Beileid

Pastor S. und ich machen uns auf den Weg nach Ségou. Da – wie schon erwähnt – der Vater eines langjährigen Mitarbeiters verstorben ist, wollen wir unser Beileid bekunden. Noch vor Sonnenaufgang fahren wir los, die einzige Zeit, in der man sicher und ohne Stau aus Bamako rausfahren kann. 90 Minuten später dann meine geliebte Frühstückspause an einer Omelettbude in Fana. Nach dreistündiger Fahrt lesen wir den Pastor aus Ségou auf, der uns durch die Stadt zum Wohnort der Familie des Verstorbenen bringt. Vor der Tür sitzen ein paar Männer: Verwandte und Freunde und unterhalten sich. Wir grüßen, setzen uns dazu und plaudern. Die Stimmung ist entspannt, locker, es wird gescherzt und geplaudert – alles andere als gedämpfte Beerdigungsatmosphäre – das Leben geht weiter. M., unser Mitarbeiter und ältester Sohn des Verstorbenen ist gerade bei einer Familienzusammenkunft, aber er wird natürlich sofort benachrichtigt, dass Besucher gekommen sind. Wenig später gesellt er sich zu uns und ist sichtlich erfreut über unseren Besuch. Wir erklären kurz, dass wir zur Beerdigung nicht kommen konnten, ihm nun aber gerne unser Beileid ausdrücken möchten. Der Austausch ist weitestgehend ritualisiert, die Sätze vorgegeben, das macht es beiden Seiten leichter, eine Anteilnahme zu zeigen, ohne hilflos nach Worten zu suchen oder Dinge zu sagen, die dem anderen möglicherweise den Schmerz vergrößern, statt zu lindern. M. sagt uns mehrfach, wie sehr er es schätzt, dass wir persönlich noch gekommen sind, obwohl wir doch schon per Telefon unser Beileid ausgedrückt hätten. Wir drücken ihm noch etwas Geld in die Hand, denn die Kosten für eine Beerdigung sind enorm und wer kann, beteiligt sich daran. Nach vielleicht 15 Minuten „entlassen“ wir ihn wieder, da er ja mit der Familie wichtige Dinge zu besprechen habe. Als er gegangen ist, gehen wir noch in den Hof und setzen uns kurz zu den Frauen, die beschäftigt sind mit Kochen: die vielen Gäste, die immer wieder kommen, müssen bewirtet werden. Auch hier ein kurzer Gruß, ein paar Worte des Beileids und schon verabschieden wir uns wieder.

M.s Vater ist 76 Jahre alt geworden – zumindest auf dem Papier, kann sein, dass er auch älter ist, damals spielten Geburtsdaten keine große Rolle. Und er hat 36 Jahre lang als Pastor gearbeitet und war darin sehr geschätzt. Auch darum kommen so viele Gäste. Wir haben ihn zuletzt vor 20 Jahren gesehen, als wir zu dritt durch Mali geradelt sind, um Gelder für die theologische Ausbildungsstätte „FATMES“ zu sammeln. Damals haben wir auf dem Grundstück der Kirche übernachtet und Pastor D. hat uns freundlich aufgenommen… eine der vielen Erinnerungen…

 

beim Pastor in Ségou
Frühstückspause – was waren wir jung…
unterwegs

 

 

 

 

 

 

Wieder so eine Geschichte, die in Deutschland seltsam erscheint, in Mali aber völlig selbstverständlich ist: 250 km fahren wir, damit wir ein paar Minuten dasselbe sagen, was wir schon am Telefon mitgeteilt hatten. Die dadurch ausgedrückte Wertschätzung lässt sich durch nichts anderes ersetzen. Vielleicht haben uns die Lockdowns der letzten 1,5 Jahre aber ein bisschen sensibler dafür gemacht, dass persönliche Präsenz etwas völlig anderes ist, als sich digital, fernmündlich, schriftlich zu begegnen.

 

 

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