern. Jetzt, nach 2 Monaten, hat er immer noch kräftige Schmerzen und die Hand dick geschwollen – sieht furchtbar aus, meiner Arztseele wird ganz anders, aber was soll ich machen? Kurzerhand bete ich für ihn mitten auf der Straße, bitte Jesus, dass er ein Wunder tut, die Schmerzen verschwinden und die Hand wieder voll gebrauchsfähig wird. Betet Ihr mit dafür?

Schreckgespenst Rente

Mittlerweile bin ich in einem Alter, in dem ich in Deutschland immer öfter mal den Satz höre, „Und, wie lange musst Du noch?“ Gut, ich gebe zu, es sind keine Jahrzehnte mehr bis zu meiner offiziellen Rente, aber doch noch einige Jahre und dieses „musst Du noch?“ kann ich noch gar nicht nachvollziehen, weil mir die Arbeit nach wie vor viel Spaß macht.

Aber bei vielen ist dies das Lebensgefühl Ende 50 Anfang 60: raus aus dem Arbeitsalltag, machen können, was einem Freude macht, lieber ein paar Abzüge und dafür mehr Zeit…

Hier ist das Bild ein völlig anderes: Landwirte auch dem Dorf haben damit natürlich gar nichts am Hut, aber wer in einem Angestelltenverhältnis steht, der blickt mit Sorge auf die Zeit danach. Besser nicht darüber reden, Augen zu machen und einfach weiterarbeiten, vielleicht merkt es ja keiner. So ist es eine wichtige Vorgehensweise für Arbeitgeber, den zukünftigen Ruheständler mindestens ein Jahr vorher immer wieder daran zu erinnern, dass das Arbeitsverhältnis bald endet. Warum ist das so? So richtig durchschaue ich das nicht. Schließlich haben doch mittlerweile viele in die Rentenkasse eingezahlt und auch wenn das nicht gerade viel ist, bekommen sie doch oft eine Rente, mit der sich (über-)leben lässt. Auch hat mancher sich im Laufe der Jahre irgendwo ein kleines Häuschen gebaut und vielleicht auch noch außerhalb ein Stück Land erworben, wo man Hühner züchten, Salat anbauen, Obstbäume pflanzen kann. Müsste eigentlich doch alles passen. Und doch ist da diese Angst – doch nicht genug Geld zu haben? Nicht mehr gebraucht zu werden? Sein Leben gelebt zu haben? War es das jetzt? Gehöre ich jetzt zu denen, die nur noch Tee trinken und Karten spielen?

Was steht dahinter – obwohl ich öfter nachgefragt habe, komme ich nicht wirklich dahinter.

Vorgestern hatten wir eine längere Unterredung mit einem unserer langjährigsten Mitarbeiter: Ende des Jahres geht er in Rente, seine Unterlagen sind schon bei der Rentenversicherung eingereicht und bald müsste sogar schon zusätzlich zu seinem Gehalt die erste Zahlung kommen. Also eigentlich alles im Lot – und doch sitzt er mit trauriger Miene vor uns und ich habe den Eindruck, wir müssen ihm gut zureden, damit er an der Rente irgendwas Positives sehen kann. Froh bin ich darüber, dass wir uns über die noch zu erledigenden Arbeiten und die stückweise Übergabe seiner Verantwortungsbereiche gut verständigen konnten – schließlich ist in Mali fast alles Verhandlungssache – selbst wenn die gesetzlichen Regelungen klar sind. Nicht zuletzt das Geburtsdatum ist ja relativ: Meint man das, als das Kind das Licht der Welt erblickte, das, was man angegeben hat, damit man schon mal mit dem großen Bruder in die Schule gehen konnte oder das, was man bei der Rentenversicherung angegeben hat???

Es ist uns ein großes Anliegen, dass gerade unsere langjährigen Mitarbeiter nicht wegen irgendwelcher Unstimmigkeiten frustriert ihre Arbeit bei uns verlassen, sondern dass wir uns nach so vielen Jahren gemeinsamen Tuns und manchmal auch Kämpfens mit Freude weiter begegnen und in die Augen schauen können.