Gottes Hand in alten Zeiten

Wir sitzen zusammen mit Marie, Daniel und Issac beim Abendessen. Langsam aber sicher wendet sich unser Gespräch den „alten Zeiten“ zu, als Gerlind und ich noch in Mali lebten und die Kinder noch klein waren. 20 Jahre ist das jetzt her und wir tauschen uns aus, erzählen uns Geschichten, lachen über manches, was damals war und auch über uns selbst. Vieles kann man sich heute kaum noch vorstellen, so haben sich die Zeiten auch in Mali verändert. Gerade die Fahrten mit unseren Kindern zum Internat an der Elfenbeinküste hatten es in sich: 1.200 km hin und wieder zurück über Löcherpisten, Grenzkontrollen und zwischendurch mehrere Putschversuche – mal mehr mal weniger erfolgreich – in der Elfenbeinküste. Isaac, der uns des Öfteren als Fahrer begleitet hat, hat plötzlich ein sanftes Grinsen auf dem Gesicht, will aber nicht mit der Sprache rausrücken. Als ich ihn dann später alleine treffe, verrät er mir, was in seinem Kopf rumging:

Isaac in „seinem“ LKW

Einmal fuhr er mit Gerlind zu den Kids. Eigentlich wollten sie in Bouaké Halt machen, aber da es noch früh war schlug Isaac vor doch noch weiterzufahren, die Kinder seien doch sicher froh, wenn die Mama schon eher bei ihnen wäre. Unterwegs setzte dann allerdings so ein starker Regen ein, dass eine Weiterfahrt nicht mehr möglich war: die Straße verwandelte sich in eine Seenplatte. So fuhren die beiden ungeplant in ein Dorf, wo eine bekannte Missionarin war und verbrachten dort die Nacht. Am nächsten Morgen stellten sie fest, dass auf dem Weg zum Dorf riesige Löcher waren, die durch den Regen nicht sichtbar waren. Wären sie dort hinein geraten, wäre die Fahrt und Auto zu bzw. am Ende gewesen.

Bei einer anderen Rückfahrt aus der Elfenbeinküste war ich, Karsten, allein im Auto, es war Nacht und auch hier setzte ein heftiger Regen ein. Es war nahezu nichts mehr zu erkennen. Anhalten mitten auf der Straße ging nicht, an die Seite fahren auch nicht, weil man nicht sehen konnte, was neben der Straße war und so blieb nur, sich weiter im Kriechtempo vorarbeiten. Als ich endlich in Sikasso angekommen war, gelang es mir nur noch auf eine Tankstelle zu fahren, den Motor abzuschalten und sofort war ich eingeschlafen.

Als Gerlind zum letzten Mal die Kinder abholte, kam sie kurz vor Bamako in einer Kurve von der Fahrbahn ab und raste in die Natur. Als ich mir ein paar Stunden später die Strecke anguckte wurde mir erst richtig klar, wie gefährlich die Situation war: das Auto war vielleicht 50 Meter im „Busch“ weiter gefahren, bevor es zum Stehen kam. Rechts und links der Strecke waren Felsbrocken und Bäume, aber mehrere Engel mussten das Auto genau dort hindurch geleitet haben, sodass niemand verletzt wurde (auch wenn das Auto nachher Schrott war).

Tatsächlich ist es in Mali viel wahrscheinlicher an einem Verkehrsunfall zu versterben als an Malaria oder sonstigen Tropenkrankheiten. Und als wir uns die verschiedenen Situationen der Vergangenheit ins Gedächtnis riefen, wurde uns neu bewusst, wie sehr wir Gottes Schutz brauchen und wie oft wir seine schützende Hand in den Jahren schon erlebt haben.

Sackhüpfen und -vermeintlich- pädagogisch wertvolles Spielzeug…

Gestern ging der Vormittag für Simon und mich früh los: Wir hatten uns in der “I-in-sini” (übersetzt: Du und die Zukunft) – Schule, die vor einigen Jahren hier in Bamako gegründet wurde, angekündigt, um mit einem Teil der Klassen die erste Stunde „Körperliche Übungen“ zu gestalten.

Gleich beim Betreten des Schulhofes werden wir Zeugen des allmorgendlichen „Fahnenappells”: die Schüler singen die Nationalhymne, während einer von ihnen die malische Fahne hisst. Wir sind beindruckt von der herrschenden Disziplin, während kein Lehrer in der Nähe zu sehen ist.

Da wir eher Spiele wie Sackhüpfen, Eierlaufen (wir haben uns für Zwiebeln entschieden) und Dreibein-Laufen geplant haben, lässt einer der Lehrer die Kids erstmal ein paar Aufwärmübungen absolvieren. (Video 1 – hier klicken)

Dann geht es los! Bei aller Disziplin in gewohnten Abläufen wird es jetzt spannend, denn solche Spiele sind die Kids nicht gewohnt, was bedeutet, dass viel erklärt und gezeigt werden muss. Zum Glück haben wir die engagierte Unterstützung der beiden noch recht jungen Lehrer und des Wächters des Schulgrundstücks! Denn Simons Französisch reicht nicht für ausführliche Erklärungen und ich möchte  als Frau im fortgeschrittenen Alter und malischen Kleid nicht mit einem Sack durch die Gegend hüpfen.☺️

Die Stimmung steigt! Wir bedauern die beiden ersten Jahrgänge, die drinnen in ihren Klassen sitzen und arbeiten müssen, während es draußen so laut und fröhlich zugeht.

Einerseits freuen wir uns über die Begeisterung und drüber, wie einfach es ist, die Kids zu motivieren. Andererseits macht es uns traurig, weil es zeigt, wie wenig Kindern hier diesbezüglich angeboten wird. Nichts von dem, was wir benutzen, haben wir aus Deutschland mitgebracht. Alle „Utensilien“ kann man hier im Haushalt oder auf dem Markt für wenig Geld finden. Das hatten wir bewusst so gemacht in der Hoffnung auf Nachahmung.

Als die Kinder wieder in ihre Klassen zum weiteren (vermutlich weniger lustigen🙂) Unterricht müssen, gehen wir in die Vorschul-/ Kindergartengruppe.

Wir haben einige Tischspiele (diese jetzt doch aus Deutschland importiert☺️, pädagogisch durchdacht, mit verschiedenen Spiel- und Lernmöglichkeiten) mitgebracht. Wir wollen sie sowohl den Erzieherinnen als auch den Kids nahebringen. Letzteres scheitert erstmal kläglich – nicht leicht zu verdauen für eine 8fache Oma und einen Sozialarbeiter! Die Kinder sind total schüchtern, gucken zwar interessiert, aber auch ratlos auf die Spiele. Dass sie (noch) kein Französisch und wir kein Bambara sprechen ist auch nicht zielführend…

Aber Simon legt fleißig die Tierpuzzle immer wieder zusammen und lässt nach einiger Zeit den Puzzle-Löwen knurren. Damit können einige der inzwischen „aufgetauten“ Kinder umgehen und schon entwickelt sich ein fröhlicher Kampf zwischen Löwe, Elefant, Nashorn und Giraffe. (Ich stelle schnell fest, dass die Puzzleteile in diesem Rahmen für mich nicht mehr sooo robust aussehen, wie sie es in Deutschland taten…)

Bei den anderen Spielen überlege ich angestrengt an der allereinfachsten Variante, die diese hergeben und so sind wir schnell weg von Formen und Größen, sondern fangen mit dem Farbenwürfel an (selbst der Gebrauch eines Spielewürfels ist den 4-5jährigen Kindern unbekannt), dem Vergleich mit den dazugehörenden Holzteilen und den Namen für diese Farben.

Ich freue mich zu sehen, wie gut die beiden Erzieherinnen die Kinder kennen und auf sie eingehen! Sie haben die Spiele schnell verstanden (obwohl so etwas vermutlich in ihrer Ausbildung nicht vorkommt) und ich bin zuversichtlich, dass sie miteinander die verschiedenen Möglichkeiten entdecken, vor allem, wenn die fremden Weißen nicht mehr dabei sind! (Video 2 – hier klicken)

Simon und ich hatten viel Spaß! Gleichzeitig hat es uns wieder einmal die großen Unterschiede gezeigt, von denen viele nicht einfach als gut oder schlecht eingeordnet werden sollten. Für viele malische Kinder bedeutet Spielen mit anderen Kindern zusammen zu sein und da fällt irgendwem immer etwas ein. Da wird aus wenig viel gemacht. Einsamkeit kennen viele Kinder hier nicht. Aber während viele Kids in Deutschland zu viele Möglichkeiten haben und damit nicht nur über-fördert und über- fordert werden, gibt es hier nur wenig kreative Angebote und Förderung.

Jedes Extrem hat seine Herausforderungen.

Weitermachen – weiterbeten

4 MitarbeiterInnen der Hilfsorganisation aus Sévaré sind nach Bamako gekommen, damit wir uns treffen können. Dass wir zu ihnen fahren und die Projekte nicht nur besprechen, sondern auch anschauen, ist schon seit ein paar Jahren aus Sicherheitsgründen nicht mehr möglich. Um so mehr freuen wir uns, dass wir ein paar von unseren langjährigen Mitstreitern wieder sehen können. Wir tauschen uns aus und informieren uns gegenseitig nicht nur über die Arbeit, sondern auch, was in Mali und Deutschland, was in unseren jeweiligen Kirchgemeinden und ebenso in unseren Familien vor sich geht. Spätestens als uns ein Mitarbeiter erzählt, dass er sich am grauen Star operieren lassen muss, stellen wir fest, dass alle älter geworden sind.

Der Radius für die Arbeiten in Norden Malis ist stark eingeschränkt: einer unserer Arbeitsschwerpunkte westlich des Nigerflusses ist absolutes Tabugebiet, weil Islamistenhochburg. Auch im Norden Sévarés ist das Arbeiten zu gefährlich: Minen, Überfälle, Autodiebstähle. Selbst weiter südlich in Richtung Burkina Faso, wo unsere Krankenstation „Mankoina“ liegt, ist es auch für Malier zu unsicher hinzufahren, weil sich auch diese Gegend außerhalb aller staatlichen Kontrolle befindet. Auch das tägliche Leben hat sich verändert: als einer unserer Freunde mit der Ernte seines Reisfeldes nach Hause fährt, wird er von Jihadisten angehalten. Sie verlangen „den Zehnten“ und er muss ihnen einen Teil seiner Ernte überlassen, bevor sie ihn weiter fahren lassen. Was tun?

Wir arbeiten weiter, da wo es noch geht, nutzen die Chancen, solange noch Zeit ist. Die Arbeit unter den AIDS-kranken Menschen in Sévaré läuft weiter und auch südlich davon können Gartenbauprojekte, Aufforstung und Alphabetisierungsprojekte weiter durchgeführt werden.

Und wir beten weiter für Mali und für Frieden und Versöhnung in diesem Land. Letzte Tage sagte uns ein langjähriger Freund: „Wir haben so viel gebetet, wir haben gefastet und Gebetsnächte organisiert, aber bisher hat sich die Situation eher verschlechtert als gebessert.“ Und doch: Sie beten weiter und wir wollen sie darin unterstützen, darauf vertrauen, dass Gott handelt. Letztens lasen wir in einem Buch „Die höchste Form der Anbetung ist es, Gott zu vertrauen, auch wenn alles dagegen spricht und man nichts von seinem Eingreifen sieht!“  Aber wir wollen auch dafür beten, dass unsere malischen Geschwister die Gelegenheiten nutzen, die sich durch die Krise im Land bieten und Muslimen zeigen, wie Versöhnung gelebt werden kann und dass wir einem Gott der Liebe dienen.

Aber freuen können wir uns auch miteinander: „Wir können Euch ja leider in Moment nicht mehr bei uns im Norden willkommen heißen, daher haben wir ein Schwein gekauft und im Ofen gegrillt, das wir heute miteinander essen wollen.“ Also nicht nur weitermachen und weiterbeten – auch weiterfeiern gehört dazu!

Ob sich das wirklich lohnt?

Gestern konnten wir endlich mal nach Tousséguéla fahren. Ihr erinnert Euch an Tousséguéla? Das Dorf oder vielmehr die Kleinstadt in der Region Sikasso, wo unsere malische Partnerkirche vor Kurzem eine Arbeit begonnen hat und in dem seit dem Sommer Pastor Esai die kleine Gruppe von Christen betreut. Diesmal planten wir sie zu besuchen. Irgendwie hatte ich 3 Stunden Fahrt im Kopf, aber als es an die Planungen ging, stellten wir fest, dass es eher 5 Stunden sind. Aber jetzt war unser Besuch angekündigt und so stellte sich die Frage nicht mehr, ob wir das Programm noch ändern sollten. Also aufstehen um 4 Uhr morgens und Abfahrt um 5. Die Sonne ging langsam auf, als wir uns durch das zu früher Stunde noch relativ autofreie Bamako gewühlt hatten und danach durch die malische Steppe fuhren. Die letzten 22 Kilometer waren dann eine kleine Zumutung: Die Pistenverhältnisse waren so schlecht, dass wir für die Strecke 90 Minuten brauchten – das nächste Mal nehme ich mein Fahrrad mit! Auch waren die Mägen nicht aller Mitfahrer für diese Strecke geeignet und so mussten wir dann auch schon mal Pause machen – wenn Ihr versteht, was ich meine…

Nach 5,5 Stunden hatten wir es dann geschafft und kamen in Tousséguéla an. Pastor Esai und eine Handvoll Christen, sowie einige Kinder erwarteten uns und wir feierten – wenn auch mit reichlich Verspätung – gemeinsam Gottesdienst. Ernüchternd war das schon, waren da nicht mal um die 30 Menschen, die ihr Leben mit Jesus begonnen hatten? Ja, der eine oder andere konnte heute nicht kommen, z.B. weil das Motorrad unterwegs kaputt gegangen war, aber eine ganze Reihe der jungen Christen hatte sich im Laufe der letzten Zeit zurückgezogen: aus Angst vor Repressalien der Familie und der islamischen Nachbarn, vielleicht auch weil sie falsche Erwartungen an die junge Gemeinde hatten, andere waren wohl erstmal in Wartestellung, um zu sehen, wie das mit dem kürzlich gekommenen Pastor wohl werden würde. Irgendwie erinnert die Situation in Tousséguéla an das Gleichnis, das Jesus über das Fruchtbringen der Saat auf dem Acker erzählt hat (Markus 4). Und doch ist nicht alles wie vor der Ankunft der Christen war. Ein junger Mann, der neu zu Jesus gefunden hat, ist mit vollem Herzen dabei. Und er unterstützt Pastor Esai und die anderen Christen, wo er kann. Er lässt sich nicht abschrecken davon, dass er, seitdem er Christ geworden ist, einige Nachteile in Kauf nehmen muss und ihm z.B. Geld vorenthalten wurde, was ihm eigentlich zugestanden hätte.

3 Stunden blieben wir in Tousséguéla. Nach dem Gottesdienst aßen wir zusammen, tranken Tee und plauderten – keine tiefgreifenden Gespräche aber eine fröhliche malische Art Gemeinschaft zu haben. Dann machten wir uns auf den Rückweg, der dank der abendlichen Staus in Bamako nun über 6 Stunden dauerte. Todmüde fielen wir in unsere Betten. War das die Mühe wert? Mit 5 Leuten 11 Stunden Fahrt z.T. über abenteuerliche Pisten, Sprit für über 500 km verfahren und überhaupt: längere Fahrten in Mali sind zurzeit nie ohne Riskio – alles, um ein paar Stunden mit einer Handvoll Christen in einem abgelegenen Gebiet Gottesdienst zu feiern. Ist das wirklich angemessen? Das ist uns eine ernste Frage. Und doch hören wir, wie wichtig dieser kleinen Schar ein solcher Besuch ist, auch wenn wir das vielleicht gar nicht wahrnehmen. In einer Gesellschaft, wo sie sich als Christen ausgegrenzt sehen und manchem das Leben schwer gemacht wird; weit weg von den anderen Gemeinden und Pastorenkollegen; geworfen in eine neue Arbeit, die auch mit machen Rückschlägen fertig werden muss: Ein Zeichen der Verbundenheit, da scheuen 5 Leute nicht die Mühe, das Geld, das Risiko, um uns zu zeigen, dass wir nicht alleine sind, zeigen, dass Menschen an uns denken, denen wir noch nie begegnet sind. Und so berichteten wir auch davon, dass immer wieder Christen aus Deutschland für sie beten, auch wenn sie vermutlich nie die Möglichkeit haben werden, einmal nach Tousséguéla zu kommen.

Ob sich das wirklich lohnt? Eine Antwort darauf haben wir nicht – müssen wir vielleicht auch nicht und auch die Malier haben hier durchaus nicht alle dieselbe Vorstellung. Aber jetzt hoffen und beten wir, dass der Besuch eine Ermutigung war für die Christen und ein Zeichen für die Bevölkerung in Tousséguéla: wir sind in Christus verbunden. Und vielleicht ist es auch eine Motivation für den einen oder anderen in Deutschland weiter für diesen Ort zu beten.

Kaltstart im Warmen

Vorgestern angekommen! Am Flughafen Covid-PCR-Test-Kontrolle, langes Warten auf die Koffer, aber dann back again in Bamako. Manuel und Simon holten mich ab und chauffierten mich zu unserem Gästehaus. Dort: was für ein Empfang! Gleichzeitig mit mir kamen 2 ehemalige Mitstreiter „aus alten Zeiten“, die auch gerade in Mali sind, an; ebenfalls Janina, die Tochter von Freunden und Mitstreitern und mit unseren Kids in Mali aufgewachsen. Dazu ein paar malische Freunde – o.k., die kamen jetzt alle nicht, um mich willkommen zu heißen, aber es hatte schon was auf unsere alten Tage zusammen zu sein wie in alten Tagen… Also gleich munteres Treiben statt erst mal ruhig ankommen.

Und gestern dann direkt eine Mammutsitzung. Von 9:00 bis 20:00 saßen wir mit dem Kirchenleitungskomitee zusammen, diskutierten über die Durchführung eines Pastorenseminars, den Umgang mit psychisch kranken Mitarbeitern, Finanzfragen, sportmissionarische Arbeit, Kindercamps, Probleme durch coronabedingte Ausfälle in der von der Kirche geleiteten Schule und und und. Während ich am späten Vormittag den Eindruck hatte, ich würde gleich einschlafen, lief ich zum Nachmittag immer mehr warm und konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, wenn dem einen oder anderen Sitzungsteilnehmer immer mal die Augen zufielen.

Durch die verspätete Anreise ist natürlich manches im Programm komprimierter als geplant, da muss ich dann schon in Kauf nehmen, dass weniger Zeit zum Verschnaufen ist. Und auch wenn ich im Laufe der Jahre schon zig dieser Sitzungen mitgemacht habe, gibt es doch immer wieder Dinge, die mich verblüffen, bin ich erstaunt, wie Dinge geregelt oder besprochen werden. Ich lerne weiter, dass es noch so viel gibt, was meinen Blick auf Kultur und Umgang miteinander erweitert.

Nun also doch noch

Auf dem Flughafen in Paris – kurz vor dem Abflug nach Bamako – in der Praxis läuft alles dank meinem Kollegen und unseren beiden Arzthelferinnen – Omikron… natürlich kann das kommen, aber das Leben bleibt deshalb ja nicht stehen – vielleicht kommen ja bald Kappa oder Lambda – die letzten Tage waren erfreulich entspannt, weil ja dann doch viel mehr Zeit war, als ursprünglich geplant – jetzt Mali vor Augen – Weihnachtsmarkt ist ja in Sachsen eh nicht – werde also nichts vermissen – ob das strategische günstig war den abzusagen? – man hätte doch kostenlosen Glühwein für Erstimpfung anbieten können – hier in Paris geht alles gesittet und coronakonform zu – Masken – Abstand – jeder 2. Sitz blockiert – nur im Bus vom Flugzeug zum Gate bricht alles zusammen: da stehen wir uns fast auf den Füßen und der Mindestabstand von 15 cm wird oft nicht eingehalten –  egal, ich fliege jetzt zu Gerlind, Manuel und Simon und ganz vielen malischen Freunden und Mitchristen in die Sahelzone und bin so froh, dass nicht noch etwas dazwischen gekommen ist – tauche ein in eine so andere und doch so vertraute Welt.

Eigentlich…

… ja eigentlich säße ich, Karsten, jetzt im Flugzeug in Richtung Bamako. Wäre da nicht Corona, denn durch verschiedene Ereignisse um dieses Virus in der letzten Woche musste ich den Flug auf nächste Woche verschieben, damit der Praxisbetrieb in Leipzig weitergehen kann. Also sitzt jetzt Gerlind im Flieger, während ich ein unerwartetes freies Wochenende in Deutschlands Kühle habe. Aber Gerlind ist nicht allein! Simon, ein junger Mann aus unserer Gemeinde in Leipzig, startet in ein 2-monatiges Praktikum in Mali. Und so reisen die beiden in die mollige Wärme und ich hoffe ihnen am Donnerstag folgen zu können.

Acht Monate sind schon wieder vergangen, seitdem wir das letzte Mal malischen Boden besucht haben und Manuel Müller, unser „Agromissionar“ vor Ort, hat sich derweil tapfer durch das Sprachstudium geschlagen. Das war nicht ganz einfach, denn gerade die sehr hilfreichen Dorfaufenthalte waren aufgrund der Sicherheitslage nicht so möglich, wie wir es uns gewünscht haben. Jetzt freuen wir uns auf das Wiedersehen und das gemeinsame Überlegen, wie es nach dem Bambara-Lernen weiter geht.

… und dann kommt plötzlich die Nachricht, dass da wieder eine neue Variante auftaucht – Omikron. (Wie gut, dass Virusvarianten nicht wie Hurrikans nach menschlichen Vornamen benannt werden!) So beten wir, dass dies nicht auch noch die Reisemöglichkeiten beeinträchtigt und Gerlind und ich gemeinsam am 4. Advent wieder zurück in Deutschland sein werden. Und es freut uns, dass auch Ihr wieder in Gedanken und Gebeten mitreist!

 

Aus die Maus

Wieder sind die knapp 3 Wochen Mali vorbei. Wieder sitzen wir am Flughafen und sind froh, dass unser Gepäck, gefüllt mit Mangos, Erdnüssen, Datteln etc. anstandslos durch die Kontrollen gegangen ist. Der Coronatest, für den wir gestern 2 Stunden anstehen mussten, war ordnungsgemäß negativ und dass unsere Namen beim Einchecken am Flughafen nicht auf der Liste standen, ließ sich glücklicherweise schnell klären.

3 Wochen Mali: wir haben ca. 15 Sitzungen und Treffen mit wichtigen Kirchen- und NGO-Vertretern hinter uns gebracht, etwa 10 Stunden im Stau in Bamako gestanden. 13 Mäuse haben in unserer Wohnung ein bitteres Ende gefunden. Wir waren ca. 800 km mit dem Auto unterwegs, haben nur einmal gekocht, 5 Gottesdienste besucht, nicht gezählte Mund-Nasen-Masken durchgeschwitzt. Wir haben über Kleinkreditprojekte gesprochen, bauliche Maßnahmen an unserer Zentrale beschlossen, Ärger unserer Mieter geschlichtet, Manuel Müller in die Arbeit eingeführt, ca. 30 Gläser malischen Tee getrunken, fast jeden Tag 3 x geduscht und wenn eben möglich einen Mittagschlaf gemacht, meistens morgens Müsli gegessen, die I-ni-sini-Schule besucht, mit Freunden telefoniert, die wir aufgrund der Sicherheitslage nicht mehr besuchen können und manchmal auf dem Dach gesessen und trotz Smog einen angenehmen Morgenwind genossen. Und wir waren die ganze Zeit über gesund, hatten keinen Unfall und sind sogar 3 x Joggen gegangen (zumindest Manuel und Karsten…).

Und natürlich haben wir doch auch über Corona gesprochen, haben festgestellt, dass hier auch nicht anders als in Deutschland wilde Theorien verbreitet und manchmal auch geglaubt werden. Aber das Thema hat nicht diese Wichtigkeit – man kann wirklich ganze Tage verbringen, in denen es nicht einmal angesprochen wird. Es gibt tatsächlich noch andere Probleme auf der Welt.

3 Wochen Mali. Heute war der erste Tag, an dem die Mausefallen nicht leergefressen waren und auch keine Maus gefangen wurde. Alles clean! Da wenigstens waren wir erfolgreich. Nach hartem Kampf! Und sonst? Wir habe ein weiteres Mal Partnerschaft versucht – was dabei gelungen ist und was nicht, können wir nicht wirklich beurteilen. Da tut uns jetzt die Quarantäne gut – ein paar Tage abgeriegelt von der deutschen Coronawelt mit der Möglichkeit emotional und im Gespräch die Zeit in Mali verarbeiten zu können.

Jean

Angefangen hat er bei uns als Wächter. Das war in den 90er Jahren und er wurde schnell zum Freund unserer Kinder und auch mehr und mehr von uns. Wenn wir einmal pro Woche mit Freunden draußen auf unserer Veranda in der Bibel lasen, Lieder sangen und beteten (heißt das dann Verandakreis?), war Jean mit dabei. Jean war zuverlässig und offen. Dass er nachts immer die Ratten auf unserem Grundstück gefangen, gegrillt und gegessen hat, war etwas ungewohnt aber durchaus in unserem Sinne. Nach einiger Zeit fragten wir ihn, ob er sich vorstellen könne, ein halbes Jahr zu „Jugend mit einer Mission“ zu einer sogenannten Jüngerschaftsschulung zu gehen – das hat seinen Glauben geprägt. Jean war aktiv und fröhlich mit Jesus unterwegs. Zurück in unserem Wohnort Sévaré ließ er sich zum Krankenpflegehelfer schulen und arbeitete bei uns im AIDS-Projekt mit. Ständig war er mit seinem kleinen Motorrad unterwegs, besuchte die Patienten, behandelte sie unter Aufsicht unseres Arztes und wo die Leute bereit waren zuzuhören, erzählte er ihnen auch von seinem Glauben an Jesus. Jean wohnte mit uns in einem kleinen Zimmer auf unserem Grundstück und gehörte fast schon zur Familie. Irgendwann kam dann H., wurde Jeans Frau und zog auch mit zu uns. Zusammen mit einer weiteren Familie bildeten wir eine bunte Hofgemeinschaft und das gemeinsame Leben war für uns alle eine Freude – natürlich nicht immer, aber unterm Strich waren wir ein gutes Team.

Als wir 2003 nach Deutschland zurück gingen, verlor sich der Kontakt. Das Internet war noch sehr dürftig hier, das Smartphone noch nicht erfunden und zum Telefonieren brauchte man in Mali einen Festnetzanschluss. Lange hörten wir fast nichts mehr voneinander. Es lief nicht gut. Es gab Probleme mit seinen Vorgesetzten, die letztlich zum Verlust der Arbeitsstelle führten. Jean ging mit H. und seinen mittlerweile 2 Kindern nach Bamako, um dort irgendwie über die Runden zu kommen. Einmal konnten wir uns noch bei einem Besuch in Mali treffen, dann hörten wir, dass Jean verstorben sei. Plötzlich, ohne große Vorerkrankung, keiner weiß warum – es stirb sich leicht in Mali.

Heute war H. bei uns zu Besuch, zusammen mit ihren beiden Kindern. G. steht kurz vor dem Abi, I. ist in der 8. Klasse. G möchte Übersetzer werden – Deutsch und Englisch, I. träumt nach wie vor von einer Fußballerkarriere. H. hat erneut geheiratet – ob es eher eine Zweckheirat war, können wir nicht beurteilen. Als die drei in den Hof kommen, rennt I. auf mich zu und springt in meine Arme (hups, da haben wir doch kurz die Coronaregeln vergessen). Wir haben uns erst vor ein paar Jahren kennen gelernt, seitdem wir wieder in Mali arbeiten, aber uns verbindet die Erinnerung an Jean. Und er sieht seinem Vater so dermaßen ähnlich, dass man kaum anders kann, als ihn an sich zu drücken.

Gestern war Ostern. In der Gemeinde in Quinzambougou habe ich über Jesu Auferstehung gepredigt und darüber, wie der Sieg Jesu auch unseren Tod besiegt hat. Irgendwann, denke ich, werde ich im Reich Gottes auch Jean in die Arme schließen können und vielleicht erinnern wir uns dann an die ersten gemeinsamen Jahre auf unserem Grundstück – nur steht dann sicherlich etwas anderes auf der Speisekarte!

 

Ostern in Bamako

Wie Ihr seht: am Corona-Sicherheitsabstand müssen wir noch arbeiten (ich durfte zum Glück vorne sitzen – da war genug Platz zwischen uns), aber an der Stimmung nicht. Ich hoffe, es ging bei Euch ähnlich munter zu. Ach nein, in Deutschland darf man ja nicht mehr singen.  Hier also eine kleine Kostprobe aus dem Ostergottesdienst:

https://youtu.be/A8Ot_NZFaBg

Euch allen ein gesegnetes Osterfest!