Völlig bizarr!

Wir sitzen im Hof bei Pastor Ezechiel. Ein sanfter Wind verscheucht die Hitze des Tages. Das Getreidestampfen der jungen Frauen lässt die Erde zittern. Hier und da schreit ein Kind, eine Ziege sucht einen Schlafplatz auf einem Handwagen, einem Hahn wird kurzerhand von einem Jungen die Kehle durchgeschnitten – den gibt es gleich zum Abendbrot. Die anderen Hühner, die den ganzen Tag über versucht haben, in die kleine Kirche zu gelangen, um der Hitze zu entkommen, hüpfen jetzt auf einen Strauch, um dort die Nacht zu verbringen. Wir spielen Memory miteinander – die ganz jungen und die schon älteren. Eine Achtjährige bindet sich die kleine Schwester auf den Rücken und trägt sie rum, damit sie einschläft. Ein einfacher, fast romantischer malischer Abend – so wie immer. Nach dem Essen, das wir im Schein einer Taschenlampe draußen zu uns nehmen, kommen alle ca. 15 Hofbewohner zusammen und wir beten gemeinsam: für die kranken Familienmitglieder, für meine Reise und auch für Deutschland…

Deutschland – von dort erreichen mich in all der malischen Stille immer wieder Nachrichten: Grenzen dicht, Schulen dicht, Hamsterkäufe, Abschottung, Beatmungsgeräte werden gekauft, Medikamente zur Testung freigegeben. Trump versucht mit großen Summen ein deutsches Unternehmen nach USA zu holen, weil sie in der Impfstoffentwicklung schon weiter sind – America fist – wundert mich das? Aber auch Solidarität, junge Leute, die für die älteren einkaufen gehen wollen. Der Nachbar first – geht auch. Morgen dann die Entscheidung in Deutschland, was mit dem Flugverkehr wird. Muss ich früher zurück? Geht alles wie geplant oder komme ich erst mal gar nicht irgendwo anders hin?

Der Kontrast könnte kaum größer sein. 2 völlig unterschiedliche Welten, zwei komplett entgegengesetzte Situationen. Oder doch nicht? Hier husten im Moment alle. Der Gottesdienst war ein einziges Hustenkonzert heute. Ist Corona vielleicht längst hier und keiner merkt es, weil keiner getestet wird? Aber alle schütteln sich die Hand, trinken Tee aus demselben Glas und lächeln, weil ich mir ständig die Hände wasche…

Mali – Deutschland, der Kontrast war schon immer groß, aber diesmal ist er so ganz anders und es ist gut, dass unsere malischen Geschwister unsere Verletzlichkeit wahrnehmen.

Eine Antwort auf „Völlig bizarr!“

  1. Danke lieber Karsten! Ja, man reibt sich die Augen. Eine überforderte Menschheit angesichts eines winzigen Virus. So schnell wackelt unsere hochgezüchtete Welt. So klein ist sie. Harre auf Gott, meine Seele, denn ich werde ihm noch danken für die Hilfe seines Angesichts! ER segnet und leitet deine Schritte, lieber Bruder!

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