Wer sich vorstellt, ich würde hier in Albert Schweizer-Manier das Skalpell schwingen, den muss ich enttäuschen. Die Arbeit, die ich heute zu erledigen hatte, sah nun so ganz anders aus, als man sich das wünscht: Nach Niangalys Ausscheiden in die Rente war ein guter Zeitpunkt gekommen, um auszumisten und sein Büro für unseren Buchhalter einzurichten.
Also machte ich mich daran, die Schränke zu durchstöbern und einen Aktenordner nach dem anderen zu durchforsten: was wird noch gebraucht und was kann weg? Manuel lieh mir ein Gebläse, damit ich erst einmal die Staubschicht entfernen konnte. Als der Nebel sich gelegt hatte, begann ich mir alles anzuschauen und die Nostalgie überfiel mich: alte Protokolle von Sitzungen, in denen wir darum gerungen haben, wie wir, Malier und Deutsche, miteinander zu Gottes Ehre zusammenarbeiten können.

Ein handgeschriebener A6-Schmierzettel, auf dem ein Grundstück in der Stadt Sofara für umgerechnet 230 Euro an einen Missionar verkauft wurde, 30 Jahre alte Projektlisten von Dingen, an die sich wohl kaum mehr jemand erinnert, Fernschulmaterial unserer Kinder, Briefe, die wir an die Missionsleitung in Deutschland geschrieben haben, Folien mit Bildern für Overheadprojektoren (wer weiß noch, was das ist?),
Verträge von malischen Mitarbeitern, die schon lange nicht mehr mit uns arbeiten, Ausarbeitungen von Grundsatzüberlegungen zu unserer Arbeit: was bedeutet Entwicklungsarbeit? Wie sieht unsere Zusammenarbeit mit malischen Christen aus? Besonders hübsch auch der wieder zusammengeklebte Grundstückskaufvertag auf den Missionarskinder Ostereier gemalt und diese dann ausgeschnitten haben. Selbst das Abschlusszeugnis (im Original!) der theologischen Ausbildung unseres jetzigen Präses konnte ich entdecken.

Mehrere Stunden hockte ich in dem Büro, schaute durch, schmiss weg, heftete ab, was vielleicht nochmal hilfreich sein kann und erinnerte mich an die 10 Jahre, die wir hier dauerhaft gelebt haben. Der Berg von Akten, der nun vor mir liegt, macht mich nicht wehmütig, sondern viel mehr dankbar, für die vielen Menschen, die an Gottes Geschichte in Mali beteiligt waren, mit viel Schweiß, mit viel Staub, mit Schmerz, mit Freude, mit Frust, mit wertvollen Erfahrungen, mit Segen.

