Nachhaltigkeit – ein Kontrapunkt

In Deutschland ist ja alles – oder vielmehr sollte alles – nachhaltig sein. Der Energieverbrauch, die langwirtschaftliche Produktion, die Wirtschaft, ja mittlerweile retten wir den Planeten, wenn wir wiederverwendbare Ohrenstächen verwenden, und manchmal stellt man sich die Frage, ob aus einem wichtigen Konzept nicht mittlerweile eher ein Werbeslogan geworden ist: wie sinnlos auch immer ein Produkt sein kann: Hauptsache es steht „nachhaltig“ drauf.

Und auch oder gerade in der Entwicklungszusammenarbeit wie auch in der Missionsarbeit wollen wir nachhaltig sein. Geld einfach so geben, weil gerade der Bedarf da ist, ohne an die Wurzeln zu gehen, ohne zu fragen, wie die Notlage entstanden ist und wie man sie in Zukunft vermeiden kann, ist das nicht rausgeschmissenes Geld? Unsere Hilfe, sei sie technisch, personell oder finanziell in Mali, wollen wir so gestalten, dass keine Abhängigkeiten entstehen, dass Menschen in die Lage versetzt werden, unabhängig von unseren Ressourcen und im Bewusstsein ihrer eigenen Fähig- und Möglichkeiten ihr Leben zu gestalten – nachhaltig eben. Darüber sind etliche Bücher geschrieben worden und vieles, was wir als Menschen aus dem reichen Norden in der Vergangenheit getan haben, mussten wir – berechtigterweise – in Frage stellen. Und, um es gleich deutlich zu sagen: Ich bejahe dieses Konzept von Herzen und setze mich dafür seit Jahren in unserer Arbeit ein. Und doch, immer wieder komme ich auch an den Punkt, wo ich mich frage, ob das wirklich der Weisheit letzter Schluss ist.

Wenn ich mit den Menschen hier spreche, dann begegnet mir eine ganz andere Auffassung: viele Leute leben hier von einem Tag auf den anderen. Ob sie dabei nachhaltig leben oder nicht, die Frage stellen sie sich gar nicht. Zumindest das traditionelle Finanzsystem ist auf eine völlig andere Weise, als wir uns das vorstellen, nachhaltig: Wer heute viel hat, der hilft dem, der Pleite ist in dem Bewusstsein, dass ihm, wenn er selbst in diese Situation kommt, ebenfalls geholfen wird. Auch dieses System funktioniert seit Jahrhunderten und ist auf seine Weise ebenfalls nachhaltig – aber eben anders. Und ich denke, so mancher malische Christ sieht dies auch heute im Austausch mit Christen aus dem ökonomisch reicheren Norden ähnlich. „Zum jetzigen Zeitpunkt hilft euer Überfluss ihrem Mangel ab, damit dann ein anderes Mal ihr Überfluss eurem Mangel abhilft, und auf diese Weise kommt es zu einem Ausgleich.“, schreibt Paulus an die Korinther. … nicht so einfach von der Hand zu weisen…

Um es praktisch zu machen: Vor einigen Jahren haben wir einigen Gemeinden in Mali einen Traktor finanziert, damit sie ihre Felder besser bestellen können und außerdem durch den Verleih an andere, Geld in die Kirchenkasse kommt. Natürlich wurde eine Kasse angelegt, damit Geld für spätere Reparaturen zur Verfügung steht und der Traktor nicht irgendwann nur wegen ein paar fehlender Ersatzteile abgestellt werden muss. Aber was passiert, wenn eine Notlage in der Kirche entsteht, für die kein Geld an anderer Stelle gefunden werden kann? Wir können kopfschüttelnd dutzende Projekte aufzählen, die so unserer Einschätzung nach gescheitert sind, weil das Geld aus dieser Kasse irgendwann für andere Zwecke verwendet wurde. Aber ist das fehlende Nachhaltigkeit, wenn finanzielle Mittel, die für eine noch nicht eingetretene, fiktive Notlage zurückgelegt wurden, benutzt werden, um eine reale, aktuelle Notlage zu beseitigen? Wer von uns würde seinen Eltern die Behandlung im Krankenhaus verweigern, weil das dafür nötige Geld vorgesehen ist für eine noch gar nicht notwendige Reparatur? Steht hier möglicherweise materielle Nachhaltigkeit im Gegensatz zur Nachhaltigkeit eines Gesellschaftssystems? Und ist die Einstellung vieler Malier nicht vielleicht sogar näher an Jesu Worten dran: „Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen!“?

Ist es denkbar, dass unser Konzept von Nachhaltigkeit eines ist, das wir vom reichen Norden auf den finanziell ärmeren Süden übertragen wollen, das aber von vielen Maliern gar nicht mitgetragen wird? Ist nicht ein wesentliches Prinzip von Nachhaltigkeit, dass die Sicht der Menschen, die es betrifft, wesentlicher Ausgangspunkt aller angestrebter Veränderung ist? Kann es daher sein, dass unsere Weise, Nachhaltigkeit zu fordern für Länder wie z.B. Mali alles andere als nachhaltig ist?

Manchmal frage ich mich, ob ich nicht auf einem hohen Ross der entwicklungspolitischen Überheblichkeit sitze. Dann hoffe ich, dass es irgendwann gelingt auf dem Traktor des malischen Alltags gemeinsam zu überlegen, wie man nachhaltig ein Nachhaltigkeitskonzept entwickeln kann.

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