Ein malischer Sonntag

6 Uhr aufstehen ist angesagt – zwar habe ich die Predigt weitestgehend gestern vorbereitet, aber ein paar Sachen muss ich noch korrigieren bzw. umformulieren. Gerlind bringt mir netterweise zwischendurch einen Kaffee und um 8 frühstücken wir dann gemeinsam mit Manuel und Simon. Dies wird Simons erster malischer Gottesdienst und gemeinsam bereiten wir ihn vor: da jeder „Neuling“ sich vorstellt, üben wir ein paar französische Sätze, die er dann souverän vortragen soll. Er ist also bestens vorbereitet! Im Gottesdienst geht wie immer die Post ab – bei den Liedern in Bambara (der Hauptsprache hier) deutlich mehr als bei den französischen Gesängen. Dann kommt die Vorstellungsrunde, aber anstatt dass Simon sich unter Beweis stellen kann, übernimmt der Pastor die Vorstellung seiner ausländischen Gäste. Zu Simon sagt er mit einem Lächeln im Gesicht, dass er noch nicht verheiratet ist. Die Gemeinde reagiert mit einer Mischung aus Lachen, Tuscheln und Raunen. Aber kaum hat er der Damenwelt seiner Gemeinde Hoffnungen gemacht, da pfeift er sie auch schon wieder zurück: nein, nein, da wäre durchaus schon jemand in Deutschland. Wieder geht ein Lachen durch die Gemeinde – diesmal, vermute ich, eher bei den jungen Männern: ein Konkurrent weniger!

Nach dem Gottesdienst werden wir, wie sollte es anders sein, noch zum Essen eingeladen und einmal mehr nehmen wir wahr, wie lecker malisches Essen sein kann. Ich bin gespannt auf die Kilos, die ich zugelegt haben werde, wenn wir zurück in Deutschland sind.

Am Nachmittag kommen dann 2 junge europäische Damen zu Besuch und gemeinsam mit Manuel und Simon feiern wir Advent: mit Kerzen, Stollen und Musik von Händel. Da Advent nahezu keine Bedeutung in Mali hat, vermissen wir das schon und freuen uns an dem gemütlichen, gemeinsamen Zusammensein. J. erzählt uns von ihrem Gottesdienst heute Morgen: ein wirklich alter Mann hat der Gemeinde eine Leiter gespendet, damit man die Vorhänge besser abnehmen kann. Er ist selbst so glücklich über sein Geschenk, dass er sie vor der versammelten Gemeinde aufstellt und dann auch noch darauf steigt. Sofort springen etliche junge Leute auf, um ihn ggf. aufzufangen, wenn er stürzen sollte – schließlich soll der Aufstieg auf die Leiter ja nicht direkt weiter in den Himmel führen…

Abends ist dann noch Telefonzeit und ich kontaktiere ein paar Bekannte, die wir leider aufgrund der Sicherheitssituation nicht mehr besuchen können: Ein alter Freund und häufiger Ratgeber erzählt mir, dass seine Frau an Corona erkrankt und die Familie in Quarantäne ist – da beide schon sehr alt sind, macht uns das natürlich Sorgen. Mein ehemaliger Nachbar freut sich riesig über unseren Anruf – wir wohnten nur ein Jahr nebeneinander, aber es hat sich eine so herzliche Beziehung entwickelt, als hätten wir viele Jahre miteinander verbracht. Dann telefoniere ich mit E., der lange mit uns zusammen im Hof gewohnt hat. Er ist kaum zu verstehen – einmal, weil wir kaum eine gemeinsame Sprache sprechen und zum anderen, weil er so aufgeregt ist. Mit Hilfe verstehen wir uns dann doch noch: vor Jahren hatte ich ihm wohl einmal Geld gegeben, um Strom zu kaufen (das funktioniert hier im Prepaid-System). Er habe damals finanzielle Schwierigkeiten gehabt und deshalb umgerechnet 2,30 € unterschlagen, das lastet auf seiner Seele. Ich bin bewegt von seiner Ehrlichkeit und versichere ihm nur zu gerne, dass nichts zwischen uns steht! Kurz darauf ruft mich M. an und teilt mir mit, dass sein Vater, lange Jahre Pastor in Ségou, am heutigen Tag gestorben ist. Vor Monaten hatte er einen Schlaganfall, aber nun war er schon wieder auf dem Wege der Besserung und er bittet für die Familie zu beten, denn sie werden in den nächsten Tagen von überallher zur Beerdigung kommen.

Ein bunter Sonntag mit vielen kleinen schönen und traurigen Momenten. Bunt wie das Leben in Mali eben.

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